Alle Jahre wieder?

Fabian Brand blickt auf die Advents- und Weihnachtszeit. Von Alexander Ertl
Krippenmuseum in Kevelaer wird eröffnet
Foto: dpa | Wie klein sich der menschgewordene Gott macht ist ein Wunder – und provoziert manche.

Während viele Menschen das Jahr über wenig mit dem kirchlichen Leben zu tun haben, sind an Weihnachten die Kirchen voll. Eltern nehmen ihre Kinder mit in die Christmette und hören wenigstens einmal im Jahr die Geschichte von der Geburt Jesu – oder dürfen sogar ein Krippenspiel miterleben. Was macht den Reiz von Weihnachten aus?

Fabian Brand, Autor dieser Zeitung, lehnt heimelige Gefühlsduselei an Weihnachten ab. Er wagt nichts weniger als den „Versuch einer Neuinterpretation von Weihnachten“. Brand ist davon überzeugt, „dass unsere weihnachtliche Feier, wie sie sich in unserer Gesellschaft etabliert hat, das Ergebnis eines Prozesses ist, in dem Menschen mit den weihnachtlichen Zumutungen überfordert waren und den groben Klotz mit seinen Ecken und Kanten bis zur Unkenntlichkeit zurechtgeschliffen haben.“ Recht verstanden sei Weihnachten aber eine Provokation, die Heilsgeschichte habe ihren Platz in einem Setting, wo es „gewaltsam und kriegerisch zugeht“. „Gott wird Mensch in einem dreckigen Stall, irgendwo auf unsicheren Feldern vor dem Dorf Betlehem“.

Das Buch ist in drei Schwerpunkte unterteilt: Eingangs benennt Brand in den sogenannten „Lesetexten“ sechs „Zumutungen“. Man müsse nach Weihnachten ganz anders von Gott denken, so Brand, denn der große, mächtige Gott werde ein verletzlicher Mensch.

Eine weitere Zumutung sei die Ohnmachtserfahrung des Menschen. Dem Leben in seiner bedrängten und ausgegrenzten Form könne man heute genauso am Straßenstrich wie in den Favelas, aber auch in Bahnhofsmissionen, Einrichtungen für Obdachlose und Krankenhäusern begegnen, so Brand. Aber ist nicht die Beengtheit und Kleinheit des Menschen überall sichtbar, wenn man genau hinsieht?

Im zweiten Teil stellt Brand adventliche Gestalten vor: Johannes der Täufer, Maria und Jesaja. Sie alle sind „Vorläufer“ und deuten auf das Weihnachtsereignis hin. Schön ist der Gedanke, dass es auch heute noch solche Personen gibt, die mit ihrem Leben die Hoffnung auf die bevorstehende Ankunft Gottes in diese Welt stärken.

Der dritte Teil schließlich ist betont praktisch: Er umfasst Predigtvorschläge vom ersten Adventssonntag bis zur Erscheinung des Herrn. Die zwölf Entwürfe haben eine angenehme Länge von jeweils ungefähr drei Seiten. Es wiederholen sich freilich Gedanken aus den vorangegangenen Texten, doch ist dies keineswegs zu bekritteln. Vielmehr merkt der Leser, wie die Betrachtungen beinahe leichtfüßig hin zur Predigt führen.

Für routinierte Praktiker sind daher besonders die zwei vorangegangenen Kapitel von Interesse, während gerade Predigtanfänger im letzten Abschnitt eine gute Schule finden. Das Buch bietet wertvolle Anregungen. Es kann nicht nur einführend zu den biblischen Lesetexten oder zu privaten Andachten, sondern auch für gemeinsame Gottesdienste verwendet werden. Die vorliegenden Betrachtungen, Impulse und Predigtentwürfe sprechen die Sprache unserer Zeit. Manche Beobachtungen wirken indes aber auch grotesk: „Lampedusa oder die Bordelle sind die Orte, an denen die andere Welt heute über uns hereinbricht.“

Leider berücksichtigt der Band nicht die ganze Breite der Eigenheiten der Advents- und Weihnachtszeit. Gedenktage wie der der Nothelferin Barbara oder der des Erzmärtyrers Stephanus oder die letzten sieben Adventstage mit ihren O-Antiphonen, hätten dem Anliegen doch entsprochen, von einer Welt zu erzählen, in der inmitten von Finsternis Licht aufbricht. Es liegt ein Zauber im Weihnachtsfest. Jedes Jahr aufs Neue.

Fabian Brand: Siehe, dein Licht wird kommen. Impulse und Predigten für die Advents- und Weihnachtszeit. Herder, Freiburg im Breisgau 2017, ISBN 978-3-451-37888-1, 174 Seiten, EUR 18,–

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