Anteil am Leiden des Herrn

Iraks Christen bereiten sich auf Ostern vor – Aber sie wissen: Ihr Kreuzweg dauert an Von Oliver Maksan
Foto: O. Maksan | Auch im nordirakischen Erbil begingen Christen den Palmsonntag. Ein Hauch von Normalität. Doch der Scheint trügt. Im Irak ist nichts mehr, wie es einmal war.
Foto: O. Maksan | Auch im nordirakischen Erbil begingen Christen den Palmsonntag. Ein Hauch von Normalität. Doch der Scheint trügt. Im Irak ist nichts mehr, wie es einmal war.

Erbil (DT) „Hoschanna, Hoschanna“: Hundertfach erklang am Palmsonntag in nordirakischen Erbil der Ruf, mit dem Christen in aller Welt des Einzugs Christi in Jerusalem gedenken. Mit Oliven- und Palmzweigen in den Händen hörten sie das Evangelium und sangen Lieder in aramäischer Sprache, der Sprache Jesu. Viele Christen, Einheimische und Flüchtlinge, hatten sich auf dem Gelände der chaldäischen Josefs-Kathedrale eingefunden. Die Stimmung war fröhlich. Kleine Kinder tollten herum. Jugendliche waren in ihre Smartphones vertieft. Würde man die Szene beschreiben wollen, mit Begriffen wie Normalität und Frieden wäre sie richtig wiedergegeben. Doch das täuscht. Nichts mehr ist im Irak, wie es war. Schon gar nicht für die Christen. Kaum fünfzig Kilometer weiter beginnt das von der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ kontrollierte Territorium, verläuft die über tausend Kilometer lange Frontlinie, zwischen IS und den Kurdengebieten. In den Köpfen der Menschen ist das präsent. Anders als noch im Vorjahr fand die Feier deshalb nicht außerhalb des Areals statt. Eine Prozession durch Ankawa, dem fast ausschließlich christlichen Stadtteil der kurdischen Regionalhauptstadt Erbil, schien den Veranstaltern zu gefährlich. „Eine Ansammlung von hunderten Christen auf der Straße würde ein leichtes Ziel für Fanatiker bieten. Wir bleiben deshalb hinter den Mauern unserer Kirche“, meint ein Priester. „Sicher ist sicher.“

Vor ein paar Monaten noch hätte es auf dem Gelände, wo die Gläubigen mit ihrem Erzbischof die Karwoche begannen, schlicht keinen Platz gegeben. Hunderte Christen aus Mossul und der Ninive-Ebene suchten Anfang August hier Zuflucht. „Wir schliefen auf dem Beton oder dem Rasen. Nicht einmal genug Matten oder Matratzen gab es. Unter freiem Himmel lagen wir dicht nebeneinander. Es gab in Ankawa ja keine Unterkunft für uns und zehntausende andere Menschen, die wie wir vor IS geflohen waren.“ Sana hält einen Olivenzweig in Händen. Die junge Familienmutter dreier kleiner Kinder floh mit ihrem Mann und ihren Schwiegereltern aus Karakosch, der ehemals größten christlichen Stadt des Irak. Allein sie hatte 45 000 Einwohner. Der überwiegend syrisch-katholische Ort gehört jetzt wie viele andere Dörfer und Städte der Ninive-Ebene zum Kalifat, das der „Islamische Staat“ ausgerufen hat. „Wir wohnen mittlerweile in einem Flüchtlingslager hier in Erbil. Vor ein paar Wochen wurden unsere Zelte durch Wohncontainer ersetzt. Das ist schon ein großer Fortschritt im Vergleich zum Sommer und zum Herbst. Aber leicht ist es trotzdem nicht. Die Kinder fragen immer, wann sie nach Hause zurückkönnen. Ich weiß es leider nicht.“

So wie Sana und ihrer Familie geht es zehntausenden anderen Christen der insgesamt über 120 000 Christen, die ihr Zuhause und oft all ihre Habe verloren. „Die Menschen sind Gott dankbar, dass sie wenigstens ihr Leben retten konnten und als Familien beisammen sind. Wir betrachten es als Wunder, dass eigentlich keine Christen von den Mördern des ,Islamischen Staats‘ getötet wurden. Einige wenige – eine Handvoll kaum – kamen bei Kampfhandlungen ums Leben. Die armen Jesiden hingegen hatten viele Opfer durch absichtliche Tötungen zu beklagen. Und hunderte ihrer Frauen wurden verschleppt, versklavt und vergewaltigt. Ich glaube, Gott hat an uns Christen ein Wunder getan.“ Priester Baschar leitet ein von dem katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ unterstütztes Flüchtlingslager am Rande von Ankawa. „Die humanitäre Lage hat sich sehr verbessert. Jeder hat zu essen und ein Dach über dem Kopf, mag es auch nur ein Wohncontainer sein. Probleme gibt es aber natürlich noch immer. Das kann ja auch nicht anders sein, wenn hunderte Menschen auf so engem Raum zusammenleben müssen.“ Tatsächlich hapert es beispielsweise noch mit der Abwasserentsorgung in dem eilig eingerichteten Lager. „Aber das Problem wird bald behoben sein“, betont der chaldäische Geistliche. Sorge macht ihm indes das Ausbleiben längerfristiger Perspektiven. „Die Menschen dachten anfangs, sie würden nur ein paar Tage flüchten müssen und könnten schnell zurück. Aber das hat sich leider nicht erfüllt. Sie leben jetzt seit über einem halben Jahr so. Wir als Kirche tun mit Hilfe unserer Partner aus dem Westen, was wir können. Aber wir können ihnen nicht die Heimat wiedergeben. Und Jobs haben wir auch keine für sie.“

Im wesentlichen drei Gruppen haben sich unter den Flüchtlingen, die in den Kurdengebieten Zuflucht gefunden haben, herausgebildet. Da sind die, die Arbeit gefunden haben, die auf dem Bau, in der Gastronomie arbeiten. Viele von ihnen haben mittlerweile auch Wohnungen bezogen. Nicht wenige von ihnen werden in Erbil bleiben. Sie haben sich mit der Lage arrangiert, so gut es geht. Die zweite Gruppe besteht aus denen, die sich abwartend geben. Sollten ihre Dörfer im Laufe des Jahres befreit werden, wollen sie zurück. Es sind ja meist einfache Menschen, die sich im westlichen Ausland schwertun würden. Schließlich sind da diejenigen, die dem Irak keine Chance mehr geben wollen und ins Ausland drängen. Täglich sollen sechs, sieben und mehr Familien den Irak über den Flughafen Erbil in Richtung Türkei, Libanon oder Jordanien verlassen. Dort wollen sie sich bei den UN-Behörden als Flüchtlinge registrieren lassen, um im Westen – Australien, USA, Kanada – Aufnahme zu finden. Weil der Andrang aber groß ist, vergehen oft Jahre, bis eine Ausreise möglich ist. Erste irakische Christen sind bereits wieder in das Land zurückgekehrt, weil sie sich das Warten im Libanon oder der Türkei nicht mehr leisten konnten.

Priester Baschar gibt sich realistisch. „Es wird auch künftig Christen im Irak geben. Aber wir werden natürlich viel weniger sein, als wir es noch im letzten Sommer waren oder vor 2003, als die aktuelle Krise unseres Landes begann. Wir wissen als Christen, dass wir am Leiden unseres Herrn Anteil haben. Vor allem aber wissen wir, dass auf Karfreitag Ostersonntag folgt. Aber davon spüren wir derzeit noch nichts. Wir haben das Gefühl, dass der Kreuzweg auch über Ostern hinaus andauert.“

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