Würzburg

Zu Gott finden wir aus Glauben und mit Liebe

Glauben scheint nicht leicht. Es ist ein Akt der Freiheit. Die Frage ob Glauben gnadenhaft von Gott ausgeht oder der Mensch den Schritt macht scheint ein Widerspruch, Bei genauem Hinsehen löst der sich auf.

Theresa von Avila
Die „Verzückung der heiligen Theresa“ in der Kirche Santa Maria della Vittoria in Rom stellt die Liebe, die den Glauben beseelt, dar. In ihrer Autobiografie beschreibt Theresa die „flammende Liebe zu Gott“, die sie in dem Moment verspürte. Foto: adobe stock

Wie finden wir zu Gott? Kommt die wahre Liebe aus dem Glauben oder glauben wir, weil wir lieben? Bedeutende christliche Denker kommen zu widersprüchlichen Aussagen. Der heilige Augustinus unterscheidet den Staat dieser Welt, in dem man seinem Urheber glaubt, weil man ihn liebt, vom Gottesstaat, in dem man den Urheber deshalb liebt, weil man ihm glaubt („De civitate Dei“ XXII, 6,1). Eine Liebe, die nicht aus dem Glauben kommt, wäre irrational. Andererseits sagt Kardinal Newman: „Wir glauben, weil wir lieben“ (Oxford University Sermons 236: we believe, because we love). Wer hat nun recht?

Glauben

Zuerst müssen wir fragen, was „glauben“ bedeutet? Der heilige Paulus erklärt, dass der Glaube vom Hören kommt (Röm 10,17). Ich schenke jemandem Glauben, der mir etwas mitteilt. Die Glaubwürdigkeit gilt der Person, die sich in ihrem Wort verbürgt. Diese Bürgschaft gilt bei Christus ganz besonders: Er teilt nicht nur Worte mit, sondern er ist selbst das Wort, das er zu uns spricht. Das meint wohl die schwierige Antwort Jesu auf die Frage, wer er sei: „Im Hinblick auf den Ursprung: das, was ich euch auch sage“ (Joh 8,25). Jedenfalls ist er „im Ursprung“ das Wort Gottes, der göttliche Logos (Joh 1,1). Und so kann der heilige Paulus in Röm 10,17 fortfahren: „Das Hören aber kommt durch das Wort Christi“. Das heißt, dass Christi Wort in uns ein besonderes Ohr öffnet, das Paulus „das Gehör des Glaubens“ nennt (Gal 3,2.5). Es geht um ein inneres Organ, das durch den Ruf Gottes geöffnet wird. Der Katechismus der Katholischen Kirche erklärt den Glaubensakt in diesem Sinn: „Der Glaube ist die Antwort des Menschen, die Gott gegeben wird, der sich selbst offenbart und schenkt, zugleich überreiches Licht dem Menschen gewährend, der den letzten Sinn seines Lebens sucht“ (Nr. 26).

Licht

Dieses „überreiche Licht“ offenbart sich zugleich stark und mild (fortiter et suaviter Weish 8,1; vgl. das „Dekret über die Religionsfreiheit Nr. 1). Es ist stark genug, um den Suchenden zu überzeugen, aber nicht so überwältigend, dass die Antwort nicht frei sein könnte. Wir können dies auch in der bildlichen Aussage an die Kirche von Laodizea betrachten, dass Christus vor der Türe steht und anklopft: „Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich einkehren und Mahl mit ihm halten und er mit mir“ (Offb 3,20). Man beachte: Er tritt nur dann ein, wenn wir von innen her die Türe öffnen. In den Sendschreiben an die sieben Teilkirchen der Offenbarung des Johannes wird jeweils betont: „Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Kirchen sagt.“ Es geht um das rechte Hören, in der Bereitschaft, auf das Wort einzugehen. Wir sagen im Deutschen: „ganz Ohr sein“, und haben auch das alte Wort von der „Hörigkeit“: Jemandem wirklich sein Ohr schenken bedeutet, ihm zu gehören. Hier geht es nicht um die äußere Zugehörigkeit zum Grundherrn einer feudalen Ordnung, sondern um die Übereignung der Seele an den Grundherrn der eigenen Existenz. Der Grund aber ist die Liebe in ihrer sich zugleich schenkenden und zurückhaltenden Kundgabe, die einlädt, auffordert, mitträgt und doch frei lässt.

Heiligkeit

Der heilige Jakobus erklärt denselben Zusammenhang so: „In freiem Entschluss entbindet er (der Vater der Lichter) uns durch den Logos der Wahrheit, damit wir eine Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe seien“ (1,18), das heißt: ein schöpferischer Neubeginn, eine eigene Mitverantwortung im Werk der Schöpfung Gottes. Deshalb, so die Folgerung, „sei jeder Mensch schnell bereit zu hören“ (1,19). Der wahre Hörer des Wortes ist dann auch ein Täter des Wortes und ein Täter des Werkes (1,22.25). Das Werk ist das vollkommene Werk des Herrn (1,4; 5,11), in das der Mensch einstimmen und in dem er mitwirken darf. Nebenbei: Während Paulus eine Rechtfertigung aus der bloßen Erledigung äußerer Vorschriften, den „Werken des Gesetzes“ ablehnt (Röm 3,28; Gal 3,2.5.10), spricht Jakobus von einem Wirken Gottes, das sich im recht Hörenden in den entsprechenden Werken entfaltet (2,14–26).

Der Ruf

Was bedeutet das für die eingangs gestellte Frage? Der Ruf Gottes, der sich im Menschen ein besonderes Ohr öffnet und ihn ergreifen will, ergeht aus Liebe. Das ist eine zuvorkommende Gnade (gratia praeveniens), eine anziehende Kraft der Barmherzigkeit (vgl. Jer 31,3; Joh 12,32), die einlädt und denjenigen mitträgt, der sich mittragen lässt. Diesem öffnet sich das Ohr, so dass er sagen kann: „Ich weiß, wem ich glaube, und ich bin mir sicher“ (2 Tim 1,12). Erst in der Kommunikation wird der Grund der Liebe bewusst, nicht nur als Stimmung, sondern als gehörte und einleuchtende Stimme.

Damit löst sich der scheinbare Widerspruch zwischen Augustinus und Newman. Letzterer spricht von jener ersten Liebe, die den Glauben keimhaft beseelt. Es ist eine Kraft, die keine Fremdbestimmung ist, sondern im Gegenteil unser ureigenes Wesen allererst eröffnet, so dass wir uns nicht ungefragt vorfinden, sondern von Vornherein annehmen können. Die uns ins Leben rufende Stimme kommt aus eben dieser „Nestwärme“: we believe, because we love. Aber diese Stimme fordert zugleich zur Entscheidung und Unterscheidung. Wer sich nur einer Stimmung überlässt, glaubt nur dem, was er selbst „liebt“. Dann wird die Liebe in ihrem Wesen als Hingabe aus innerer Hörigkeit dem Anderen gegenüber, dem ich mich verdanke, pervertiert in eine Vorliebe aus eigenem, aber nicht ureigenem, sondern eingebildeten Interesse. Jakobus nennt das ein Sich-Verlocken- und Ködern-lassen aus einer Begierde heraus. Auch hier scheint eine Empfängnis und Entbindung stattzufinden, aber am Ende steht der Tod (1,14–15).

Liebe

Augustinus spricht in diesem Zusammenhang von einer irregeleiteten Liebe (error amoris). Er beschreibt die so entstehende Welt der Lüge als civitas diaboli, die Gesellschaft des Durcheinanderwerfers, symbolisiert durch Babylon, der Stadt der Verwirrung. Dort lieben die Menschen sich selbst bis hin zu Verachtung Gottes („De civitate Dei“ XIV, 28). Hinter dieser oberflächlichen Selbstliebe steht der Versucher, dem man glaubt, weil man ihn beziehungsweise sich selbst liebt. Seine Stimme lautet nämlich: „Ihr werdet selbst sein wie Gott“ (Gen 3,5), und seine Hörigkeit ist Versklavung an das eigene Ich. Ein wirkliches Hören findet also gar nicht statt, sondern der Mensch ist, wie Augustinus sagt: incurvatus in seipsum, über sich selbst gebeugt und von sich selbst überzeugt. Was dann geglaubt wird, glaubt man einfach deshalb, weil man es „liebt“. Grundlage für ein verantwortetes Lieben ist ein vernünftiger Glaube: Wir lieben den Urheber unserer Existenz deshalb, weil wir seine Stimme glaubend hören.

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