Alterssitz für den Papa emeritus

Noch wird das Klausurkloster „Mater Ecclesiae“ in den vatikanischen Gärten renoviert – bald bekommt es einen prominenten Bewohner. Von Stefan Meetschen
Foto: dpa | Ein geistliches Erbstück von Johannes Paul II.: Seit knapp einem Jahr ist das für kontemplative Ordensfrauen errichtete Kloster „Mater Ecclesiae“ eine Baustelle.
Foto: dpa | Ein geistliches Erbstück von Johannes Paul II.: Seit knapp einem Jahr ist das für kontemplative Ordensfrauen errichtete Kloster „Mater Ecclesiae“ eine Baustelle.

Groß war die Zahl der Menschen, die auf dem Petersplatz und an den Fernsehgeräten Servus sagten zu Papst Benedikt XVI. Bald darauf hob das emeritierte Oberhaupt der Katholischen Kirche via Hubschrauber zum päpstlichen Sommersitz in Castel Gandolfo ab. Eine Übergangslösung, denn die letzte Etappe seines Lebens möchte Benedikt XVI. vor der „Welt verborgen“ verbringen, wie er es selbst gesagt hat, im Kloster „Mater Ecclesiae“, das inmitten der Vatikanischen Gärten liegt. Ein bescheidenes, altrosa-farbiges Domizil, das auf Wunsch von Benedikts Vorgänger, dem seligen Papst Johannes Paul II. 1992 erbaut wurde und von eben diesem im Jahre 1994 am 13. Mai eingeweiht worden ist. Als ein „Zentrum der Stille, der Buße und des Gebets“. Denn hellsichtig wie er war, hatte der unermüdlich rastlose Johannes Paul II. erkannt, dass es gerade im Vatikan, im Herzen der Kirche, ein kontemplatives Zentrum geben müsse, einen Konvent. Als Ausgleich zu all den römischen Intrigen und Eitelkeiten.

So haben sich seit 1994 vier Schwesterngemeinschaften im Kloster „Mater Ecclesiae“ abgewechselt – Klarissen, Karmeliterinnen, Benediktinerinnen und Salesianerinnen. Im Fünf-Jahres-Turnus, nur die letzte Gemeinschaft zog bereits nach drei Jahren aus. Im Herbst 2012. Das dreistöckige Gebäude, das von den mächtigen Leoninischen Mauern geschützt wird – heute vermutlich mehr vor marodierenden Papparazzis als vor anrückenden Sarazenen – muss eine gründliche Renovierung über sich ergehen lassen. Seit dem vergangenen November sind die Handwerker zugange. Bauschutt rutscht durch Röhren, Lastwagen fahren herum. Ein fast 86-jähriger, sichtlich geschwächter Mann stellt natürlich andere Ansprüche an ein Zuhause als junge, kontemplative Ordensschwestern. Zwölf schlichte Zellen mit hölzernen Kruzifixen gibt es bislang im zweiten und dritten Stock des Klosters, im Erdgeschoss einen Speisesaal, eine Küche, einen Aufenthaltsraum und ein Büro. Gut möglich, dass das Haus, dessen Nutzungsfläche insgesamt 450 Quadratmeter umfasst, als exklusiver Alterssitz des hochbelesenen Benedikt nun eine großräumige Bibliothek, ein Klavierzimmer und andere seniorengerechte Veränderungen erhält.

Fest steht jedenfalls, dass der pensionierte Heilige Vater von der Dachterrasse seines Refugiums ein unvergleichliches Panorama genießen kann. Rein theoretisch. Ein Blick über die Kuppel des Petersdoms hinweg auf die ganze ewige Stadt, die er mit seinem väterlichen Segen zu umarmen verstand. Während er den Erdkreis sicherlich über das Fernsehen weiter im Blick behalten wird. Vielleicht von dem „Relax“-Sessel mit klappbarer Lehne aus, den er zum 85. Geburtstag geschenkt bekam. Es sei denn, davon hält ihn die fast schon paradiesische Schönheit der Vatikanischen Gärten ab, die Benedikt XVI. als Rosenkranz-betender Papst gerne durchstreift hat. In Begleitung seines Privatsekretärs, Erzbischof Georg Gänswein. Eine verständliche Route für den geistlichen Spaziergang: Bäume, an denen Zitronen und Orangen wachsen, Blumen- und Gemüsebeete. Zahlreiche Brunnen. Antike und christliche Statuen. Das ideale ästhetische Ambiente und Mikroklima, um die geistigen und körperlichen Kräfte zu regenerieren. Um der „heiligen Kirche Gottes mit ganzem Herzen durch ein Leben im Gebet dienen“ zu können, wie es der emeritierte Papst bei der Bekanntgabe seines Rücktritts versprochen hat.

Zumal Benedikt XVI., wie sein früherer Pressesprecher Federico Lombardi klargemacht hat, sicher nicht „in Klausur“ leben wird. Er werde, so der Jesuitenpater bei einer Pressekonferenz, „seine normalen Freiheiten haben“. Was durch das Faktum belegt wird, dass der emeritierte Papst das Kern-Team der päpstlichen Familie mitnehmen wird in das Klausurkloster „Mater Ecclesiae“. Vier Laien-Schwestern der Gemeinschaft „Memores Domini“ und Erzbischof Gänswein, der neben seiner Funktion als Privatsekretär weiterhin als Präfekt des Päpstlichen Hauses im Einsatz sein wird. Auch Teller mit seinem eigenen Papst-Wappen, so hört man inzwischen, wird Benedikt mit ins Kloster nehmen.

Was das kulinarische Wohl betrifft, wird man sich jedenfalls keine Sorgen machen müssen. Bereits zum Frühstück im apostolischen Palast strich sich der frühere Heilige Vater, der seinen Rücktritt ausdrücklich nicht als Rückzug ins Privatleben verstanden wissen will, Orangenmarmelade aufs Brot, die auf dem Anwesen des Klosters hergestellt wird. Wie übrigens auch biologisch angebautes Gemüse: Zucchini, Kürbisse und Auberginen. Gerade im Frühling, wenn Benedikt vermutlich in das Kloster einzieht, wird aber noch jemand anders auf sich aufmerksam machen und im wahrsten Sinne des Wortes durch die Blume sprechen: Johannes Paul II., nach dem die weißen Rosen benannt sind, die vor Benedikts neuem Domizil blühen. Eine weitere Reverenz an den Papst aus Polen.

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