Kirche

Antonio Rosmini - Prophetischer Visionär

Vom Berater des Papstes über die Verurteilung seiner Schriften zur Ehre der Altäre, der selige Antonio Rosmini, Denker der sozialen Gerechtigkeit und der Vorhersehung Gottes. Von Markus Krienke
Antonio Rosmini
Foto: Archiv | Theologe, Staatsdenker und Ordensgründer: Antonio Rosmini (1797–1855).

Am 18. November jährt sich zum zehnten Mal die Seligsprechung des italienischen Philosophen und Theologen, Staatsdenkers und Ordensgründers Antonio Rosmini (Rovereto 1797–Stresa 1855). Obwohl er zahlreiche Ideen des Zweiten Vatikanums weit vorweggenommen hat, ist er doch vor allem in Deutschland nahezu unbekannt. Dazu trug auch die posthume kirchenamtliche Verurteilung seines Denkens im Jahr 1888 bei, als es ihm zum Verhängnis wurde, sich zu sehr mit den modernen Ideen Kants und des deutschen Idealismus beschäftigt zu haben.

Sein Ziel war es in der Tat, die katholische Welt auf Augenhöhe zu den deutschen Denkern zu bringen, was vor allem die Anerkennung der Autonomie und Freiheit der Person, des modernen Verfassungsstaates und der Religionsfreiheit sowie das Bemühen um innerkirchliche Reformen bedeutete.

Die „fünf Wunden“ der Kirche – die große Reformschrift Rosminis fiel später in Ungnade

Ein weiterer Grund für die (bislang) geringe Beachtung Rosminis in Deutschland ist die ungenügende Anzahl von Übersetzungen. Außer seiner Kirchenreformschrift „Die fünf Wunden der Kirche“ liegen nur wenige Werke, die zudem in einem schwierig zugänglichen Italienisch verfasst sind, auf Deutsch vor. Dabei hätte gerade diese Schrift ein größeres Interesse entfachen können, thematisiert sie doch im Appell zur Behebung der fünf hauptsächlichen „Wunden“ der Kirche wesentliche Reformpunkte des Konzils: (1) die Überwindung der strikten Trennung von Klerus und Laien nicht nur in der Liturgie, sondern auch im kirchlichen Leben, (2) die Verbesserung der Priesterausbildung als Beitrag zur kulturellen Hebung der Gesellschaft, (3) die Vertiefung der Einheit des Bischofskollegiums, (4) die Anpassung der Bischofsernennungen an das Selbstverständnis der Kirche sowie (5) die Überwindung der „Knechtschaft“ der Kirche unter die weltlichen Ideale von Reichtum und Macht. Und wer könnte in diesen Appellen nicht auch eine Zusammenfassung des Pontifikates von Papst Franziskus erblicken?

Rosmini fasste den Entschluss zum Druck dieses Werks, das er bereits Anfang der 1830er Jahre geschrieben, dann aber unter dem konservativen Papst Gregor XVI. nicht veröffentlicht hatte, zu Beginn des Pontifikats Pius' IX. Dieser wurde bei der Besteigung des Petrusthrons 1846 als liberaler und weltoffener Papst in Italien enthusiastisch gefeiert. Als sich dann 1848 in verschiedenen Städten Italiens die nationale Aufbruchsbewegung Risorgimento erhob, die sich in Norditalien vor allem gegen die österreichische Vorherrschaft wandte, sah Rosmini darin das Fanal der Vorhersehung zu einer moralischen und religiösen Erneuerung Italiens. Seine Musterverfassung für ein geeintes Italien mit dem Titel „Die Verfassung gemäß der sozialen Gerechtigkeit“ sieht daher ein freiheitliches und föderales Italien mit einer modernen zivilgesellschaftlichen Zuordnung von Staat und Kirche vor. Auf der einen Seite hegte Rosmini darin die unrealistische Vorstellung, dass sich so die Existenz des Kirchenstaates retten ließe. Doch beinhaltete dieses Werk auf der anderen Seite zum ersten Mal eine sozialethische Abhandlung zum Begriff der „sozialen Gerechtigkeit“, womit Rosmini als Schöpfer dieser heute so bedeutenden Idee gelten kann.

Beide Schriften veröffentlichte Rosmini wohlweislich anonym, doch wurde seine Verfasserschaft alsbald bekannt. Dennoch ernannte ihn Papst Pius IX. zu seinem engsten Berater und stellte ihm zudem das Amt des Kardinalstaatssekretärs in Aussicht. Seine „römische Mission“ im Jahr 1848 nahm jedoch bereits nach wenigen Monaten ein jähes Ende, als im Kirchenstaat die Revolution ausbrach und der Papst nach Gaeta auf das bourbonische Gebiet Neapels floh. Der Liberalkatholik Rosmini verlor durch den nun erfolgenden Gesinnungswandel des Papstes immer mehr an Boden. Das Ende seiner Mission wurde schließlich dadurch besiegelt, dass beide Werke 1849 auf den „Index der verbotenen Bücher“ gestellt wurden. Daraufhin zog er sich nach Stresa an den Lago Maggiore zurück. Sein Freund Alessandro Manzoni, der italienische Dichterfürst, den Rosmini 1826 in Mailand kennengelernt hatte, wich ihm niemals von der Seite und vernahm an Rosminis Totenbett am 1. Juli 1855 sein aus drei Worten bestehendes spirituelles Testament: „anbeten, schweigen, genießen“.

Die Existenz des Bösen in der Geschichte des Menschen und die Vorhersehung Gottes

Zur Seligsprechung am 18. November 2007 in Novara wurde vor allem an ein Werk Rosminis erinnert, das den bezeichnenden Titel Theodizee trägt und sich mit dem Problem der Existenz des Bösen in der menschlichen Geschichte beschäftigt. Sein Antwortversuch interpretiert die göttliche Vorhersehung als himmlischen Plan, das Gute nicht durch mächtiges und wunderhaftes Einschreiten Gottes zu verwirklichen, sondern nur durch die Anerkennung der menschlichen Freiheit. Ähnlich wie Kant ist nämlich auch Rosmini der Meinung, dass sich das Gute nur durch den Menschen verwirklicht, auch wenn ihm der Beistand Gottes dabei hilft. Aber nur, wenn man umgekehrt davon ausgeht, dass die Geschichte von einer Vorhersehung Sinn und Richtung erhält, wird es überhaupt möglich, mit dem Bösen in der Welt fertig zu werden. Aufgrund dieser tiefgreifenden Überlegungen, die übrigens das Denken Rosminis mit der Literatur Manzonis (vor allem der Promessi sposi) verbinden, wurde Rosmini als der „Denker der göttlichen Vorhersehung“ seliggesprochen.

Für Rosmini ist dieses „Modell“ aber auch die Lösung, wie im nachrevolutionären Europa das Zueinander von Zivilgesellschaft und staatlichen Institutionen gedacht werden kann. Dabei betrachtet er eine jede Konzeption als verfehlt, die das gesellschaftliche Übel politisch zu überwinden und so einen perfekten Gesellschaftszustand herzustellen sucht. Diesen „Perfektismus“ sieht er dabei vor allem in den (früh-)sozialistischen Politikmodellen, die er heftig bekämpft.

Die Rehabilitierung des Denkers im Jahr 2001 öffnete den Weg zur Seligsprechung

Der menschlichen Würde entsprächen dagegen nur solche Verfassungen, die sich vor allem auf die Garantie grundrechtlicher Freiheiten begründen. Sodann dürfen sie die wirtschaftliche Dynamik des freien Marktes, welche extreme Ungleichheit als „gesellschaftliches Übel“ hervorbringt, nicht durch politische Planmacht bekämpfen, da sonst die Freiheit der Personen gerade zerstört wird. Die notwendigen Regeln können demzufolge nur Rahmenregeln sein, welche jene minimale Solidarität sicherstellen, die der Markt unbedingt benötigt, damit die „gesellschaftlichen Übel“ unter Anerkennung der menschlichen Freiheit überwunden werden können. Bei genauerem Hinsehen nimmt diese Konzeption Rosminis nicht nur vorweg, was 1971 John Rawls als „soziale Gerechtigkeit“ fasste und damit die aktuelle Epoche politischer Philosophie einleitete. Die überraschende Nähe, die des Weiteren hier zu Wilhelm Röpke deutlich wird, macht ihn darüber hinaus auch zu einem Vorläufer der Sozialen Marktwirtschaft.

Erst die Rehabilitierung des rosminischen Denkens im Jahr 2001 ebnete den Weg zur Seligsprechung, wobei bereits die Enzyklika „Fides et ratio“ 1998 ihn als „sprechendes Beispiel eines philosophischen Forschungsweges“ bezeichnet hatte, „der aus der Auseinandersetzung mit den Vorgaben des Glaubens beachtenswerte Vorteile gezogen hat“. Aus diesem Grund ist er nicht nur Vorläufer unserer Zeit, sondern bleibt auch heute kritischer Begleiter und Visionär.

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