Die missionarische Pfarrei

Pfarrei St. Anton im Allgäu: Zurück zu den Wurzeln

In der Pfarrei St. Anton im Allgäu entstehen viele neue Projekte. Das Glaubensfeuer der Pfarrei entfacht bereits andere Gemeinden. Die Quelle der Erneuerung sieht der Dekan der Gemeinde in der Anbetung.

Highlight Sunday St. Anton
Die Pfarrei St. Anton in Kempten im Allgäu zieht Menschen aus der ganzen Region an. Hier beim "Highlight" Sunday, der einmal im Monat stattfindet. Foto: Julian Heigl

Dienstag, 19 Uhr. Leise Lobpreismusik dringt durch die dicken Kirchenmauern der alten Klosterkirche. Der Eintritt durch die schwere Holztüre nach innen bietet einen seltenen Anblick: Eine Gruppe überwiegend Jugendlicher kniet vor dem Allerheiligsten. Das Licht ist gedimmt, eine kleine Band begleitet die Anbetung mit Lobpreismusik. Die Atmosphäre ist andächtig, man spürt, dass es den Jugendlichen hier ernst um den Glauben ist. Doch was bewegt junge Erwachsene heute noch in die Kirche zu kommen - sogar unter der Woche?

Eucharistische Anbetung ist der Kern der Pfarrei

„Hier kann ich zur Ruhe kommen“, meint die 25-jährige Stefanie Trunzer, die jede Woche in die „Holy Hour“ in der Pfarrei St. Anton, Kempten im Allgäu, kommt. „Und ich investiere  hier zwar Zeit, aber das, was ich bekomme, ist so viel mehr, als das, was ich gebe.“

Und damit ist sie nicht allein. In der Pfarrei gibt es nicht nur wöchentlich eine Anbetungsstunde, sondern das Allerheiligste ist in der Seitenkapelle der Kirche durchgehend ausgesetzt. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche wird hier gebetet. Damit Jesus im allerheiligsten Sakrament nie alleine ist, gibt es eine Anbetungsliste, in der rund 150 Leute eingetragen sind. „Es gibt sogar Leute, die hier nach Kempten ziehen, weil sie wissen, dass es eine ewige Anbetung gibt“, meint Dekan Bernhard Hesse, der die Pfarrei seit sechs Jahren leitet.

Leute aus dem ganzen Allgäu kommen zur Anbetung in St. Anton

Die eucharistische Anbetung ist in St. Anton aber nichts Neues: Im ehemaligen Kapuziner-Kloster habe es bereits seit über 30 Jahren die Anbetung in der Kirche gegeben, die ewige Anbetung führte Dekan Hesse vor fünf Jahren ein. „Zur ewigen Anbetung in St. Anton kommen wirklich Leute aus dem ganzen Allgäu. Also wir sind weniger eine Pfarrei, als vielmehr ein Kern“, so Hesse. Bei der Anbetung gehe es darum, dass einer stellvertretend für alle die himmlischen Gnaden empfange. „Und wir merken immer wieder, dass wir sehr gesegnet sind.“

Denn durch die ewige Anbetung seien in der Pfarrei bereits viele neue Projekte entstanden. Jüngst der „Highlight-Sunday“. Seit Oktober treffen sich einmal im Monat Personen jeder Altersgruppe, um Gemeinschaft und Glauben zu leben. Der Tag beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück, für die Erwachsenen gibt es anschließend einen Impuls – abwechselnd zu sowohl theologischen, als auch philosophischen und weltanschaulichen Themen –, die Kinder und Jugendlichen können währenddessen die Kommunion- und Firmvorbereitung besuchen. Das Highlight des Tages bildet abschließend die Feier der heiligen Messe.

Überzeugte Christen mit nicht Gläubigen in Kontakt bringen

„Das Ziel der ,Highlight-Sundays‘ ist, dass Personen, die bereits fest im Glauben stehen, mit solchen zusammengeführt werden, die Gott noch nicht kennen“, erklärt der 22-jährige Student Pius Grammetbauer. Gemeinsam mit seinem Freund Julian Heigl startete er die Aktion. „Wir wollen hier wirklich eine Willkommenskultur pflegen. Jeder soll sich hier wohlfühlen.“
Und das Konzept scheint zu funktionieren: Die ersten Male kamen über hundert Leute. Inzwischen wird der „Highlight-Sunday“ über Youtube per Livestream ausgestrahlt.

Neben generationenübergreifenden Projekten ist auch die Erwachsenenseelsorge ein wichtiger Stützpfeiler in der Pfarrei: In den letzten zwei Jahren wurden zehn Ehekurse angeboten, die nach dem Beispiel der Alpha-Kurse funktionieren. Jeder soll willkommen sein, ein gemütliches Essen wird mit Input und Austausch verbunden. Damit jeder sich wohlfühlt sei es wichtig, die Kurse in einem neutralen Raum wie in einer Bar oder in einem Restaurant stattfinden zu lassen, so Hesse. Das Konzept komme bei den Paaren gut an, die Kurse seien immer schnell voll.

Ehekurse retten teilweise Beziehungen

Und die Kurse retten teilweise sogar Ehen: Eine Frau berichtete, dass ihre Ehe kurz vor dem Aus stand, als sie den Ehekurs machte. Rückblickend habe sie bemerkt, dass sie ohne die damalige Unterstützung heute vermutlich nicht mehr verheiratet wäre.

Doch die Pfarrei bringt nicht nur neue Projekte hervor, sondern auch geistliche Berufungen: Drei junge Männer, die schon lange mit der Pfarrei verbunden sind, sind aktuell im Priesterseminar. Der Jüngste von ihnen, Jonas Eger, ist erst zwanzig Jahre alt. Der frühere Ministrant von St. Anton trat direkt nach dem Abitur in das Priesterseminar in Augsburg ein.

Dienstleistungsdenken bei Sakramenten steht persönlicher Christusbeziehung im Weg

Dass die Sakramente – besonders der Firmung und Erstkommunion – gerade eine Krise erleben, bestätigt Dekan Hesse. „Das Problem ist, dass die Sakramente als Konsumgüter angesehen werden. Die Leute denken ,Wir zahlen Kirchensteuer, als Gegenleistung wollen wir eine Taufe oder die Erstkommunion‘.“ Das erschwere es, die Leute zu einer persönlichen Gottesbeziehung zu führen.

Doch genau dort setzt die Pfarrei an: Die Kommunionvorbereitung geht über ein dreiviertel Jahr, jeden Monat treffen sich die Kinder für Gruppenstunden – inzwischen beim „Highlight-Sunday“. Neben den üblichen Gruppenstunden verschicken die größtenteils auch jugendlichen Leiter einmal in der Woche ein kurzes Video, in dem sie die Glaubensbasics spielerisch und erzählend kurz neu erklären. Der Gedanke hinter den Videos sei, dass die Familie die Videos gemeinsam ansehe und so die ganze Familie zu einer persönlichen Gottesbeziehung geführt werde.

Denn darauf komme es letztlich an. „Das Wichtigste in meinem Glauben ist die Beziehung zu Jesus“, betont Dekan Hesse. Das sei auch die Grundlage der Erneuerung der Pfarrei. Durch die Anbetung entstehe eine göttliche Erneuerung, keine aus den Menschen heraus. „Das Schöne an dem Ganzen ist, dass man sieht, wie Jesus Dinge steuert, die wir so gar nicht steuern könnten.“

In anderen Pfarreien geholfen, ewige Anbetung einzurichten

Und die Gemeindemitglieder wirken auch über die eigenen Kirchenmauern hinaus: Innerhalb von vier Jahren half St. Anton fünf anderen Gemeinden, eine ewige Anbetung einzurichten:  In Mainz, Stuttgart, Waghäusel, Marienfried und Wassenberg in Nordrhein-Westfalen.

Damit Erneuerung möglich werde, benötige es zum einen das Wirken des Heiligen Geistes, aber auch eine gute Organisation und Leiterschaft, betont Hesse. „Eine gute Zusammenarbeit zwischen den Gemeindemitgliedern und dem Pfarrer ist aber auch extrem wichtig. Ich glaube, wir müssen wegkommen von dem zentralen Pfarrersystem, in dem der Pfarrer für alles zuständig ist. Wir sind gemeinsam verantwortlich und wir haben eine gemeinsame Vision“, betont Grammetbauer. Die Reihenfolge spiele in der Erneuerung der Kirche die entscheidende Rolle: „Zuerst kommt die Anbetung, dann entstehen die Projekte“, so Grammetbauer.

Für die Neuevangelisierung gilt anscheinend also vor allem eines: die Rückbesinnung auf den altbewährten Kern des Glaubens, die Rückbesinnung auf Jesus.

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