An die Ränder gehen

Warum ein Musical Glaubensverkündigung sein kann

Claudia Kern (38), Theologin und PR-Beraterin, ist die Autorin des Musicals, das von den Studenten der Emmanuel School of Mission (ESM) aufgeführt wurde. Frau Kern gehört als geweihte Schwester der Gemeinschaft Emmanuel an. Mit ihr sprach Cornelia Huber

Hatten Sie schon immer vor, ein Musical zu schreiben? Wie kamen Sie auf die Idee?

Als Kind hatte ich davon geträumt, Bücher zu schreiben. Daraus wurde nichts. An Musicals hab ich nie gedacht, auch nicht, als ich schon für die ESM arbeitete und die Musicalprojekte mit begleitet und einige Liedtexte beigesteuert habe. Doch im Sommer 2014 fiel „Molokai“ quasi vom Himmel. Wir wussten zu dem Zeitpunkt, dass der bisherige Skript-Autor uns aus Zeitgründen nicht mehr weiter unterstützen würde. Und mit diesem Wissen fuhr ich in den Urlaub nach Assisi. Bei einem Austausch mit meiner Tischnachbarin in der Unterkunft kamen wir auf das Thema Lieblingsheilige zu sprechen. Schon seit meiner Jugend verehre ich P. Damian de Veuster besonders. Und so erzählte ich von ihm – auch davon, dass Mutter Teresa ihn besonders geschätzt hat und sich für seine Heiligsprechung eingesetzt hatte. Zwei Tage darauf war der 5. September, der Gedenktag der seligen Mutter Teresa. Als ich in der Messe war, hatte ich plötzlich die Idee, ein Musical über P. Damian de Veuster zu schreiben. Bis zum Abend schrieb ich dann per Hand die Handlung und die Dialoge. Als ich zu Hause wieder Internet hatte, fand ich die komplette Sammlung seiner Briefe auf Französisch, mit deren Hilfe ich das Stück noch mit originalen Zitaten versehen konnte. Im Prinzip aber entstand es am 5. September. Innerlich habe ich die Vorstellung, dass sich an dem Tag Mutter Teresa, Franz von Assisi und Damian de Veuster getroffen und mir durch den Heiligen Geist die nötige Inspiration für das Musical geschenkt haben.

In Deutschland haben wir einen hohen medizinischen Standard. Lepra kennen wir nur aus Büchern oder verbinden es mit weit entfernten Regionen der Welt. Was hat uns Heutigen P. Damian zu sagen? Wie reagierte das Publikum auf der Tournee?

Mir war es wichtig, P. Damian als jemanden darzustellen, der konkret war. Die Lepra ist auf der Bühne präsent, aber wichtiger ist das, was zwischen den Menschen geschieht. Papst Franziskus spricht davon, wie wichtig es ist, zu den „Menschen am Rand“ zu gehen. Leprakrank im 19. Jahrhundert zu sein, das bedeutete, am Rand der Gesellschaft zu leben, sogar außerhalb. Auf der Bühne können wir uns von den sehr einfachen, sehr konkreten Begegnungen inspirieren lassen: Damian de Veuster geht auf die Menschen zu, sucht sie dort auf, wo sie leben, schenkt ihnen ein Lächeln, ein gutes Wort, eine helfende Hand. Er sieht ihre äußeren Nöte, aber er geht auch sehr feinfühlig mit den inneren Verletzungen um. All das ist heute so nötig und aktuell wie damals. Es gab während der Tournee sehr schöne Reaktionen. Viele waren begeistert von der Freude und Authentizität, mit der die Studenten ihre Rollen spielten. Diese Freude springt schnell über. Im Schlusslied lautet ein Vers „Heute fang an, im Kleinen zu handeln“. Das spricht immer wieder Personen im Publikum an. Sie erleben das als Anregung zu schauen, wo sie in ihrem Umfeld eingeladen sind zu handeln.

Die Aufführung in Altötting bei der Eröffnung des Sommerforums war die letzte nach insgesamt 16 Auftritten. War jede Aufführung gleich? Wird es da auch mal langweilig für die Akteure oder verändert sich etwas?

Nein, das Stück entwickelt sich immer weiter. Bei der Premiere ist natürlich die Aufregung noch sehr groß. Mit jeder weiteren Aufführung gewinnen die Schauspieler an Sicherheit – und dann entwickeln sie ihre Rollen weiter, akzentuieren die eine oder andere Situation mehr, improvisieren, beziehen das Publikum mehr mit ein. Auch die Reaktion des Publikums spielt eine wichtige Rolle – und macht jede Aufführung zu einem Unikum. Je länger die Studenten mit dem Musical leben, desto mehr nehmen sie auch die Nuancen wahr. Gerade nach der letzten Tournee habe ich von einzelnen Darstellern erfahren, dass sich ihnen jetzt einzelne Sätze und Gesten in einer tieferen, geistlicheren Dimension erschlossen haben. Für nicht wenige Darsteller auch der früheren Musicals sind solche Sätze und Gesten prägend für das weitere Leben geworden.

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