Loretto Pfingstkongress

Georg Mayr-Melnhof: „Die Geistesgaben sind ein mega Zusatzangebot“

Sprachengesang und Lobpreismusik: Für einige Katholiken sind sie selbstverständlich, für andere ein Dorn im Auge. Bei dem diesjährigen Fest der Jugend der Loretto-Gemeinschaft möchte der Gründer Georg Mayr-Melnhof noch einen Schritt weiter gehen.

Georg Mayr-Melnhof
Beim diesjährigen Loretto-Pfingstkroggess steht nicht Evangelisation im Mittelpunkt, sondern die Gegenwart Gottes, erklärt der Loretto-Gründer, Georg Mayr-Melnhof im Interview. Foto: Andreas Walch

Herr Mayr-Melnhof, das Salzburger Fest der Jugend 2021 wird nicht nur coronabedingt, sondern auch inhaltlich anders sein als sonst. Können Sie uns einen Einblick geben, was anders sein wird?

Wir haben 20 Jahre die große Version, nach dem Motto „immer größer“, gehabt. Für 2021 hatten wir die Idee, dass wir knapp 500 junge Leiter aus unserem Dunstkreis sammeln, Leute, die Apostolate leiten oder unsere Jüngerschaftsschulen absolviert haben. Diese 470 Menschen werden für zwei Tage nach Salzburg kommen. Gleichzeitig werden Internet, christliche Fernsehsender und Radio den Kongress hinaustragen. Es ist ganz realistisch zu sagen, dass wir eine Million Leute erreichen werden. Dieses Jahr werden wir an den Ort zurück gehen, wo vor 21 Jahren alles begonnen hat. Damals waren wir mit 100 Leuten in der Aula der Salzburger Universität, gegenüber dem Festspielhaus. Die Aula ist so etwas wie das Obergemach, in dem sich die Apostel zu Pfingsten versammelten und der Heilige Geist auf sie fiel.

"Wenn theoretisch die Herrlichkeit Gottes so stark kommt,
dann werden wir nicht sagen ,Stop, jetzt ist ein Vortrag eingeplant."

Das heißt, es wird dieses Jahr keinen Fokus auf Evangelisation geben?

Richtig. Wir haben alle 470 jungen Leiter gebeten, als Vorbereitung das Buch „Wahre Geschichten und Wunder der Azusa Street“ zu lesen. Es handelt von einer genialen geistlichen Erweckung, die von 1906 bis 1909 in Los Angeles stattfand. Wir wollen etwas Verrücktes ausprobieren: Wir wissen, dass wir am Samstag um 9 Uhr mit Lobpreis beginnen. Wenn theoretisch die Herrlichkeit Gottes so stark kommt, dann werden wir nicht sagen: „Stop, jetzt ist ein Vortrag eingeplant“. Wir haben natürlich ein paar Fixpunkte, der Bischof kommt für die Messe, Johannes Hartl kommt am Nachmittag, aber das sind so lose Elemente und die rufen wir ab, wenn wir sie brauchen. Das Thema ist eigentlich nur Pfingsten und Schechina.

Schechina ist ja auch das Motto. Was bedeutet das Wort?

Schechina ist ein Begriff, den die meisten von uns durch das Buch zum ersten Mal gehört haben. Auch ich als Theologe habe den Begriff bis dahin nicht gekannt.
Schechina kommt aus dem hebräischen und ist das Wort für das Wohnungnehmen Gottes, das Einwohnen Gottes. Man findet es im Alten Testament, zum Beispiel wo die Schechina-Herrlichkeit herabkam auf das Offenbarungszelt in der Wüste. Die Herrlichkeit Gottes kam herab und alle gerieten in Verzückung. Die Azuza-Leute erlebten eine dichte Atmosphäre der Gegenwart Gottes Sie sprechen von einem goldenen Nebel, der sich in ihre Lagerhalle gelegt hat. Das nannten sie die Schechina-Herrlichkeit. Wir haben es am Herzen, diesen Begriff salonfähig zu machen, bekannt zu machen. Wir wollen die Herrlichkeit Gottes herbei rufen, aber wir haben keine Ahnung, was passieren wird.

Warum nimmt sich das katholische Fest der Jugend ein freikirchliches Ereignis zum Vorbild?

Unsere Gemeinschaft ist schon ein bunter Haufen. Wir kommen aus Medjugorje, aus dem Herzen Mariens. Dann kam die charismatische Dimension dazu und damit eine Mentalität von Loretto, die wir „arms wide open“ nennen. Wir haben in den letzten Jahren einige Dinge von „draußen“, also von Freikirchlern und Anglikanern, zum Beispiel die Jüngerschaftsschulen, herein geholt. Beim Lesen dieses Buches haben ganz viele Leute gesagt: „Diese Sehnsucht nach diesem Mehr berührt mein Herz so sehr.“ Es geht nicht darum, ob das protestantisch oder pfingstlerisch ist, sondern dass sich viele danach sehnen, dass Gott das, was er bei Azusa tat, jetzt wieder tut.

Die Erweckung in der Azusa-Street  war der Startschuss der weltweiten charismatischen Erneuerung. Dadurch entstanden die freikirchlichen Pfingstgemeinden. Hatte das Ereignis Auswirkungen auf die katholische Kirche?

Papst Leo XIII. verfasste 1897 die Enzyklika „Über den Heiligen Geist“, in der er die Gläubigen und Pfarreien dazu aufrief, die Novene zum Heiligen Geist zu beten. Das lustige ist, dass in der katholischen Kirche nichts passierte, sehr wohl aber bei den Freikirchen. Bei den Katholiken ist die charismatische Welle erst in den 60er Jahren, rund um das Vatikanischen Konzil, herüber geschwappt.

Typisch charismatische Tätigkeiten wie Heilungsgebet, Sprachengebet oder das Beten um Wunder werden in traditionellen katholischen Kreisen skeptisch gesehen. Was sagen Sie Skeptikern aus dem katholischen Lager?

Es gilt das Wort Jesu: „Komm und sieh!“, aber es heißt nicht, dass alle die kommen, jubelnd weg gehen werden. Mir sind zwei Reaktionen von traditionellen Alt-Salzburgern aufgefallen:  Die eine ist, dass Leute selber tief berührt werden. Sie sagen „So etwas habe ich noch nie gesehen, aber da ist so eine Innigkeit, so ein Tiefgang und so eine Freude“. Die zweite ist, dass Leute total empört sind und sagen: „Das kenn ich nicht, darum ist es gefährlich“. Die charismatische Bewegung ist eine junge Bewegung, etwas über 100 Jahre alt. Inzwischen schätzt man, dass circa eine halbe Milliarde Menschen weltweit damit in Berührung gekommen ist. Also können wir davon sprechen, dass es wohl die größte Bewegung im Christentum überhaupt ist. Ich glaube, in Europa ist es noch am wenigsten verbreitet. Auf der südlichen Halbkugel sind die Menschen, auch aufgrund ihrer Mentalität, viel offener.

Kann die Kirche in Deutschland und Österreich vom charismatischen Movement lernen?

Ich würde sagen, es ist ein tolles Angebot, weil Ur-Sehnsüchte in uns angerührt werden. Jeder sehnt sich nach Freude, nach Lachen, nach Gemeinschaft, nach Lebendigkeit. Die charismatische Bewegung ist vor allem für uns steife, deutschsprachige Kirche schwer, wo die wenigen, die noch da sind, oft in der Tradition verhaften bleiben. Für viele ist die Tradition wichtiger als das Evangelium. Mit Traditionen meine ich ortskirchliche Traditionen von Festen oder Bräuchen. Das wird oft als heilig erklärt. Sich einzulassen auf etwas Neues ist immer eine Herausforderung.

"Die Geistesgaben sind nicht notwendig für alle,
aber ein mega Zusatzangebot"

Sind Katholiken, die die Geistesgaben nicht ausüben, schlechtere Katholiken?

Nein, das würde ich nicht sagen. Aber ich denke, dass die Geistesgaben so ein biblisch fundiertes Angebot sind, für die Paulus im 1. Korintherbrief so viel Werbung macht, dass ich mir denke: Sie sind nicht notwendig für alle, aber ein mega Zusatzangebot. Ich komme aus dem konservativ-traditionellen Background und habe über Medjugorje das Charismatische kennen gelernt und bin total dankbar, die Geistesgaben praktizieren zu können. Ich glaube schon, dass sie mir extrem helfen bei meinem Weg der Nachfolge .

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen

Hier kostenlos erhalten!