Sydney/Vatikanstadt

Wollte Becciu zur Verurteilung Kardinal Pells beitragen?

Der Anwalt des von Missbrauchsvorwürfen freigesprochenen Kardinals George Pell fordert eine Untersuchung von Geldflüssen in Höhe von 700.000 Euro, mit denen der jüngst zurückgetretene Kardinal Becciu versucht haben soll, auf eine Verurteilung Pells hinzuwirken.

Australischer Kardinal Pell in Rom
Kardinal George Pell nahm 2017 eine Beurlaubung von seinem Arbeitsplatz in Anspruch, um sich in seiner Heimat Australien wegen historischer Anklagen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs vor Gericht zu stellen, von denen er freigesprochen wurde. Foto: Andrew Medichini (AP)

Wollte der jüngst zurückgetretene Präfekt für die Heiligsprechungskongregation, Kardinal Giovanni Angelo Becciu, Einfluss auf den Missbrauchsprozess gegen den australischen Kardinal George Pell nehmen? Der Anwalt des im April vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger freigesprochenen Pell will international untersuchen lassen, ob Becciu mit Geldzahlungen genau dies versucht habe, berichtet die australische Zeitung „Australian Financial Review“. 

Zeugen und Medienkampagne gegen Pell finanziert?

Mehrere italienische Medien, darunter „La Reppublica“ und der „Corriere della sera“ spekulierten, Becciu könne eine Summe von umgerechnet 700.000 Euro nach Australien überwiesen haben, um damit auf dessen Verurteilung im Missbrauchsprozess hinzuwirken. Das Geld sollte dazu dienen so die Vorwürfe, Zeugen zu finanzieren und eine Medienkampagne gegen Pell zu starten. Für Pells Anwalt Robert Richter lassen die Berichte nur eine Schlussfolgerung zu: Die australischen Behörden müssten „die Geldflüsse gründlich nachverfolgen“, zitiert die „Ausralian Financial Review“. 

Kardinal Pell, der von 2014 bis 2017 das Wirtschaftssekretariat im Vatikan geleitet hatte, sollte ursprünglich mehr Transparenz und Kontrolle in die Finanzen des Vatikan bringen, geriet dabei jedoch in Konflikt mit Becciu, der als Substitut des Staatssekretariats von 2011 bis 2018 ebenfalls eine einflussreiche Position innehatte und als Pells Gegenspieler galt. Wie italienische Medien berichten, sollen Pells Bestrebungen gedroht haben, mutmaßliche dubiose Finanzgeschäfte Beccius ans Tageslicht zu bringen. Becciu wies jedoch jegliches Fehlverhalten zurück. Auch bestritt er, mit Zahlungen großer Summen auf den Prozess gegen Kardinal Pell eingewirkt zu haben.

Kläger-Anwältin bestreitet, Geld erhalten zu haben

Die Anwältin des Klägers, der im australischen Prozess gegen Pell ausgesagt hatte, bestreitet indes, dass ihr Mandant Gelder erhalten oder von diesen auch nur gewusst habe. Der 79-jährige Pell war im Dezember 2018 von einer Geschworenen-Jury für schuldig befunden worden, 1996 als Erzbischof von Melbourne einen 13 Jahre alten Chorknaben missbraucht und einen anderen belästigt zu haben.

Giovanni Angelo Becciu war Ende September überraschend vom Amt des Präfekten der Heilig- und Seligsprechungskongregation des Vatikans zurückgetreten und verzichtete zudem auf alle mit der Kardinalswürde verbundenen Rechte.  DT/mlu

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