Albanien zeigt, dass es möglich ist

Beim Empfang im Präsidentenpalast in Tirana am Sonntag, den 21. September, betont der Papst die Bedeutung des friedlichen Zusammenlebens unterschiedlicher Religionen

Herr Präsident, Herr Premierminister, sehr geehrte Mitglieder des Diplomatischen Korps, Exzellenzen, meine Damen und Herren,

ich freue mich sehr, hier bei Ihnen zu sein, in dem vortrefflichen Land Albanien – Land der Helden, die ihr Leben geopfert haben für die Unabhängigkeit der Nation, und Land der Märtyrer, die in den schweren Zeiten der Verfolgung Zeugnis abgelegt haben für ihren Glauben. Ich danke Ihnen für die Einladung, Ihre Heimat, das sogenannte „Land der Adler“, zu besuchen, und für Ihren freudigen Empfang.

Es ist beinahe ein viertel Jahrhundert verstrichen, seit Albanien den schwierigen, aber spannenden Pfad der Freiheit wiedergefunden hat. Sie hat der albanischen Gesellschaft ermöglicht, einen Weg des materiellen und geistigen Wiederaufbaus einzuschlagen, viele Energien und Initiativen in Gang zu setzen und sich für die Zusammenarbeit und den Austausch mit den Nachbarländern auf dem Balkan und im Mittelmeerraum wie auch mit Europa und der ganzen Welt zu öffnen. Die wiedererlangte Freiheit hat Ihnen erlaubt, zuversichtlich und hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen, Projekte anzukurbeln und wieder freundschaftliche Beziehungen mit nahen und fernen Nationen zu knüpfen.

Die Achtung der Menschenrechte – die Achtung ist ein wesentliches Wort bei Ihnen –, unter denen die Religionsfreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung herausragen, ist ja die Vorbedingung für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Wenn die Würde des Menschen geachtet wird und seine Rechte anerkannt und gewährleistet werden, erblühen auch Kreativität und Unternehmungsgeist, und die menschliche Persönlichkeit kann ihre vielfältigen Initiativen zugunsten des Gemeinwohls entfalten.

In besonderer Weise freue ich mich über eine glückliche Eigenschaft Albaniens, die mit aller Sorgfalt und Aufmerksamkeit zu bewahren ist – ich beziehe mich auf das friedliche Zusammenleben und die Zusammenarbeit von Angehörigen verschiedener Religionen. Das Klima gegenseitigen Respekts und Vertrauens zwischen Katholiken, Orthodoxen und Muslimen ist ein kostbares Gut für das Land und gewinnt eine besondere Bedeutung in dieser unserer Zeit, in der von extremistischen Gruppen das echte religiöse Empfinden verfälscht wird und die Unterschiede zwischen den verschiedenen Bekenntnissen verzerrt und instrumentalisiert werden, indem man sie zu einem gefährlichen Anlass für Auseinandersetzungen und Gewalt macht, anstatt zu einer Gelegenheit für den offenen und achtungsvollen Dialog und für ein gemeinsames Nachsinnen über das, was es eigentlich bedeutet, an Gott zu glauben und sein Gesetz zu befolgen.

Niemand soll meinen, er könne sich hinter Gott verstecken, während er Gewalttaten und Übergriffe plant und ausführt! Niemand nehme die Religion zum Vorwand für seine Taten, die der Würde des Menschen und seinen Grundrechten entgegenstehen, an erster Stelle dem Recht auf Leben und auf Religionsfreiheit aller!

Was in Albanien geschieht, beweist hingegen, dass das friedliche und fruchtbare Zusammenleben von Menschen und Gemeinschaften, die unterschiedlichen Religionen angehören, nicht nur wünschenswert, sondern konkret möglich und machbar ist. Das friedliche Zusammenleben zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften ist tatsächlich ein unschätzbares Gut für den Frieden und die harmonische Entwicklung eines Volkes. Es ist ein Wert, der Tag für Tag gehütet und gefördert werden muss durch die Erziehung zur Achtung der Verschiedenheiten und der spezifischen Identitäten, die offen sind für den Dialog und die Zusammenarbeit zum Wohl aller, sowie dadurch, dass man einander immer besser kennen und schätzen lernt. Es ist ein Geschenk, das stets im Gebet vom Herrn erfleht werden muss. Möge Albanien immer auf diesem Weg voranschreiten und so für viele Länder zu einem Vorbild werden, an dem sie sich orientieren können!

Herr Präsident, nach dem Winter der Isolation und der Verfolgungen ist schließlich der Frühling der Freiheit angebrochen. Durch freie Wahlen und neue institutionelle Ordnungen hat sich der demokratische Pluralismus gefestigt, und das hat auch den Aufschwung der wirtschaftlichen Aktivitäten begünstigt. Veranlasst durch die Suche nach Arbeit und besseren Lebensbedingungen haben viele, speziell zu Beginn, den Weg der Auswanderung eingeschlagen und tragen auf ihre Weise zum Fortschritt der albanischen Gesellschaft bei. Viele andere haben die Gründe wiederentdeckt, in der Heimat zu bleiben und sie von innen her aufzubauen. Die Mühen und die Opfer aller haben zur Besserung der allgemeinen Bedingungen zusammengewirkt.

Die Katholische Kirche hat ihrerseits wieder ein normales Leben beginnen können, indem sie ihre Hierarchie wiedererrichtete und die Fäden einer langen Tradition wieder aufnahm. Es sind Gottesdienststätten errichtet oder wieder aufgebaut worden, unter denen das Heiligtum der „Mutter des Guten Rates“ von Scutari herausragt; es sind Schulen und wichtige Bildungs- und Fürsorgezentren gegründet worden, die der gesamten Bevölkerung zur Verfügung stehen. Darum werden die Präsenz und das Wirken der Kirche zu Recht als ein Dienst nicht allein für die katholische Gemeinschaft, sondern für die gesamte Nation gesehen.

Die selige Mutter Teresa und die Märtyrer, die heldenhaft ihren Glauben bezeugt haben, – ihnen gilt unsere höchste Anerkennung und unser Gebet – freuen sich sicherlich im Himmel über den Einsatz der Männer und Frauen guten Willens, die der Gesellschaft und der Kirche zu einer neuen Blüte verhelfen.

Jetzt aber stellen sich neue Herausforderungen, denen begegnet werden muss. In einer Welt, die zur wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung neigt, müssen alle Anstrengungen unternommen werden, damit das Wachstum und die Entwicklung allen zur Verfügung gestellt werden und nicht nur einem Teil der Bevölkerung. Außerdem wird diese Entwicklung nicht echt sein, wenn sie nicht nachhaltig und gerecht ist, das heißt wenn sie nicht ausdrücklich die Rechte der Armen berücksichtigt und die Umwelt achtet. Der Globalisierung der Märkte muss notwendig eine Globalisierung der Solidarität entsprechen; mit dem Wirtschaftswachstum muss eine größere Achtung der Schöpfung einhergehen; gemeinsam mit den Rechten des Einzelnen müssen die Rechte der Wirklichkeiten zwischen dem Einzelnen und dem Staat geschützt werden, allen voran die Familie. Albanien kann diesen Herausforderungen heute in einem Rahmen der Freiheit und Stabilität begegnen – Werte, die gefestigt werden müssen und die hoffnungsvoll in die Zukunft schauen lassen.

Ich danke jedem von Ihnen herzlich für den vorzüglichen Empfang und erbitte für Albanien – wie Johannes Paul II. im April 1993 – den Schutz Marias, der Mutter des Guten Rates, indem ich ihr die Hoffnungen des gesamten albanischen Volkes anvertraue. Gott gieße über Albanien seine Gnade und seinen Segen aus.

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