„Auf dem Weg des Dienens“

Auf dem Rückflug von Amerika spricht der Papst über die Folgen des Missbrauchsskandals, das jüngste Motu proprio und die Furcht vor sich selbst – 27. September 2015
Foto: Reuters | Die unzureichende Vorbereitung vieler Paare auf die sakramentale Ehe bereitet dem Heiligen Vater Sorge. Wenn es acht Jahre dauert, um sich auf die Priesterweihe vorzubereiten – können einige Abende vor der ...
Foto: Reuters | Die unzureichende Vorbereitung vieler Paare auf die sakramentale Ehe bereitet dem Heiligen Vater Sorge. Wenn es acht Jahre dauert, um sich auf die Priesterweihe vorzubereiten – können einige Abende vor der ...
Pater Lombardi: Heiliger Vater, herzlich willkommen bei uns. Danke, dass Sie sich nach einer so arbeitsintensiven und anstrengenden Reise noch die Zeit nehmen. Wir wollen also sofort damit beginnen, Ihnen unsere Fragen zu stellen. Die erste Frage stellt diese junge Dame hier, die die Nummer des „Time Magazine“ über Sie verfasst hat und folglich gut auf die Reise nach Amerika vorbereitet war. Sie wird ihre Frage auf Englisch stellen und Matteo übersetzt sie ins Italienische, so dass Sie sie genau verstehen können.

Papst Franziskus: Euch allen einen guten Abend und danke für Eure Arbeit, denn Ihr musstet ständig von hier nach da! Ich war im Auto, aber Ihr!… Vielen Dank.

Elisabetta Dias, Korrespondentin des „Time Magazine“: Vielen Dank, Heiliger Vater: Ich bin Elisabetta Dias, Korrespondentin des „Time Magazine“. Wir würden gerne folgendes wissen: Das war Ihr erster Besuch in die Vereinigten Staaten. Was hat Sie an den Vereinigten Staaten überrascht und was war anders, als Sie es erwartet hätten?

Papst Franziskus: Ja, das war mein erster Besuch: ich bin noch nie dort gewesen. Mich hat „the warmth“, die Wärme der Menschen überrascht, die äußerst liebenswürdig waren: Das war schön und auch überall anders. In Washington war der Empfang herzlich, aber etwas förmlicher, in New York ein bisschen überschwänglich und in Philadelphia sehr ausdrucksvoll. Drei verschiedene Arten eines immer herzlichen Empfangs. Die Freundlichkeit, den herzlichen Empfang fand ich sehr beeindruckend; und bei den religiösen Feiern auch die Frömmigkeit, die Andacht. Man sah die Menschen beten, und das hat mich wirklich sehr, sehr beeindruckt. Etwas Schönes.

Elisabetta Dias: Hat es seitens der Vereinigten Staaten eine unerwartete Herausforderung gegeben? Eine Provokation?

Papst Franziskus: Nein, Gott sei Dank nicht. Nein, nein. Alles gut. Keine Provokation. „No challenge, no provocation.“ Nein, nein. Alle waren höflich… Keine Beschimpfungen, nichts Schlimmes. Nein… Aber wir müssen weiter wie bisher mit diesem gläubigen Volk zusammenarbeiten und das Volk im Wachstum, in den schönen Dingen und in den Schwierigkeiten begleiten; das Volk in der Freude und in den schlimmen, schwierigen Momenten begleiten, wenn die Menschen keine Arbeit haben, wenn sie krank sind… Die Herausforderung der Kirche heute besteht darin, so zu sein, wie sie immer war: nahe bei den Menschen, nahe bei der Bevölkerung der Vereinigten Staaten. Sie ihre Nähe spüren lassen. Keine Kirche, die vom Volk losgelöst ist, nein. Ganz nah bei den Menschen. Und das ist eine Herausforderung, die die Kirche der Vereinigten Staaten genau verstanden hat! Sie hat das verstanden und will das umsetzen.

Pater Lombardi: Kommen wir zur zweiten Frage von David O'Reilly vom „Philadelphia Inquirer“: einer der großen Zeitungen Philadelphias, wo wir in diesen Tagen waren.

David O'Reilly, „Philadelphia Inquirer“: Heiliger Vater, Philadelphia hat, wie Sie wissen, eine schlimme Zeit mit Fällen von sexuellem Missbrauch hinter sich: in Philadelphia ist das immer noch eine offene Wunde. Ich weiß, dass viele Menschen in Philadelphia überrascht waren, weil Sie in Ihrer Ansprache an die Bischöfe in Washington Trost und Stärkung angeboten haben. Ich glaube, dass viele Menschen in Philadelphia Sie gerne fragen würden: „Warum fanden sie es notwendig, den Bischöfen Trost und Stärkung anzubieten?“.

Papst Franziskus: In Washington habe ich zu allen Bischöfen der Vereinigten Staaten gesprochen: es waren alle Bischöfe da, aus dem ganzen Land. Ich habe das Bedürfnis verspürt, mein Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen, weil etwas Furchtbares vorgefallen ist und viele von ihnen gelitten haben, weil sie davon nichts wussten, oder sehr gelitten haben, als die Sache geplatzt ist: Männer der Kirche, des Gebets, wahre Hirten… Und ich habe gesagt, dass ich wusste, dass sie – und ich habe ein Wort aus der Bibel, aus der Offenbarung verwendet – „aus der großen Bedrängnis“ kommen: Das was passiert ist, war eine große Bedrängnis. Doch nicht nur das gefühlsmäßige Leid. Das habe ich heute der Gruppe von Opfern sexuellen Missbrauchs gesagt. Es war… ich möchte jetzt nicht Apostasie sagen, aber wie eine Gotteslästerung. Missbrauch kommt bekanntlich überall vor: im Bereich der Familie, der Nachbarschaft, in den Schulen, beim Sport, überall. Doch wenn ein Priester Missbrauch begeht, ist das äußerst schwerwiegend, weil der Priester dazu berufen ist, das Wachstum jenes Jungen oder jenes Mädchens zu höheren Dingen zu fördern, zur Liebe Gottes, zu gefühlsmäßiger Reife, zum Guten. Doch statt das zu tun, hat das Böse diesen Jungen, dieses Mädchen am Boden zerstört. Daher ist es wie eine Gotteslästerung. Der Priester hat seine Berufung, den Ruf des Herrn verraten. Daher ist die Kirche hier in diesem Moment streng. Sie darf das nicht vertuschen. Und Schuld trifft auch diejenigen, die diese Dinge vertuscht haben. Auch einige Bischöfe haben diese Dinge vertuscht. Das ist etwas Furchtbares. Die Worte des Trostes waren nicht in dem Sinne zu verstehen: „Beruhige dich. Es ist nicht so schlimm!“. Nein, nein. Sie bedeuteten: „Es war wirklich schlimm und ich kann mir vorstellen, dass Ihr viele Tränen vergossen habt“. In diesem Sinne waren meine Worte zu verstehen. Und heute habe ich strenge Worte gesagt.

Pater Lombardi: Vielen Dank. Jetzt bitte ich Maria Antonietta Collins und Andrés Beltramo Alvarez für die nächsten Fragen nach vorne zu kommen.

Maria Antonietta Collins: Heiliger Vater, Sie haben viel über Vergebung gesprochen, dass Gott uns vergibt und dass wir diejenigen sind, die häufig um Vergebung bitten. Nachdem ich Sie heute im Seminar gesehen habe, möchte ich Sie fragen: Es gibt viele Priester, die Minderjährige sexuell missbraucht und ihre Opfer nicht um Vergebung gebeten haben. Vergeben Sie ihnen? Und verstehen Sie, dass es den Opfern und den Familien ihrerseits nicht gelingt, zu vergeben, oder dass sie das nicht wollen?

Papst Franziskus: Wenn ein Mensch sich falsch verhalten hat, wenn er sich dessen, was er getan hat, bewusst ist und nicht um Vergebung bittet, dann bitte ich Gott, dass er das berücksichtigt. Ich vergebe ihm, aber er empfängt keine Vergebung, er ist der Vergebung gegenüber verschlossen. Eine Sache ist es, Vergebung zu gewähren – wir alle sind verpflichtet, zu vergeben, weil uns allen vergeben worden ist –, doch etwas anderes ist es, Vergebung zu empfangen. Und wenn dieser Priester der Vergebung über verschlossen ist, empfängt er sie nicht, weil er von innen die Tür verriegelt hat, und was bleibt, ist, zu beten, dass der Herr diese Tür öffnen möge. Man muss bereit sein, Vergebung zu gewähren, aber nicht alle können sie empfangen, vermögen, sie zu empfangen oder sind bereit, sie zu empfangen. Es ist hart, was ich sage. Und so erklärt sich, warum es Menschen gibt, die ihr Leben verhärtet und schlecht beenden, ohne die Zärtlichkeit Gottes zu empfangen. Wie lautete die zweite Frage?

Maria Antonietta Collins: Ob Sie die Opfer und die Familien verstehen, denen es nicht gelingt, zu vergeben, oder die nicht vergeben wollen?

Papst Franziskus: Ja, ich kann sie verstehen… Ich kann sie verstehen, ich bete für sie und urteile nicht über sie. Ich urteile nicht über sie, ich bete für sie. Einmal bin ich bei einer dieser Versammlungen verschiedenen Menschen begegnet, und eine Frau sagte zu mir: „Als meine Mutter erfahren hat, dass ich sexuell missbraucht worden war, hat sie Gott verflucht, sie hat den Glauben verloren und ist als Atheistin gestorben“. Ich verstehe diese Frau. Ich verstehe sie. Und Gott, der besser ist als ich, versteht sie. Ich bin sicher, dass Gott diese Frau aufgenommen hat. Denn das, was da berührt worden, was da zerstört worden war, das war ihr eigener Leib, der Leib ihrer Tochter. Ich verstehe das. Ich verurteile niemanden, der nicht zu vergeben vermag. Ich bete zu Gott und bitte ihn – denn Gott ist ein Meister darin, den Weg zu einer Lösung zu finden –, dass er die Dinge wieder richtet.

Pater Lombardi: Andrés Beltramo von der Nachrichtenagentur „Notimex“, der seine Frage vielleicht auf Italienisch stellt, so ist uns allen geholfen.

Andrés Beltramo, „Notimex“: Heiliger Vater, danke zunächst für diesen Moment. Wir alle haben Sie viel über den Friedensprozess in Kolumbien reden hören, zwischen der F.A.R.C. [Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens, A.d.Ü.] und der Regierung. Jetzt gibt es ein historisches Abkommen. Fühlen Sie sich daran ein bisschen beteiligt? Sie haben auch gesagt, Sie würden nach Kolumbien reisen, wenn es zu einem Abkommen käme: jetzt werden Sie von vielen Kolumbianern erwartet… Und dann noch eine kleinere Frage: Was empfinden Sie, wenn das Flugzeug abhebt, nachdem Sie eine so intensive Reise erlebt habe? Danke, Heiliger Vater.

Papst Franziskus: Zur ersten Frage: Als ich die Nachricht erhalten habe, dass im März das Abkommen unterzeichnet werden soll, habe ich zum Herrn gesagt: „Herr, mach, dass der März kommt und dieses schöne Vorhaben verwirklicht wird“. Denn es fehlen noch kleinere Dinge, aber der Wille ist da. Von beiden Seiten. Der Wille ist da. Auch von der kleineren Gruppe, alle drei sind einverstanden. Wir müssen bis März kommen, bis zum endgültigen Abkommen. Was der Punkt der internationalen Justiz war. Sie wissen das. Ich war ausgesprochen zufrieden. Ich habe mich in dem Sinne beteiligt gefühlt, dass ich mir das immer gewünscht habe. Ich habe zweimal mit Präsident Santos über das Problem gesprochen, und der Heilige Stuhl – nicht nur ich –, der Heilige Stuhl zeigt große Bereitschaft, so weit wie möglich zu helfen.

Das andere. Das ist ein bisschen persönlich, aber ich muss ehrlich sein. Wenn das Flugzeug nach einem Besuch abhebt, kommt mir der Blick vieler Menschen in den Sinn, dann möchte ich für sie beten und sage zum Herrn: „Ich bin hergekommen, um etwas zu bewirken, um Gutes zu tun; vielleicht habe ich Schlechtes getan, verzeih mir. Doch beschütze alle diese Menschen, die mich gesehen haben, die über die Dinge nachgedacht haben, die ich gesagt habe, die zugehört haben, auch diejenigen, die mich kritisiert haben, alle…“. Das empfinde ich. Ich weiß nicht. Das geschieht automatisch. Doch das ist ein bisschen – entschuldigen Sie – das ist ein bisschen persönlich: das kann man nicht in der Zeitung schreiben…

Pater Lombardi: Vielen Dank. Thomas Jansen von der KNA, der katholischen Nachrichtenagentur aus Deutschland.

Thomas Jansen: Heiliger Vater, ich wollte Sie etwas zur Migrationskrise in Europa fragen: Viele Länder errichten neue Absperrungen aus Stacheldraht. Was sagen Sie zu dieser Entwicklung?

Papst Franziskus: Sie haben einen Begriff verwendet: „Krise“. Man gerät in einen Krisenzustand nach einem langen Prozess. Das ist ein Prozess, der schon vor Jahren losgebrochen ist, weil die Kriege, vor denen diese Menschen fliehen, Kriege sind, die schon Jahre dauern. Der Hunger: der Hunger dauert schon seit Jahren an… Wenn ich an Afrika denke – das ist ein bisschen vereinfacht, aber ich möchte das als Beispiel anführen – dann fällt mir dazu ein: Afrika, der ausgebeutete Kontinent. Dort ist man hingegangen, um sich Sklaven zu besorgen, und dann die reichen Bodenschätze… Der ausgebeutete Kontinent. Und jetzt die Stammesfehden und andere Kriege. Dahinter stecken wirtschaftliche Interessen… Ich denke, diese Krise könnte verhindert werden, wenn man investieren würde, damit diese Menschen Arbeit haben, statt einen Kontinent oder ein Land oder eine Region auszubeuten. Es stimmt: Wir haben eine Flüchtlingskrise – wie ich vor dem Kongress gesagt habe –, die ein seit dem Zweiten Weltkrieg unerreichtes Ausmaß angenommen hat. Sie fragen mich nach den Absperrungen. Sie wissen, welches Ende Mauern nehmen. Alle. Alle Mauern stürzen ein, heute, morgen oder in hundert Jahren. Aber sie stürzen ein. Das ist keine Lösung. Mauern sind keine Lösung. In diesem Moment steckt Europa in Schwierigkeiten, das stimmt. Wir müssen klug sein, die Gründe dieser Migrationswelle verstehen, und es ist nicht einfach, Lösungen zu finden. Dialog zwischen den Ländern ist erforderlich. Das muss geschehen. Mauern stellen nie eine Lösung dar; Brücken hingegen ja, immer. Ich weiß es nicht. Was ich über die Mauern, über die Absperrungen denke: ob sie kurze Zeit da sind oder lange – eine Lösung sind sie nicht. Das Problem bleibt bestehen, und dabei wächst zusätzlich noch der Hass. Das denke ich diesbezüglich.

Pater Lombardi: Jean-Marie Guénois vom „Figaro“ aus der französischen Gruppe.

Jean-Marie Guénois: Heiliger Vater, Sie können natürlich nicht die Diskussionen der Synodenväter vorwegnehmen, das wissen wir selbstverständlich. Aber wir würden gerne vor der Synode wissen, ob Sie in Ihrem Herzen als Hirte wirklich eine Lösung für die wiederverheirateten Geschiedenen wollen. Wir würden auch gerne wissen, ob Ihr Motu proprio über die Erleichterung der Ehenichtigkeitserklärung diese Diskussion – Ihrer Meinung nach – abgeschlossen hat. Und schließlich: Was antworten Sie denen, die befürchten, mit dieser Reform werde de facto eine sogenannte „katholische Ehescheidung“ geschaffen. Danke.

Papst Franziskus: Ich beginne mit der letzten Frage. In der Reform der Verfahren, der Modalitäten, habe ich dem administrativen Weg den Riegel vorgeschoben, dem Weg, über den sich die Ehescheidung hätte einschleichen können. Man kann sagen, dass diejenigen, die an eine „katholische Ehescheidung“ denken, sich irren, weil dieses letzte Dokument der Ehescheidung den Riegel vorgeschoben hat, die sich über den administrativen Weg – das wäre einfacher gewesen – hätte einschleichen können. Es wird immer den Rechtsweg geben. Machen wir dann mit der dritten Frage weiter, dem Dokument. Ich weiß nicht, ob es die dritte war, bitte korrigieren Sie mich…

Jean-Marie Guénois: Ja. Die Frage bezog sich auf den Begriff der „katholischen Ehescheidung“ und ob das Motu proprio die kommende Debatte auf der Synode abgeschlossen hat.

Papst Franziskus: Darum hatte die Mehrheit der Synodenväter auf der Synode im vergangenen Jahr gebeten: die Prozesse zu vereinfachen, weil es Prozesse gab, die zehn bis fünfzehn Jahre dauerten. Ein Urteilsspruch, und noch ein Urteilsspruch; und danach, wenn Berufung eingelegt wurde, die Berufung und dann noch eine Berufung… Und das nimmt nie ein Ende. Das zweifache Urteil, wenn das erste gültig war und keine Berufung eingelegt wurde, ist von Papst Benedikt XIV. – Prosper Lambertini – eingeführt worden, weil es in Mitteleuropa – ich sage jetzt nicht, in welchem Land – einige Missbrauchsfälle gegeben hatte, und um diese zu unterbinden, hatte er das eingeführt. Doch es handelt sich nicht um etwas Wesentliches für ein Verfahren. Die Verfahren ändern sich; die Rechtsprechung verändert sich, wird immer weiter verbessert. In jenem Moment war das notwendig. Pius X. wollte dann eine Vereinfachung, und er hat einiges gemacht, aber er hatte nicht die Zeit oder die Möglichkeit zu mehr. Die Synodenväter haben darum gebeten, um die Vereinfachung der Verfahren für die Ehenichtigkeitserklärung. Damit möchte ich mich befassen. Dieses Dokument, dieses Motu proprio, verkürzt die Prozesszeiten, aber es handelt sich nicht um eine Ehescheidung, denn die Ehe ist unauflöslich, wenn sie ein Sakrament ist, und das kann die Kirche natürlich nicht verändern. Das gehört zur Lehre. Es handelt sich um ein unauflösliches Sakrament. Das Rechtsverfahren dient dazu, zu beweisen, dass das, was wie ein Sakrament aussah, kein Sakrament war: aus Mangel an Freiheit etwa oder aus einem Mangel an Reife oder aufgrund einer geistigen Krankheit… Es gibt viele Gründe, die nach einer Untersuchung, einer Nachforschung zu der Aussage führen: „Nein, hier hat es sich nicht um ein Sakrament gehandelt“. Etwa, weil jene Person nicht frei war. Ein Beispiel, jetzt ist das nicht mehr so verbreitet, aber in gewissen Bereichen der Gesellschaft war das verbreitet – zumindest in Buenos Aires war es das – die Eheschließungen, wenn die Verlobte schwanger wurde. „Ihr müsst heiraten.“ In Buenos Aires habe ich den Priestern eindringlich davon abgeraten, ja ihnen praktisch verboten, unter solchen Umständen eine Ehe zu schließen. Bei uns spricht man von einer „Schnellheirat“, die dazu dient, den Schein zu wahren. Dann wird das Kind geboren, und manche Ehe gehen gut, aber es hat keine freie Entscheidung gegeben! Und dann laufen die Dinge schlecht, die Eheleute trennen sich… „Ich war gezwungen, zu heiraten, um diese Situation zu verbergen.“ Das ist ein Annullierungsgrund. Es gibt viele Annullierungsgründe; Ihr könnt sie im Internet finden, da stehen sie alle. Dann gibt es das Problem der Wiederheirat, der Geschiedenen, die eine neue Verbindung eingehen. Ihr könnt lesen, was im Instrumentum laboris steht, was zur Diskussion steht. Mir scheint es ein bisschen vereinfacht, zu sagen, dass die Synode… dass die Lösung für diese Menschen darin besteht, dass sie zur Kommunion zugelassen werden. Das ist nicht die einzige Lösung. Nein. Was das Instrumentum laboris vorschlägt, geht weit darüber hinaus. Das Problem der neuen Verbindungen der Geschiedenen ist nicht das einzige Problem. Im Instrumentum laboris finden sich viele Probleme. Zum Beispiel: Die jungen Menschen heiraten nicht, sie wollen nicht heiraten. Das ist ein pastorales Problem für die Kirche. Ein weiteres Problem: die gefühlsmäßige Reife für die Ehe. Ein weiteres Problem: der Glaube. Glaube ich, das dies „für immer“ ist? „Ja, ja, das glaube ich…“. Aber glaube ich das wirklich? Die Vorbereitung auf die Ehe… Ich denke oftmals daran: um Priester zu werden, bedarf es einer Vorbereitung von acht Jahren; und dann, da das nicht definitiv ist, kann die Kirche dir den klerikalen Stand entziehen. Um zu heiraten, was für das ganze Leben gilt, werden vier Kurse abgehalten, vier Mal… Da liegt etwas im Argen. Die Synode muss darüber nachdenken, wie die Ehevorbereitung zu gestalten ist, das gehört zum Schwierigsten. Und es gibt viele Probleme… Doch sie sind alle im Instrumentum laboris aufgeführt. Ich freue mich, dass Sie mir die Frage über die „katholische Ehescheidung“ gestellt haben: Nein, die gibt es nicht. Entweder war es keine Ehe – dann wird sie annulliert, es hat sie nie gegeben – oder wenn es eine Ehe ist, dann ist sie unauflöslich. Das ist klar. Danke.

Pater Lombardi: Vielen Dank, Heiliger Vater. Jetzt ist Terry Moran von „ABC News“ an der Reihe, einem der großen amerikanischen Sender.

Terry Moran, „ABC News“: Heiliger Vater, vielen, vielen Dank und danke auch dem Mitarbeiterstab des Vatikans. Heiliger Vater, Sie haben die „Kleinen Schwestern der Armen“ besucht, und uns wurde gesagt, Sie hätten Ihre Unterstützung für die Schwestern auch vor Gericht zeigen wollen. Heiliger Vater, unterstützen Sie auch jene Personen – einschließlich Regierungsbeamten – die sagen, dass sie, wenn sie ihrem guten Gewissen, ihrem persönlichen Gewissen folgen wollen, sich nicht an bestimmte Gesetze halten oder ihrer Aufgabe als Regierungsbeamte nicht nachkommen können, zum Beispiel um Paaren gleichen Geschlechts einen Eheschein auszustellen? Würden Sie diese Forderung nach Glaubensfreiheit unterstützen?

Papst Franziskus: Ich kann nicht alle möglichen Fälle einer Weigerung aus Gewissensgründen präsent haben. Aber ich kann sagen, dass eine Weigerung aus Gewissensgründen ein Recht ist und sich in jedem menschlichen Recht findet. Es ist ein Recht, und wenn jemand jemandem verbietet, aus Gewissensgründen etwas zu verweigern, dann versagt er ihm ein Recht. In jeder Rechtsstruktur muss es die Möglichkeit einer Verweigerung aus Gewissensgründen geben, weil es ein Recht, ein Menschenrecht ist. Sonst führt das am Ende zu einer Differenzierung von Rechten: das ist ein wichtiges Recht, das ist kein wichtiges Recht… Es ist ein Menschenrecht. Es hat mich immer – gegen meine Interessen! – erschüttert, wenn ich als Junge – und zwar mehrfach – das „Rolandslied“ gelesen habe: die Stelle, wo alle Muslime in einer Reihe stehen, das Taufbecken oder das Schwert vor sich haben und sich entscheiden müssen. Sie durften sich nicht aus Gewissensgründen weigern. Nein, das ist ein Recht. Und wenn wir Frieden wollen, dann müssen wir alle Rechte respektieren.

Terry Moran: Bezieht sich das auch auf Regierungsbeamte?

Papst Franziskus: Das ist ein Menschenrecht. Wenn der Regierungsbeamte ein Mensch ist, dann hat er dieses Recht. Es ist ein Menschenrecht.

Pater Lombardi: Vielen Dank. Jetzt erteilen wir Stefano Maria Paci von „Sky News“ aus der italienischen Gruppe das Wort.

Stefano Maria Paci, „Sky News“: Heiliger Vater, vor den Vereinten Nationen haben Sie sich äußerst starker Worte bedient, um das Schweigen der Welt über die Verfolgungen von Christen anzuprangern, denen man ihre Häuser nimmt, die vertrieben werden, die ihrer Güter beraubt, die zu Sklaven gemacht und brutal ermordet werden. Präsident Hollande hat jetzt den Beginn von Bombenangriffen seitens Frankreich auf Stützpunkte des IS in Syrien angekündigt: Was denken Sie über dieses militärische Vorgehen? Und dann noch etwas, aus reiner Neugier: Bürgermeister Marino, der Bürgermeister von Rom, der Stadt des Jubiläums, hat erklärt, er sei zum Weltfamilientreffen, zur Messe gekommen, weil er von Ihnen eingeladen worden sei. Können Sie uns sagen, wie das gelaufen ist?

Papst Franziskus: Ich beginne bei der zweiten Frage: Ich habe Bürgermeister Marino nicht eingeladen. Klar? Ich nicht. Ich habe die Organisatoren gefragt, und auch die haben ihn nicht eingeladen. Er kam – er bekennt sich als katholisch – er kam von sich aus. So war das. [Das Kapitol hat mitgeteilt, dass Bürgermeister Marino offiziell vom Bürgermeister von Philadelphia, der im vergangenen Juni in Rom war, eingeladen worden ist.] So weit das eine. Dann zu den Bombenangriffen. Ich habe diese Nachricht vorgestern erhalten und nichts gelesen. Ich kenne die Situation nicht genau. Was geschehen wird. Ich habe gehört, dass Russland eine Position vertritt, die Vereinigten Staaten noch nicht entschieden waren… Ich weiß wirklich nicht, was ich Dir sagen soll, weil ich die Sache noch nicht richtig verstanden habe. Doch wenn ich das Wort „Bombenangriff“ höre, Tod, Blut…, dann wiederhole ich, was ich dem Kongress und den Vereinten Nationen gesagt habe: diese Dinge vermeiden. Doch die politische Situation möchte ich nicht beurteilen, weil ich sie nicht kenne. Danke.

Pater Lombardi: Danke. Jetzt zu Miriam Schmidt von der Deutschen Presseagentur.

Miriam Schmidt: Heiliger Vater, ich wollte eine Frage über die Beziehungen des Heiligen Stuhls zu China und über die Lage in diesem Land stellen, die ziemlich schwierig ist, auch für die katholische Kirche. Was denken Sie darüber?

Papst Franziskus: China ist eine große Nation, die eine große Kultur und viel Gutes in die Welt einbringt. Ich habe einmal auf dem Rückweg von Korea im Flugzeug gesagt, dass ich sehr gerne nach China reisen würde. Ich liebe das chinesische Volk; ich mag diese Menschen. Ich wünsche mir, dass es Möglichkeiten geben wird, wirklich gute Beziehungen zu haben. Wir stehen in Kontakt, wir reden darüber… Vorangehen. Für mich wäre es eine Freude, ein Land wie China, mit einer solchen Kultur und solchen Möglichkeiten, Gutes zu tun, zum Freund zu haben.

Pater Lombardi: Herzlichen Dank. Und jetzt haben wir hier Sagrario Ruiz de Apodaca.

Sagrario Ruiz de Apodaca: Danke. Guten Abend, Heiliger Vater. Sie haben zum ersten Mal die Vereinigten Staaten besucht, Sie sind nie zuvor dort gewesen; Sie haben vor dem Kongress geredet, Sie haben vor den Vereinten Nationen geredet, sie hatten mehrfach ein echtes Bad in der Menge… Fühlen Sie sich gestärkt? Und ich möchte Sie auch fragen, weil wir Sie sagen gehört haben, die Rolle der Ordensfrauen und der Frauen in der Kirche der Vereinigten Staaten sei hervorzuheben: Werden wir je weibliche Priester in der katholischen Kirche sehen, wie einige Gruppen in den Vereinigten Staaten verlangen und wie es in anderen christlichen Kirchen der Fall ist? Danke.

Papst Franziskus: Die Schwestern der Vereinigten Staaten haben Wunder im Bereich der Erziehung, im Bereich des Gesundheitswesens geleistet. Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten liebt die Schwestern: Ich weiß nicht, wie sehr sie die Priester mögen, aber die Schwestern lieben sie, die Schwestern lieben sie sehr. Und sie sind tüchtig, es sind wirklich tüchtige Frauen. Jede folgt ihrer Kongregation, ihren Regeln, es gibt Differenzen, aber sie sind tüchtig, und daher habe ich mich verpflichtet gefühlt, für das zu danken, was sie getan haben. Eine wichtige Persönlichkeit aus der amerikanischen Regierung hat mir in diesen Tagen gesagt: „Was ich an Bildung besitze, verdanke ich in erster Linie den Schwestern“. Die Schwestern haben Schulen in allen Vierteln – den reichen, den armen – sie arbeiten mit den Armen und in den Krankenhäusern… Das war die erste Frage. An die dritte erinnere ich mich… Wie war die zweite?

Sagrario Ruiz de Apodaca: Ob Sie sich stark fühlen, nachdem Sie in den Vereinigten Staaten waren, mit diesem Terminkalender und nach diesem Erfolg…

Papst Franziskus: Ich weiß nicht, ob ich Erfolg hatte oder nicht. Aber ich fürchte mich vor mir selbst, ich fühle mich immer schwach, in dem Sinne, dass ich keine Macht besitze; Macht ist auch etwas Vorübergehendes: heute ist sie da, morgen nicht… Es ist wichtig, wenn du mit deiner Macht Gutes tun kannst. Und Jesus hat die Macht definiert: Wahre Macht ist Dienen, Dienst tun, die einfachsten Dienste tun. Und ich muss auf diesem Weg des Dienens noch weiter voranschreiten, weil ich das Gefühl habe, dass ich nicht alles tue, was ich tun muss. Das ist mein Verständnis von Macht.

Drittens: weibliche Priester. Das geht nicht. Der heilige Papst Johannes Paul II. hat das, als die Frage diskutiert wurde, nach langer und reiflicher Überlegung klar und deutlich gesagt. Nicht, weil die Frauen nicht die Fähigkeit besäßen, aber schau mal: In der Kirche sind die Frauen wichtiger als die Männer, weil die Kirche weiblich ist; es ist „die“ Kirche, nicht „der“ Kirche; die Kirche ist die Braut Christi, und die Gottesmutter ist wichtiger als die Päpste, die Bischöfe und die Priester. Es ist etwas, das ich zugeben muss: Wir sind ein bisschen im Verzug mit der Ausarbeitung einer Theologie der Frau. Wir müssen hier weiter vorangehen. Das ja, das ist wahr! Danke.

Pater Lombardi: Jetzt haben wir eine letzte Frage. Es handelt sich um Matilde Imberti von Radio France. Und dann machen wir Schluss.

Matilde Imberti, Radio France: Heiliger Vater, in den Vereinigten Staaten sind Sie ein Star geworden. Ist es gut für die Kirche, dass der Papst ein Star ist?

Papst Franziskus: Kennst Du den Titel, den die Päpste verwendet haben und der verwendet werden muss? „Diener der Diener Gottes“. Das ist ein bisschen etwas anderes, als ein Star! Sterne sind schön, um sie anzuschauen, ich sehe sie mir gerne an, wenn der Himmel im Sommer klar ist… Doch der Papst muss – muss! – der Diener der Diener Gottes sein. Ja, in den Medien wird so etwas gesagt, doch es gibt eine andere Wahrheit: wie viele Stars haben wir gesehen, die dann verlöschen und untergehen… Es ist etwas Vorübergehendes. Diener der Diener Gottes zu sein hingegen, das ist etwas Schönes! Das geht nicht vorüber. Ich weiß nicht… So sehe ich das.

Pater Lombardi. Gut, wir haben die Liste derer, die sich eingetragen haben, abgearbeitet… Tausend Dank also für Ihre Bereitschaft. Wir haben ein mindestens fünfzigminütiges Gespräch geführt, ziemlich stattlich also. Ein Kompliment für Ihre Ausdauer auf der Reise und auch in diesem Gespräch mit uns. Und wir werden Ihnen weiter folgen: mit dieser Reise ist es nicht zu Ende. Diese Reise ist vorbei, aber wir haben jetzt die Synode und vieles andere… Und wir wollen Ihnen weiter voller Zuneigung und mit großer Wertschätzung folgen, in der Hoffnung, Ihnen bei Ihrem Dienst als Diener der Diener Gottes zu helfen.

Papst Franziskus: Vielen Dank für Eure Arbeit, für Eure Geduld, für Euer Wohlwollen. Danke. Ich stehe zur Verfügung. Ich bete für Euch, wirklich. Danke für die Hilfe. Guten Flug!

Übersetzung von Claudia Reimüller

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