Auf der Suche nach dem verlorenen Charisma

Vierzig Jahre Kollaps sind genug: Eine Apostolische Visitation soll die tätigen Frauenorden in den Vereinigten Staaten wieder auf die Beine bringen

Würzburg (DT) Barack Obamas Besuch bei Papst Benedikt XVI. ist nur ein kirchliches Thema, das Amerika in diesen Tagen beschäftigt. Für Schlagzeilen sorgt neben der vom Vatikan angekündigten Apostolischen Visitation der Legionäre Christi auch die Apostolische Visitation der tätigen Frauenorden und -kongregationen in den Vereinigten Staaten. Den Anstoß dafür gab die römische Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens.

Parallel dazu will der Vatikan auf Initiative der Glaubenskongregation auch den 1956 gegründeten Dachverband der weiblichen Orden, „Leadership Conference of Women Religious“ (LCWR), dem 95 Prozent aller Oberinnen in den Vereinigten Staaten angehören, prüfen. Vor acht Jahren hatte der damalige Präfekt Joseph Ratzinger dort lehramtliche Defizite mit Blick auf die Haltung zur Frauenordination, Homosexualität und der Gewichtung der Kirche in der Heilsgeschichte festgestellt und ein Umdenken angemahnt.

Visitatorinnen gesucht

Während der ersten Phase der Apostolischen Visitation wurden schriftliche Auskünfte eingeholt. Der Informationsaustausch begann im Mai und soll Ende Juli abgeschlossen werden. Wie die Apostolische Visitatorin, Schwester Mary Clare Millea ASCJ, Generaloberin der „Apostel vom Heiligsten Herzen Jesu“, ankündigte, werden Generalate und Provinzialate im August als zweiten Schritt Fragebögen erhalten. Ziel der Visitation sei es, auf die Herausforderungen, denen sich Ordensleute in der Vergangenheit gestellt haben einzugehen und am besseren Verständnis, für den Schutz und die Förderung des geweihten Lebens in den Vereinigten Staaten zu arbeiten. Geprüft werden soll auch, wie es die Schwestern mit der Treue zu ihren Konstitutionen und den Maßgaben der Kirche für das Ordensleben halten. Kontemplative Klöster sind von der Visitation ausgenommen.

Für das kommende Jahr sind Gespräche in den Konventen geplant. Schwester Mary Clare hatte die Ordensoberen bereits im Mai um Vorschläge für geeignete Visitatorinnen gebeten – mit dem Hinweis, dass bei den Kandidatinnen neben fachlichen und menschlichen Qualifikationen die Bereitschaft zu einem öffentlichen Glaubensbekenntnis und einem Treueeid auf den Apostolischen Stuhl vorausgesetzt werde. Nach Abschluss der Gespräche im Jahr 2011 soll Kardinal Rodé, der Präfekt der Religiosenkongregation, einen Bericht der Generalvisitatorin erhalten.

Schon die Startphase der Apostolischen Visitation wirbelte soviel Staub auf, dass die New York Times dem Thema Anfang Juli ein Titelseite widmete. Verschiedene Gründe kommen hier zusammen: In mehreren Frauenorden regte sich spontane Opposition, nachdem die Pläne für die Visitation im Februar bekannt geworden waren. Berichten der „New York Times“ zufolge sollen bis Anfang Juli gerade 55 Prozent der angeschriebenen Oberinnen auf die Anfrage der Generalvisitatorin geantwortet haben. Das Blatt zitierte die emeritierte Neutestamentlerin Sandra Schneiders I.H.M. aus der Kongregation der Dienerinnen vom Unbefleckten Herz Mariens, die an der Jesuitenhochschule Berkeley in Kalifornien lehrte und unlängst zum Boykott der Visitation aufrief: Man solle die Visitatorinnen als „ungebetene Gäste behandeln und im Sprechzimmer empfangen, aber nicht durch das Haus führen“. Bei der Abwehr spielt vor allem die Furcht eine Rolle, die Visitation könne das Leitbild einer dienenden Rolle für Schwestern wieder etablieren. „Unsere Lebenspläne und deren Bild von Ordensfrauen als Arbeitskräften kommen nicht vom selben Planeten“, erklärte Schneiders. Sie selbst gehört zu den Verfechterinnen der an vielen katholisch-theologischen Fakultäten in Amerika verwurzelten feministischen Theologie. In ihrer Vorstellungswelt existiert eine „unsichtbare Kirche“ unter direkter Erleuchtung des Heiligen Geistes, die „mit dem im Vatikan herrschenden Kirchenbild nicht vereinbar ist“. Dass auf der Homepage ihrer Kongregation außer der Gründerin keine Ordensfrau im Habit abgebildet ist, verbindet Schneiders mit vielen nicht kontemplativ lebenden Ordensfrauen in den Vereinigten Staaten.

Dass die Visitation in nicht wenigen Frauenorden auf Widerstände stößt, überrascht nicht. Seit Jahrzehnten stellen Beobachter innere Auflösungserscheinungen in vielen Schwesterngemeinschaften in den Vereinigten Staaten fest. Die Liste der Kritikpunkte ist lang: Viele Katholiken nehmen Anstoß an Ordensfrauen, die zentrale Glaubensaussagen leugnen, sich aggressiv für feministische Theologie als zeitgemäße Spielart der Befreiungstheologie einsetzen, politisch radikal auftreten, mit New Age, Öko-Spiritualität und Hexenkulten experimentieren, die Frauenordination befürworten, die Lebensschutzbewegung sabotieren, den Habit, den täglichen Besuch der heiligen Messe und traditionelle Aufgabenbereiche ihrer Gemeinschaft wie Schule und Krankenhaus als unzeitgemäß ablehnen und außerhalb ihrer Gemeinschaft leben. Joan Keller-Maresh, ehemalige Ordensfrau der Josephsschwestern in Concordia (Kansas), gestattete der Öffentlichkeit schon in den achtziger Jahren einen Blick in den Abgrund, als sie nach dreizehn Jahren Ordensleben ihre Kongregation verließ, um radikal feministisch getönte Workshops unter dem Titel „Vom Konvent in den Hexenzirkel“ organisierte.

Folgerichtig hatte Kardinal Rodé im vergangenen Jahr bei einer Tagung für Ordensleute in Stonehill College in Massachussetts bilanziert, viele nordamerikanische Ordensfrauen hätten einen Weg eingeschlagen, der sie „außerhalb der Kirche“ führe. Andererseits seien neue Gemeinschaften entstanden und alte Orden hätten ihr traditionelles Charisma wiederentdeckt. Entgegen dem allgemeinen Trend kennen diese Gemeinschaften keine Nachwuchsprobleme.

Diese Phänomene sind zwar nicht nur in den Vereinigten Staaten zu beobachten, aber der Vatikan schätzt die Sogkraft einer so einflussreichen Ortskirche wie der nordamerikanischen offensichtlich so hoch ein, dass er mit einer Visitation eingreift. Viele katholische Blogger in den Vereinigten Staaten bewerten die Entscheidung als überfällig. Der Dominikaner Philipp Powell geht davon aus, dass eine „Oppositionskultur“ für viele Ordensfrauen identitätsstiftend geworden sei. Die kirchliche Lehre sei massiv untergraben worden durch eine „ökofeministische neue Kosmologie“, die christlichen Überzeugungen gegenüber gestellt werde. Zugleich spielten Schwestern die Rolle „unverstandener, verfolgter Prophetinnen“.

Grundsätzlich positiv über die Initiative der Religiosenkongregation äußert sich auch Donna Steichen. Die Visitation käme allerdings dreißig Jahre zu spät, meinte die Autorin des Buchs „Ungodly rage“ (Ignatius Press, 1991), einer Art Schwarzbuch des katholischen Feminismus in Amerika, und die erste stringente Analyse der nachkonziliaren Ideologisierung weiblicher Ordensgemeinschaften. Obwohl Autorinnen wie Steichen schon seit den achtziger Jahren vor den selbstzerstörerischen Tendenzen innerhalb der Kongregationen warnten und Berichte von Ordensfrauen publizierten, die von ihren Mitschwestern für ihre Kirchentreue gemobbt wurden und „im Gehorsam“ Konventsbeschlüsse mittragen mussten, die gegen lehramtliche Bestimmungen verstießen, reagierte die Bischofskonferenz nur in Einzelfällen auf das Problem. Nicht einmal der berühmte Bericht von Schwester Mary Luke Tobin, einer Lorettoschwester, schreckte die Hirten auf: Schwester Luke, die als einzige amerikanische Ordensfrau am Zweiten Vatikanum teilgenommen hatte, berichtete bereits 1987 bei der Frauenkonferenz „Women Church Convergence“, mit welchen Strategien der Orden unter ihrer Leitung nach dem Konzil den Widerstand wertkonservativer Mitschwestern gegen Neuerungen gebrochen hatte.

Gelegentlich kamen auch Nordamerikas Bischöfe aus der Reserve. Auslöser waren beispielsweise Vorstöße von Ordensfrauen gegen die Lebensschutzbewegung. So entließ die Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten 1984 Schwester Anne Carr B.V.M. (Sister of Charity of the Blessed Virgin Mary) aus ihrem Beratergremium für Fragen der Frauenpastoral, nachdem diese gemeinsam mit 23 anderen Ordensfrauen in einer von „Catholics for a Free Choice“ gesponserten Anzeige in der „New York Times“ (Ausgabe vom 7. Oktober 1984) behauptet hatte, die katholische Kirche keine verpflichtende Lehre in puncto Abtreibung.

Im März diesen Jahres wandte sich die Glaubenskommission der amerikanischen Bischofskonferenz erstmals ausdrücklich gegen Reiki als „unwissenschaftliche und unchristliche“ Heilungsmethode. Reiki wird allerdings von vielen Ordensfrauen in Exerzitienhäusern mit Begeisterung praktiziert. Und Erzbischof Chaput von Denver erinnerte die weiblichen Ordensoberen bei der Jahresversammlung der LCWR im vergangenen Sommer an den „heiligen Gehorsam“ gegenüber der Kirche.

Die Zielgruppe der Apostolischen Visitation ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich geschrumpft: 60 000 Schwestern gehören heute den ungefähr 400 apostolisch tätigen Orden und Kongregationen in den Vereinigten Staaten an. 1965 waren es noch 180 000 Schwestern – und auch die Zuwanderung katholischer Einwanderer aus Lateinamerika in den vergangenen Jahren hat am dramatischen Nachwuchsmangel der alteingesessenen Kongregationen nichts geändert. Es gibt daher auch dankbare Stimmen dafür, dass der Vatikan manche aussterbende Schwesterngemeinschaft nicht tatenlos ihrem Schicksal überlassen will, sondern Problembewusstsein zeigt.

Der Überalterung der einen stehen junge Orden mit einer klaren kirchlichen Ausrichtung gegenüber, die regen Zulauf verzeichnen. Zu den Hoffnungsträgern unter den apostolisch tätigen Frauenorden gehören in den Vereinigten Staaten die von Mutter Teresa gegründeten Schwestern der Nächstenliebe, die „Sisters of Life“ in New York und die „Dominican Sisters of St. Cecilia“ in Nashville. Ähnlich positiv wirkt sich katholisches Profil auf die Nachwuchssituation bei den kontemplativen Orden aus: Die Armen Klarissen von der Ewigen Anbetung in Hanceville (Bundesstaat Alabama) sind ein weiteres Beispiel dafür, wie uninteressant die Los-von-Rom-Theologie der sechziger und siebziger Jahre für junge Frauen mit Interesse am Ordensberuf heute sind.

Die Jungen erwarten mehr

Die Kommunität wurde in den achtziger und neunziger Jahren durch Mutter Angelica und den weltweit größten katholischen Fernsehsender bekannt. 1999 bezogen die Schwestern einen Neubau im abgeschiedenen Hanceville, der schon nach wenigen Jahren aus allen Nähten platzte. 21 der heute 36 Nonnen zählenden Kommunität traten nach dem Heiligen Jahr 2000 ein, nicht eingerechnet fünf Ordensfrauen, die 2005 eine Tochtergründung in Black Canyon City (Bistum Phoenix, Bundesstaat Arizona) ins Leben riefen. Das Kloster selbst ist mittlerweile Ziel organisierter Pilgerfahrten geworden und setzt sich für die Verbreitung der eucharistischen Anbetung ein.

Eben dies ist ein Gesichtspunkt, den liberale Ordensfrauen in Amerika gern ausblenden: Trotz angestrenger Bemühungen, in der Öffentlichkeit präsenter zu sein und ein Maximum an Weltoffenheit zu demonstrieren, sind es in der Regel nicht die Schwestern im Kurzhaarschnitt und Zivilkleidung, die die Grenzen der kirchlichen Binnenwahrnehmung sprengen. Die säkulare Öffentlichkeit verbindet mit dem Bild der katholischen Ordensfrau kirchentreue Klausurnonnen im Habit. Auch Amerikaner, die nicht katholisch sind, kennen Mutter Angelica oder die frühere Hollywoodschauspielerin Dolores Hart OSB aus der für lateinischen Gregorianischen Choral bekannten Benediktinerinnenabtei Regina Laudis in Bethlehem (Connecticut). Als einzige Ordensfrau, die heute stimmberechtigtes Mitglied in der für die Oscarvergabe zuständigen Academy of Motion Picture Arts and Sciences ist, verkörpert Hart auch ein effizientes Aushängeschild für den Gregorianischen Choral. Und beweist feministischen Theologinnen: Schleier, Klausur und ein traditionelles Verständnis der eigenen Ordensregel sind in Wirklichkeit kein apostolisches Hindernis. Im Gegenteil: Sie garantieren Unterscheidbarkeit im religiösen Potpourri.

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