Alles Menschenmögliche tun und auf Gott vertrauen

Streiflichter auf die Heilige Schrift mit Papst Franziskus und Rabbi Skorka. Teil VI: Hoffnung. Von José García

Von der Wortbedeutung her – so Rabbi Skorka – sei Hoffnung im Hebräischen die Erwartung, dass etwas Wirklichkeit werde. Juden und Christen gemeinsam ist seiner Ansicht nach die Erwartung einer Offenbarung Gottes. Für Christen besteht sie in der Parusie, in der Offenbarung des Sohnes Gottes. Für Juden handelt es sich um einen König, weil der Messias nur ein Nachfahre Davids ist. Allerdings bedeutet Hoffnung nicht, untätig auf das Eingreifen Gottes zu warten. Der Mensch muss sich engagieren und die Herausforderung an die nachfolgende Generation weitergeben.

Kardinal Bergoglio knüpft daran an: Ein Leben in Hoffnung heißt, auf die Eltern zu schauen, die eine Tradition weitergegeben haben, aber gleichzeitig auch auf die Kinder, denen dieser Lebensweg überliefert werden soll. Laut dem ehemaligen Bischof von Buenos Aires liegt die Hoffnung zwischen dem Erbe und der Utopie. Allerdings handelt es sich dabei um eine historische, in der Verheißung Gottes verankerte Utopie. Die jüdisch-christliche Hoffnung bedeutet, trotz aller Schrecknisse der Vergangenheit auf die Zukunft zu schauen.

Auf einen besonderen Akt der Hoffnung in der Geschichte des Volkes Israel macht der Moderator des Gesprächs Marcelo Figueroa aufmerksam. Nach der Bibel sei Hiskija (752–697 v. Chr.) der größte König Israels gewesen. Hiskija war es, der die eherne Schlange aus der Zeit Mose zerstörte, weil das Volk anfing, die Schlange und nicht Gott anzubeten.

In diesem Zusammenhang erinnert Rabbi Skorka an die Schlacht gegen die Amalekiter: „Solange Mose seine Hand erhoben hielt, war Israel stärker; sooft er aber die Hand sinken ließ, war Amalek stärker.“ Deshalb stützten seine Arme zwei Männer: „Aaron und Hur stützten seine Arme, der eine rechts, der andere links, sodass seine Hände erhoben blieben, bis die Sonne unterging.“ Mit dem Talmud fragt Skorka: „Sind die Arme Mose in der Lage zu bestimmen, was auf dem Schlachtfeld geschieht? Nein. Wenn sie den Blick hoben, sahen sie nicht die Arme, sie sahen Gott.“ Deshalb soll die Hoffnung nicht darin bestehen, auf die eigenen Kräfte zu vertrauen, sondern alles Menschenmögliche zu tun, und darauf vertrauen, dass Gott helfen wird.

Der heutigen Welt mangelt es an Hoffnung, stellt Kardinal Bergoglio fest. Deshalb machen sich die Menschen „Hoffnungen“ aus zeitlichen Dingen. „Wenn keine beständige Utopie da ist, erfährt der Mensch eine Enttäuschung. Dann sucht er tausendundeine Täuschungen, die ihn entfremden.“ Es tue ihm leid mitzuerleben, dass sich das menschliche Herz nicht einer wirklichen Hoffnung öffne, „die auf der Verheißung desjenigen aufbaut, dessen Wort unumstößlich ist“. Wenn dies geschehe – so der Kardinal – sucht sich der Mensch kleine Götzen, die er dann wieder aufgibt, weil sie ihn nicht erfüllen. „Es ist wichtig zu unterscheiden zwischen einer Verzauberung und dem Zauber einer großen Hoffnung.“ Diese Hoffnung enttäusche nie, selbst nach großen Misserfolgen. Erzbischof Bergoglio zitiert in diesem Zusammenhang Hiob: „Doch ich, ich weiß: mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub.“ Inmitten der Verzweiflung verliert Hiob die Hoffnung nicht. Denn diese besteht darin zu wissen, dass Gott lebt.

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