An der Ekklesiologie scheiden sich die Geister

Zum 100. Geburtstag von Johannes Kardinal Willebrands beleuchtet ein Colloquium Leben und Denken eines Pioniers der Ökumene

Rom (DT) Eine Episode sagt oft mehr über einen Theologen aus als umfassende Traktate: Der 2006 im Alter von 96 Jahren verstorbene niederländische Kardinal Johannes Willebrands hat sich durch einen Vortrag in Rom ins Gedächtnis vieler Menschen eingegraben: Kurz vor seiner Übersiedelung von Rom in seine niederländische Heimat im Jahre 1997 wurde er eingeladen, in den Räumen des „Centro Pro Unione“, dem ökumenischen Zentrum der „Franziskaner vom Atonement“ in Rom, einen Vortrag über seine ökumenische Arbeit zu halten. Der elegante Vortragssaal im Pamphilij-Palast in Rom war voller Menschen, die gespannt auf den Vortrag eines Pioniers der Ökumene warteten, der 37 Jahre lang im Päpstlichen Rat für die Förderung der Einheit der Christen gewirkt hatte. Alle Sitzplätze waren belegt; die Menschen standen bis auf den Flur vor dem Saal. Der fast neunzigjährige Purpurträger fuhr im Taxi vor und wurde von den Veranstaltern begrüßt. Er sagte: „Ich habe kaum etwas vorbereiten können“, und zog einen Zettel aus der Tasche mit einigen kümmerlichen Notizen. Der Alptraum aller Veranstalter: Der Vortragssaal war gesteckt voll, die Erwartungen hoch – und der Referent unvorbereitet. Zu allem Übel fügte er hinzu: „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“. Aber jetzt war es zu spät – er musste wohl oder übel ans Rednerpult treten.

Dann begann er zu sprechen, und es folgte ein langer Vortrag aus dem Stegreif, der die Zuhörer so sehr in ihren Bann zog, dass vollkommenes Schweigen unter den vielen Menschen herrschte. Kardinal Willebrands sprach über seine Kindheit und Jugend in einer Kleinstadt im Norden Hollands, über Vorurteile und Feindschaft zwischen Katholiken und Protestanten. Katholiken durften keine protestantischen Kirchen betreten; Protestanten behaupteten, katholische Priester stünden mit dem Teufel im Bunde.

Willebrands selbst wurde 1909 als erstes von neun Geschwistern in einer einfachen katholischen Familie geboren. 1934 wurde er zum Priester geweiht. Vorurteile und Hass zwischen Katholiken und Protestanten, also unter gläubigen Christen, zu überwinden, war immer sein großes Anliegen, der Auftrag, den er innerlich verspürte und dem er sein ganzes Leben widmete. Er knüpfte Beziehungen zu protestantischen Theologiestudenten und Professoren. Seine Promotion am „Angelicum“ in Rom schrieb er über den Konvertiten John Henry Newman. Nach seiner Rückkehr nach Holland setzte er sich in der St.Willibrord-Gesellschaft für ökumenische Fragen ein und gründete 1951 die „Katholische Konferenz für Ökumenische Fragen“, über die er Kontakte aufnahm zum Weltrat der Kirchen in Genf.

Am 25. Januar 1959 verkündete Papst Johannes XXIII. seine Absicht, das Zweite Vatikanisches Konzil einzuberufen, bei dem der Ökumene großer Raum gewährt werden sollte. Er schuf 1960 das „Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen“ und ernannte den deutschen Jesuiten Augustin Kardinal Bea zu seinem Präsidenten sowie Willebrands, der vier Jahre später zum Bischof geweiht wurde, zu seinem Sekretär. In dieser Position war Willebrands maßgeblich an der Vorbereitung des Konzils sowie an der Ausarbeitung der Konzilstexte zur Ökumene verantwortlich. Sein großes Verdienst beim Konzil bestand auch darin, Vertreter nichtkatholischer kirchlicher Gemeinschaften als „Beobachter“ zum Konzil zu holen, was vor allem bei den Vertretern der orthodoxen Kirchen, von denen viele hinter dem Eisernen Vorhang lebten, mit großen Schwierigkeiten verbunden war. Einen holländischen Schwesternorden beauftragte Willebrands mit der Unterbringung der Beobachter während der Sitzungen des Konzils in Rom. Zu diesem Zweck wurde an der Piazza Navona das „Foyer Unitas“ gegründet, im Palazzo der Familie Doria Pamphilij; die Räumlichkeiten wurden von der Familie großzügig zur Verfügung gestellt und renoviert. Hier im „Foyer Unitas“ fanden viele inoffizielle Gespräche hinter den Kulissen des Konzils statt, Gespräche der „Beobachter“ untereinander sowie mit katholischen Konzilsteilnehmern, die zum Abendessen und zu Empfängen eingeladen wurden. Einer der gelegentlichen Gäste war der junge deutsche Konzilstheologe Joseph Ratzinger, der auch einige Tage im „Foyer Unitas“ wohnte. Er erhielt von einer der holländischen Schwestern die Nachricht vom Tod seiner Mutter.

1969 wurde Willebrands von Paul VI. zum Kardinal erhoben und folgte Kardinal Bea als Präsident des Päpstlichen Rates für die Förderung der Einheit der Christen. Er bekleidete diese Position zwanzig Jahre lang. Bei den beiden Papstwahlen im Jahre 1978 galt Willebrands als möglicher Kandidat für das Petrusamt; bis zu seinem Fortgang aus Rom im Jahre 1997 diente er als Camerlengo des Kardinalskollegiums.

In diesem Jahr wäre Kardinal Willebrands hundert Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass veranstaltete der Päpstliche Rat für die Förderung der Einheit der Christen zusammen mit der Päpstlichen Universität „Gregoriana“ und dem „Centro Pro Unione“ in der vergangenen Woche ein Colloquium zur Erinnerung an seine Person und seinen Einsatz für die Einheit aller Christen. Gleichzeitig sollte das Colloquium dazu dienen, einen Ausblick auf die Zukunft der ökumenischen Bestrebungen zu geben.

Im Hinblick auf den letzten Punkt wurde vor allem der Nachmittag mit Spannung erwartet, an dem der Erzbischof von Canterbury Rowan Williams sowie Kardinal Kasper, der Präsident des Päpstlichen Rates für die Förderung der Einheit der Christen, die Hauptvorträge halten sollten. Der Vormittag dagegen war dem Rückblick auf die Person und das Werk Kardinal Willebrands gewidmet. Den Eröffnungsbeitrag lieferte Pater William Henn OFMCap, der über die Rolle Willebrands in der Vermittlung zwischen Rom und dem Weltkirchenrat referierte. Er legte die Entwicklung dar von der informellen Arbeit Willebrands als junger Priester in Holland über die Zeit des Konzils, in der erste offizielle Kontakte mit dem Weltkirchenrat geknüpft wurden, bis hin zum ständigen Austausch in seiner Zeit als Präsident des Dikasteriums für die Ökumene.

Der Beitrag Willebrands zur Entstehung des Konzilsdokuments „Unitatis redintegratio“, das die ökumenischen Beziehungen besonders zu den Ostkirchen auf eine ganz neue Grundlage stellte, stand im Mittelpunkt des Vortrags von Pater Michel Van Parys OSB. Der Generalminister der Franziskaner vom Atonement, Pater James Puglisi SA, dagegen sprach über die Verbindungen Willebrands zu den westlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die vor allem auf persönlichen Beziehungen und Freundschaften aufgebaut gewesen seien. An offiziellen theologischen Diskussionen mit Protestanten beteiligte Willebrands sich nicht immer, so Puglisi, „aber die Einladung zu einer gemeinsamen Tasse Tee schlug er niemals aus“. So konnte er viele persönliche Beziehungen knüpfen und theologische Gespräche auf informeller Ebene führen. Den Abschluss des Vormittags bildete der Vortrag von Msgr. Pier Francesco Fumagalli über die Beziehungen Kardinal Willebrands zum Judentum.

Der Nachmittag dagegen war vor dem Ausblick auf die Gegenwart und Zukunft der ökumenischen Beziehungen gewidmet. Pater Jared Wicks SJ, Mitglied der Internationalen lutherisch-römisch-katholischen Kommission, legte den Einfluss Kardinal Willebrands auf die Entwicklung der katholischen ökumenischen Theologie dar. Geprägt war der Nachmittag jedoch vor allem durch die Beiträge der beiden Hauptreferenten, Rowan Williams und Walter Kardinal Kasper.

Williams unterstrich, dass einer der faszinierendsten Aspekte Willebrands für ihn die Auseinandersetzungen seien, zu einer authentischen theologische Lehre der Kirche zu gelangen. In der Ekklesiologie sah Williams auch die wirklichen Stolpersteine für den heutigen ökumenischen Dialog. Die Kirche, so Williams, sei zum Gehorsam aufgerufen, zur Wahrung und Verkündigung des Evangeliums. Man müsse sich jedoch fragen, ob dies in der Verantwortung einer Institution stehen müsse oder nicht vielmehr die Aufgabe des ganzen Leibes Christi, also aller Getauften, sei. Das ökumenische Glas sei halb voll, man müsse sich jedoch die Frage stellen, welcher Natur die noch ungelösten Probleme der Ökumene seien, um sie überwinden zu können.

Auch Kardinal Kasper hob den positiven und fruchtbringenden Weg hervor, den die Ökumene seit der Zeit des Konzils beschritten habe. Gerade das Petrusamt, das oft als Haupthindernis für die Einheit betrachtet werde, sei paradoxerweise der Grund, warum die katholische Kirche nach der Einheit streben müsse. Ökumenische Bestrebungen seien kein überflüssiger „Luxusartikel“, sondern gehörten zum pastoralen Dienst der Kirche, zum „Vorsitz in der Liebe“, den die Kirche von Rom in der universalen Kirche ausübe. Von der Generation Kardinal Willebrands und der anderen Konzilsväter müssten die Bemühungen um die Einheit aller Christen jetzt jedoch auf eine neue Generation übergehen. So könnten sich neue Horizonte öffnen und das bisher Erreichte neue Früchte tragen.

Das Colloquium schloss mit einer Diskussionsrunde, an der der Erzbischof von Canterbury nicht teilnahm. Eine interessante Frage lautete: In wieweit werden die Fragen der Moral in das ökumenische Gespräch einbezogen? Bei genau dieser Frage könnte vielleicht eine „neue Generation“ neue Anknüpfungspunkte finden für das ökumenische Gespräch. Unverständnis und Vorurteile zwischen Katholiken und anderen Christen, die Kardinal Willebrands Erfahrungen in jungen Jahren prägten, sind heute wohl überwunden. Jetzt heißt es, gemeinsam die Grundlagen zu betrachten, auf denen wir unseren christlichen Glauben aufbauen.

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