„Allein kommt die Politik nicht zurecht“

Der Gründer von Sant'Egidio wurde in Aachen mit dem Internationalen Karlspreis ausgezeichnet

Aachen (DT) „Credo in unum Deum“, hallt es durch das Oktogon des Aachener Münsters, als Peter Kardinal Turkson, Erzbischof der Diözese Cape Coast in Ghana am Morgen des Hochfestes Christi Himmelfahrt gegen 9 Uhr 30 feierlich das Große Glaubensbekenntnis in der von Karl dem Großen nach byzantinischem Muster in Auftrag gegebenen Marienkirche anstimmt. „Patrem omnipotentem, factorem caeli et terrae“ fährt der auf der Empore neben dem Kaiserthron platzierte Chor gekonnt in lupenreinem Kirchenlatein fort. Und auch die Gemeinde der Gläubigen, die an diesem Tag aus lauter Prominenten besteht – darunter Großherzog Henri von Luxemburg, der Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, sowie Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers – kann sich durchaus hören lassen, als sie wenig später auch das „Vater unser“ in der Kirchensprache erklingen lässt.

Doch nicht einmal eine Stunde später, nachdem sich die Festgemeinde im Krönungssaal des nahe gelegenen Aachener Rathauses versammelt hat, um der Verleihung des 50. „Internationalen Karlspreises zu Aachen“ an den Historiker und Gründer der katholischen Gemeinschaft Sant'Egidio Andrea Riccardi beizuwohnen, stellt sich heraus, dass viele der Mächtigen Europa mit seinem Latein am Ende wähnen. In dem von noch fünf der ursprünglich acht imposanten Wandfresken des Historienmalers Alfred Rethel geschmückten Festsaal, die von wichtigen Stationen im Leben Karls des Großen erzählen, geht Oberbürgermeister Jürgen Linden gleich medias in res: „Die weltweite Finanzkrise zeigt: Wir können ohne ethische Prinzipien, ohne eine soziale und humane Ordnung nicht weiterleben. Der freie Finanzmarkt hat zu viele Menschen ausgenutzt. Die Profitsucht von Wenigen hat die Arbeit und Existenz von Millionen gefährdet“, eröffnet der Hausherr den Reigen der Reden. Es sei „unerklärlich“, so Linden weiter, „dass die Welt diesem Treiben jahrelang nur zugeschaut hat.“ Benötigt würden nun „eine neue soziale Marktwirtschaft, eine Verständigung der Politik und Wirtschaft auf faire Welthandelsbedingungen und Mindeststandards für Beschäftigung, Normen für den internationalen Finanz- und Kapitalmarkt, Gleichberechtigung der Handelspartner und eine effektive Kontrolle der ökonomischen Abläufe. Und als der Sozialdemokrat erklärt: „Wir brauchen vor allem Solidarität und Teilhabe, einfach: eine gerechtere Gesellschaftsordnung“, brandet überall im Saal lang anhaltender, fast frenetischer Applaus auf. Selbst einige der Journalisten, die unter dem Fresko „Sturz der Iminsul“ Platz gefunden haben, das Karl den Großen dabei zeigt, wie er im Jahr 772 das heidnische Götterheiligtum der Sachsen niederreißt, spenden Beifall.

Der 1949 von Aachener Bürgern gestiftete Preis zählt zu den bedeutendsten Europas. Er wird traditionell jedes Jahr am Himmelfahrtstag für außergewöhnliche Leistungen im Dienst der Verständigung und der Internationalen Zusammenarbeit in Europa verliehen. Über seine Vergabe entscheidet das Karlpreisdirektorium, dessen Sprecher der angesehene Aachener Ingenieur und Wirtschaftswissenschaftler Walter Eversheim ist.

Die Prominenz der Preisträger – darunter der Begründer der Paneuropa-Bewegung Richard Graf Coudenhove-Kalergi, Alcide de Gasperi, Konrad Adenauer, Robert Schuman, Francois Mitterand, Helmut Kohl, Vaclav Havel oder Jaques Delors – haben die Verleihung des Karlspreises zu einem viel beachteten Ereignis gemacht. Nicht immer verhielt sich die Prominenz der Geehrten dabei jedoch auch proportional zu ihren Verdiensten für Europa. Vor allem in jüngster Zeit wurde immer wieder auch Kritik an der Wahl der Preisträger laut, so etwa bei Bill Clinton, Tony Blair oder auch Angela Merkel, die im vergangenen Jahr mit dem Karlspreis geehrt wurde. Dass nun mit Andrea Riccardi ein Nicht-Politiker den Karlspreis erhält, darf ebenfalls als Besonderheit betrachtet werden.

Wie es in der Begründung der Preisvergabe heißt, ehrt das Karlspreisdirektorium „mit Prof. Dr. Andrea Riccardi einen großen Europäer, der sich im besten Sinne der Nächstenliebe und Nächstenhilfe in den Dienst seiner Mitmenschen stellt, der mit leidenschaftlichem Engagement für die Verständigung über alle konfessionellen und nationalen Grenzen hinweg eintritt und der mit der Gemeinschaft Sant'Egidio einen bedeutenden Beitrag für eine friedlichere und gerechtere Welt leistet“. In seiner rund 40-jährigen Arbeit habe Riccardi „ein herausragendes und beispielgebendes Zeichen für die europäischen Werte des Friedens, der Solidarität und der Menschenwürde und darauf basierendes zivilgesellschaftliches Engagement für eine bessere Welt gesetzt“.

Vor Riccardi wurde diese Ehre nur noch zwei anderen Nicht-Politikern zuteil. 1989 dem Gründer der Communauté von Taizé, Frere Roger, sowie Papst Johannes II., der im Jahr 2004 mit einem außerordentlichen Karlspreis ausgezeichnet wurde.

Auf den großen Papst, der ein Vierteljahrhundert Europa entscheidend mitprägte und großen Anteil daran hat, dass Europa heute wieder mit „zwei Lungen“ atmet, nehmen fast alle Redner Bezug. Aachens Oberbürgermeister Jürgen Linden etwa zitiert ihn, um zu verdeutlichen, wie die Globalisierung, die er als eine „unumkehrbare Tatsache“ bezeichnete, deren Gestaltung der Menschheit aufgegeben sei, bewältigt werden müsse: „Das Gemeinwohl der ganzen Menschheit verlangt eine neue Kultur mit dem Ziel, der Globalisierung des Profits und des Elends eine Globalisierung der Solidarität entgegen zu halten.“ Und auch Riccardi zitiert ihn in seiner Rede, die wohl auch als freundschaftliche Kopfwäsche der Mächtigen betrachtet werden kann, mehrfach. Zuvor hatte der frühere Präsident des Europäischen Parlaments Ire Pat Cox, selbst Karlspreisträger, in seiner Laudatio das Wirken von Riccardi und der Gemeinschaft Sant'Egidio als Gegenmodell zu Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ gewürdigt. „Ich glaube jedoch“, rezitierte der völlig unkonventionelle Italiener ein Gedicht Johannes Pauls II., „dass der Mensch vor allem am Mangel an Visionen leidet“. Die Deutschen unter den Zuhörern dürften sich da wohl an einen Ausspruch Helmut Schmidts erinnert haben, der einmal lakonisch meinte, wer in der Politik Vision habe, solle zum Arzt gehen. Nun aber, da die westliche Welt nach dem Debakel auf den globalen Finanzmärkten nach dem Sauerstoffzelt verlangt, sind selbst unter jenen, die Wert darauf legen, als Realpolitiker zu gelten, Visionäre wieder gefragt.

Das scheint auch Riccardi so zu sehen. „Der Preis ist für mich ein Zeichen, ein Appell an die Europäer, an die Christen“, betont der Historiker. Einer der zeige: „Allein kommt die Politik nicht zurecht.“

Riccardi zufolge läuft Europa Gefahr, in die Schlagzeilen abzugleiten, statt Geschichte zu schreiben. „Man mache sich keine Illusionen!“, warnt der Italiener: „Auch wenn es nicht den Anschein hat, stehen wir vor einer Entscheidung mit enormer Tragweite, die die Entwicklung Europas in diesem Jahrhundert prägen wird.“ „Ohne eine gemeinsame, europäische Vision“ werde sich jener Abschied von der Geschichte vollziehen, von der auch Papst Benedikt XVI. spreche. „Die Konfrontation mit der Globalisierung, mit Indien, mit China, mit wachsenden Kulturen und Wirtschaftssystemen und der Bevölkerungsentwicklung“ könne nicht durch einzelne Länder allein erfolgen. „Wenn es keine wahre europäische Einheit gibt, werden die europäischen Länder in der Welt keine Rollen spielen“, mahnte Riccardi. Was übrig bleibe sei dann, „die Erinnerung an alte Großmächte, an herrliche oder schreckliche, aber vergangene Zeiten“. Ohne Europa aber würden auch „die europäischen Werte der Freiheit, des Friedens und der Menschlichkeit verloren gehen“.

Die Lösung, die Riccardi anbot – nicht aufdringlich, sondern indem der sie ganz einfach in den Raum stellte – war der gelebte christliche Glaube. Dieser rufe dazu auf, „nicht für sich zu leben“, sagte Riccardi, der 1968 als Gymnasiast mit anderen Schülern und Studenten die Gemeinschaft Sant'Egidio gründete, die sich für die Weitergabe des Evangeliums und für den Dienst an den Armen einsetzt. Der von der katholischen Kirche anerkannte „Öffentliche Verein von Gläubigen in der Kirche“ hat eigenen Angaben zufolge mehr als 50 000 Mitglieder. Sie leben und arbeiten in mehr als 70 Ländern. Neben sozialen Projekten für Kinder, alte Menschen, Flüchtlinge und Behinderte setzt sich die Gemeinschaft auch für Frieden ein.

Was sie leitet, hatte der Bischof von Frosinone-Veroli-Ferentino Ambrogio Spreafico, noch am Morgen in seiner Predigt im Aachener Münster so zusammengefasst. „Die Grenzen auf der Erde sind nicht geografisch, sondern sie verlaufen in den Herzen, die oft Trennungen und Feindseligkeiten schaffen und trennende Mauern errichten.“ Bestünde „die Versuchung des Europäers darin, sich in seinem Horizont zu verschließen, die Anfragen von Leid und Hilfe von sich zu weisen, die aus dem eigenen Kontinent oder aus weiter Ferne kommen“, so sei „die Botschaft des Preises, der heute an Andrea Riccardi als Gründer der Gemeinschaft Sant'Egidio verliehen wird, eine Botschaft der Hoffnung, die alle aufruft, mit einem weiten Herzen zu leben, mit einem Blick zum Himmel zu leben und auf der Erde zu arbeiten durch die Begegnung mit Menschen, die sympathische und kühne Weitergabe der weisen, der gütigen und offenen Menschlichkeit, die fähig ist, den Schrei der Armen zu hören und großzügig auf die sich stellenden Anfragen zu antworten“.

Wie dies geschehen könne, machte Riccardi am seiner Ende Rede im Krönungssaal deutlich: „Wir müssen – in gewisser Weise – den Palast der Macht, den Palast Europas erstürmen. Nicht mit Gewalt, sondern mit Leidenschaft und mit Ideen, um den Regierenden zu helfen, mehr in die Ferne zu schauen und von einem Europa der Völker zu träumen.“ Dazu könne jeder einen Beitrag leisten, rief er den Politikern, den prominenten Ehrengästen und Vertretern der Medien zu: „Wenn es an Menschen fehlt, bemühe dich Mensch zu sein!“

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