Anbruch des Endes

Zur Kommentierung der Apokalypse von den Anfängen bis ins zwölfte Jahrhundert. Von Harm Klueting
Foto: IN | Die apokalyptische Frau, dargestellt als Fresko von Herbert Boeckl in der Basilika Seckau.
Foto: IN | Die apokalyptische Frau, dargestellt als Fresko von Herbert Boeckl in der Basilika Seckau.

Die Johannesapokalypse ist das einzige prophetische Buch des Neuen Testaments und die einzige apokalyptische Schrift, die im Zuge der Kanonbildung anerkannt wurde und Aufnahme in das Neue Testament fand. Andere apokalyptische Schriften wie der „Hirt des Hermas“ oder die Petrusapokalypse blieben außerhalb des Kanons, der in der Kirche des Westens mit dem 39. Osterfestbrief des heiligen Athanasius von 367 und mit seiner Übernahme durch den hl. Augustinus sowie mit den Synoden von Hippo 393 und Karthago 397 und schließlich mit der Entscheidung von Papst Innozenz I. von 405 über den 27-teiligen Kanon zum Abschluss kam. Das Neue Testament, wie wir es kennen, hat 27 Bücher, vier Evangelien, die Apostelgeschichte, 21 Briefe und die Offenbarung des Johannes. In der Kirche des Ostens erfolgte der Abschluss der Kanonbildung später. Kanon bedeutet in diesem Zusammenhang, dass diese Schriften in den Gottesdiensten vorgelesen werden durften. Heute sieht der Ritus der römisch-katholischen Kirche Lesungen aus der Geheimen Offenbarung an Gründonnerstag, an Allerheiligen und am Christkönigssonntag, an mehreren Sonntagen der Osterzeit und an etlichen Wochentagen vor, vor allem an Heiligengedenktagen. Es kann also zumindest für unsere Zeit nicht die Rede davon sein, dass – wie der Innsbrucker Liturgiewissenschaftler Reinhard Meßner in seinem Beitrag „Die Johannesapokalypse in mittelalterlichen Leseordnungen für die Messe“ in dem hier vorzustellenden Band schreibt – „die Johannesapokalypse bekanntlich nicht zu den viel verwendeten Büchern in der Liturgie gehört“. Die Apokalypse des Johannes hat nicht nur im 19. und 20. Jahrhundert und auch noch in jüngster Zeit – unter anderen David Edward Aune, Gregory K. Beale, Wilhelm Bousset, Heinz Giesen, Traugott Holtz, Hubert Ritt, Eduard Schick, Klaus Wengst, Alfred Wikenhauser – das Interesse der Exegeten geweckt, sondern auch in der Antike und im Mittelalter. Deshalb ist der leider ohne Register und ohne die üblichen Angaben zu den Autoren veröffentlichte Tagungsband mit Beiträgen zur Kommentierung der Johannesapokalypse von den Anfängen bis zu Rupert von Deutz (um 1075–1129) und Joachim von Fiore (um 1135–1202) von hohem Interesse, mit dem Vorträge einer Innsbrucker Tagung von 2009 vorgelegt werden.

Besondere Aufmerksamkeit verdient darunter der Aufsatz des am St. Bonifatiusinstitut De Tiltenberg in Vogelenzang in Noord-Holland Alte Kirchengeschichte lehrenden Jesuitenpaters Joop van Banning über die Auslegung des 12. Kapitels der Geheimen Offenbarung – das Kapitel über „eine Frau, mit der Sonne bekleidet, der Mond unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt“, die schwanger ist und vor Schmerz in ihren Geburtswehen schreit. Van Banning behandelt die Auslegungen von Methodius von Olympus († um 320), Tyconius († vor 400), Augustinus († 430), Oecumenius von Konstantinopel (um 500), Papst Gregor dem Großen († 604) und Rupert von Deutz und stellt die beiden Deutungen der „Frau, mit der Sonne bekleidet“ vor: die im Einklang mit der Enzyklika „Ad diem illum“ Pius' X. von 1904 stehende mariologische Deutung, wie sie der erst 1901 von Franz Diekamp entdeckte und in den Sitzungsberichten der Preußischen Akademie der Wissenschaften bekanntgemachte Kommentar des Oecumenius hat, oder die ekklesiologische Deutung, die in der Frau nicht die Gottesmutter Maria sieht, sondern die „Braut des Herrn“ und damit die Kirche. Diese Deutung findet sich bei Methodius von Olympus und bei Gregor dem Großen, aber auch bei den anderen behandelten Auslegern.

Das gilt auch für Rupert, wobei für ihn die Frau aber nicht wie bei Gregor die nach Tod und Auferstehung Jesu entstandene Kirche ist, sondern die Kirche seit Abel. Doch stellt Oecumenius keine Einzelstimme dar, weil auch Primasius von Hadrumetum († um 560) oder Ambrosius Autbertus (um 730–784), Abt des Klosters San Vincenzo am Volturno bei Neapel, die mariologische Interpretation vertraten. Die ekklesiologische Deutung kann für sich unter anderem geltend machen, dass der Knabe, den die Frau gebiert, nach Offenbarung 12, 4–5 unter der Drohung des Drachens zu Gott entrückt wurde, auf Jesus nicht zutrifft (Methodius), wofür Oecumenius aber eine Lösung findet, indem er die Entrückung des Kindes mit der Flucht nach Ägypten (Mt 2, 13–15) erklärt. Der Mond unter den Füßen der Frau, den man als Halbmond, auf dem die Muttergottes steht, aus zahllosen Bildwerken vor allem der Gotik kennt, deutet Oecumenius als das durch Christus überwundene mosaische Gesetz, die Sonne als Christussymbol und die zwölf Sterne als die zwölf Apostel. Auch die Geburtswehen der Frau kann Oecumenius mariologisch deuten, indem er Wehen für die Zeit vor der Geburt annimmt, während Maria bei der Geburt ohne Schmerz gewesen sei. Rupert sieht hingegen in der Entrückung des Kindes die Vorwegnahme der Auferstehung und Himmelfahrt. Van Banning schlussfolgert: „Was wir im Buch der Apokalypse mit Hilfe der Kirchenväter und der anderen Interpreten aus den ersten zwölf Jahrhunderten entdecken, ist, dass man sich dessen bewusst war, dass nicht nur Jesus Christus, sondern auch seine Kirche in ihren wesentlichen Zügen schon zum Offenbarungsgut des Neuen Testaments gehört. Schon dieses einzelne Faktum kann die Aufnahme dieses Buches am Ende der neutestamentlichen Bücher im Kanon der Schriften rechtfertigen.“

Christus als die Achse des Weltgeschehens betrachten

Tobias Nicklas, Neutestamentler in Regensburg, behandelt die Aufnahme der Offenbarung des Johannes durch antike christliche Apokalypsen und kommt zu dem Ergebnis, dass die „Didache“, die „Ascensio Isaiae“ und der „Hirt des Hermas“, aber auch die Petrusapokalypse, kaum Spuren ihrer Verwendung aufweisen. Anders bewertet er nur das in der lateinischen Bibel als Kapitel 1 und 2 des vierten Buches Esra überlieferte fünfte Buch Esra und vor allem das sechste Buch Esra, das er als „mit großer Wahrscheinlichkeit literarisch von der Offenbarung des Johannes abhängig“ bewertet. Julia Eva Wannenmacher behandelt, ausgehend von ihrer Dissertation „Hermeneutik und Heilsgeschichte. Die ,septem sigillis‘ und das Motiv der sieben Siegel im Werk Joachims von Fiore“ von 2002, die Frage nach dem Wandel in der Apokalypseauslegung bei Joachim, knüpft an Wilhelm Boussets Bewertung von Joachims Verständnis der Johannesapokalypse an und arbeitet seine Sicht der sieben Siegel (Offenbarung 5–8) als Epochen der Kirchengeschichte, seine Aufnahme der von Augustinus vermittelten neuplatonischen acht Zeitalter der Welt und die von ihm berichtete Osternachtvision heraus, die ihn zu einer Neueinteilung der Johannesapokalypse geführt habe: statt der auf Beda Venerabilis (672/73–735) zurückgehenden Einteilung in sieben jetzt in acht Teile. Der siebte Teil setzt bei Joachim mit Tod und Auferstehung Jesu ein, die zur Mitte der Zeit werden. Sie nennt Joachim „den wahren Christozentriker“ und sieht sich darin durch Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. – und dessen Werk „Die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura“ bestätigt, der schreibt: „Der Gedanke, Christus als die Achse des Weltgeschehens zu betrachten, taucht (nach Vorbereitungen bei Rupert, Honorius, Anselm) eigentlich erst bei Joachim auf“; im ersten christlichen Jahrtausend habe man, so Ratzinger, „Christus nicht als Drehpunkt der Geschichte“ verstanden, sondern als „Anbruch des Endes“. Der Band mit dem auf die Apokalypse bezogenen Hieronymus-Zitat „Tot sacramenta quot verba“ – so viele Geheimnisse wie Worte – im Titel enthält zwölf weitere Beiträge.

Kurt Huber/Rainer Klotz/Christoph Winterer (Hrsg.): Tot sacramenta quot verba. Zur Kommentierung der Apokalypse des Johannes von den Anfängen bis ins 12. Jahrhundert. Aschendorff, Münster, 2014, 433 Seiten, 39 Abb., ISBN 978-3-402-12887-9, EUR 46,–

Themen & Autoren

Kirche

Papst in Budapest
Budapest
Umkehr: Die wahre Reform der Kirche Premium Inhalt
In Budapest wurde die Tiefendimension der Kirche sichtbar: Mit Blick auf Christus ist sie jung, dynamisch, fröhlich, ökumenisch, missionarisch und attraktiv. Ein Kommentar.
16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier