Nisibis

Wir beten an

Der heilige Kirchenvater Ephräm der Syrer nimmt sich die Weisen aus dem Morgenland zum Vorbild. Trotz aller Katastrophen, die ihm in seinem Leben widerfuhren hat ernicht aufhört, Gott zu loben.

Heiliger Ephräm der Syrer
Vom Geist inspiriert wird der heilige Ephräm in der Pariser Kirche Saint-Ephrem des Syriaques dargestellt. Foto: P.Razzo (KNA)

Herr Ephräm, oder Mor Aprem, wie Sie in Ihrer Muttersprache genannt werden, Sie sind ein waschechter Syrer und sprechen Syrisch, nicht wahr?   

Ja, das stimmt. Meine Muttersprache ist das Syrische, genauer gesagt jener Dialekt, der zwischen Edessa und Nisibis in der heutigen Südosttürkei gesprochen wurde. Sie ist die ehrwürdigste Tochter des alten Reichsaramäisch, welches einst die Perser benutzten, ein Idiom, in dem sich der Prophet Daniel zu äußern pflegte. Mit seinen vielen Kehl- und Knacklauten gehört das Syrische zu den semitischen Sprachen und ist nahe jenem Dialekt verwandt, den unser Heiland und seine Jünger in Palästina sprachen. Leider ist unsere schöne Sprache im Laufe der Jahrhunderte immer mehr durch das Arabische verdrängt worden, doch es gibt noch einige Sprachinseln in Syrien in der Nähe von Damaskus und im nördlichen Irak. Wir Syrer sind stolz darauf, dass wir noch heute im Gottesdienst unsere Gebete in der Muttersprache Jesu verrichten dürfen, wenn man uns nicht, wie jüngst geschehen, aus unseren angestammten Dörfern und Kirchen vertreibt.   

Wir Syrer schätzen nämlich die Askese traditionell sehr hoch

Die Syrer haben im Laufe ihrer Geschichte immer wieder Katastrophen überstanden. Als Sie im Jahre 363 von Nisibis nach Edessa übersiedeln mussten, waren dies turbulente Zeiten für Sie.   

Gewiss. Ich war damals schon über sechzig Jahre alt und bei weitem nicht mehr der jüngste. Aufgewachsen bin ich in Nisibis, dem „Bollwerk des Ostens“, einer Grenzfeste, welche die Römer gegen die Perser ausgebaut hatten und doch später im Jahre 363 wieder räumen mussten. Mein Elternhaus war christlich geprägt, die Mutter war sehr fromm, der Vater weniger. Doch bin ich schon früh auf die Bahn des Heiles geraten und schloss mich den sogenannten „Bundessöhnen“ an, einem lockeren Verbund von Asketen. Wir Syrer schätzen nämlich die Askese traditionell sehr hoch; ich selbst habe dieses Ideal in meinen Hymnen auf die Jungfräulichkeit gepriesen.   

Was verstehen Sie unter Enthaltsamkeit?  

Wir Asketen begreifen unsere Enthaltsamkeit als Vorgriff auf die kommende Welt, in der nicht mehr geheiratet wird und die rechtschaffenen Menschen bedürfnislos wie Engel Gott schauen dürfen. Alle Kleriker, vom Diakon angefangen bis hinauf zum Bischof, sind selbstverständlich Asketen und leben die evangelischen Räte. Aber nicht jeder „Bundessohn“ oder Asket wird Kleriker; ich selbst bin auch zum Diakon, oder einem „Unterhirten“, wie man bei uns sagt, geweiht worden. Zum Oberhirten habe ich es nie gebracht, dafür bin ich – bei aller Bescheidenheit – ein angesehener Dichter und Literat in meiner geliebten Muttersprache geworden, aber darüber hinaus habe ich auch im Westen bei Lateinern und Griechen Beachtung gefunden, obwohl ich des Griechischen nicht mächtig bin.   

Werden Sie denn als Asket nicht oft wegen Ihrer weltfremden Lebensweise kritisiert?   

Schauen Sie, es gibt nichts Bleibendes in dieser Welt voller Eitelkeiten. Meine Heimatstadt Nisibis wurde dreimal vergeblich – 338, 346 und 350 – durch den heidnischen Perserkönig Schapur II. belagert. Nach dem gescheiterten Persienfeldzug des Frevelkaisers Julian musste dessen rechtschaffener Nachfolger Jovian unsere Stadt im Friedensvertrag von 363 den Heiden überlassen. Ich habe davon in meinen Hymnen gegen den Frevler Julian ausführlich gehandelt. Für uns Christen, für die Römer und alle anderen Bewohner, die nicht aus dem Osten stammten, war dies eine Katastrophe.  

Inwiefern?  

Wir wurden aus unseren Häusern vertrieben und persische Familien von der iranischen Hochebene wurden hier angesiedelt. Wir konnten und durften auch nicht unter der Herrschaft eines heidnischen Großkönigs leben, der Anhänger des Lügenpropheten Zardusht war – die Griechen nennen ihn Zarathustra – und uns und die Glaubensbrüder in Persien dazu zwang, Sonne, Mond und Sterne anzubeten.   

Heilige Drei Könige
Anbetung der Heiligen Drei Könige, Evangeliar des Herder Verlages in Freiburg, am 6. Mai 1998. Foto: Wolfgang Radtke (KNA)

Was geschah dann?   

So wurden alle Christen aus Nisibis vertrieben und wir zogen es vor, unter dem milden Zepter einer christlichen Majestät im Westen zu leben. Ich weiß aus eigener bitterer Erfahrung, was Krieg und Flüchtlingselend bedeuten; damals in Nisibis, noch während der Belagerungen, dichtete ich die Hymnen auf das Paradies, um den Sinn der Christgläubigen auf die unvergänglichen Freuden zu lenken. Ich schrieb auch Gedichte auf das Kreuz und die Auferstehung unseres Herrn, denn es gibt keine Ruhe und Sicherheit in dieser Welt. Einzig das Kreuz ist die Brücke, auf der unsere Seelen sicher hinüberwandern ins Paradies.   

Was erwartete Sie nun genau in Ihrer neuen Heimat Edessa?  

Als Diakon war ich für die Diakonie und Caritas zuständig; ich musste zunächst einmal das Elend der Vertriebenen lindern und die Hungersnot in der überfüllten Stadt bekämpfen. Doch auch der geistigen Not, der schrecklichen Verwirrung unter den Gläubigen galt es zu wehren. Als ich in Edessa eintraf, fand ich die Stadt angefüllt mit schrecklichen Irrlehren und Ketzereien. Wissen Sie, in Nisibis hatte ich es vor allem mit jüdischen Schriftgelehrten aus dem Zweistromland zu tun. Unsere Sprache, das Syrische, ist mit dem Aramäisch der Mischna und des Talmud eng verwandt. Wir Juden und Christen lasen Schrift und Propheten in aramäischer Übersetzung und Targumen.   

Erzählen Sie uns mehr über das Miteinander. 

 Wir haben uns verstanden, auch wenn wir nicht denselben Glauben an den Gottessohn und Messias hatten. Aber hier im Westen, in Syrien, hat sich die Ketzerei des Markion verbreitet; er leugnet das Gesetz, den guten Schöpfer, hält Jesus für einen Fremden, leugnet seine fleischliche Geburt aus der Jungfrau, den Kreuzestod und die Auferstehung. Nicht viel besser ist Mani, eine giftige Wurzel aus persischem Grund; er hält sich selbst für den letzten Propheten, glaubt an ein vom Himmel gefallenes Buch, schreibt sein eigenes Evangelium und leugnet das Kreuz unseres Erlösers. Dann ist da noch der versnobte Bardaisan, der mit der Elite so gut vernetzt ist und mittels eingängiger Melodien seine Irrlehren verbreitet und die Stadt mit seinen verrückten Hirngespinsten überschwemmt. Er richtet größeren Schaden an als der Daisan, unser Fluss in Edessa, bei seiner Frühjahrsschwemme. Es ist eine neue Passion! Früher hieben die Soldaten mit Rohrstöcken auf unseren Heiland ein, heute malträtieren ihn unsere Theologen mit ihren Schreibrohren.   

Ach, unsere Bischöfe, Verteidiger des rechten Glaubens?
Wo denken Sie hin!

Wie haben Sie auf diese Glaubenskrise reagiert?   

Ich nahm die bekannten Melodien des Bardaisan und seines Sohnes Harmonios und unterlegte sie mit neuen, rechtgläubigen Texten. So streute ich mit meinen Hymnen gegen die Häresien die rechte Lehre unter das Volk. Der Gesang erreicht die Herzen der Gläubigen tiefer und intensiver als die Predigt.   

Wäre das aber nicht die Aufgabe der Bischöfe gewesen?  

Ach, unsere Bischöfe, Verteidiger des rechten Glaubens? Wo denken Sie hin! Die sind doch hier in den Ostprovinzen allesamt Arianer oder, schlimmer noch, Eunomianer. Wir Rechtgläubigen sind nur eine kleine Minderheit in Edessa. Man beschimpft uns als Palutianer. Dabei war Palut ein guter Bischof, der in Gemeinschaft mit Antiochien und Rom stand. In Nisibis hatte ich auch Glück mit meinem Bischof Jakob.  

Warum? 

Er war noch 325 in Nizäa und hat das Glaubensbekenntnis mit unterschrieben; sein Nachfolger Vologeses war theologisch nicht besonders auffällig. Dafür war er ein begnadeter Baubischof; er vergrößerte seine Kirche und baute ein neues Baptisterium. Über die Menge an Taufbewerbern können wir uns nicht beklagen; an dem sittlichen Niveau und dem katechetischen Standard müssen wir noch arbeiten. Das ist meine Aufgabe als Diakon. 

Zum Schluss noch eine Frage. Sie sind Dichter und Theologe. Wie unterscheidet sich Ihre Art, Theologie zu betreiben, von jener der Neuerer in Edessa? 

Jene betreiben Theologie in der Schreibstube der Philosophen; was dabei herauskommt, ist eine fade Erkenntnis, von den Griechen Gnosis genannt, ohne Intuition, ohne Leidenschaft, letztlich ein Gott ohne Menschwerdung, Leiden und Kreuz. Wir Syrer hingegen machen es wie die Weisen aus dem Morgenland, wir kommen von weit her zur Krippe, fallen nieder, beten an und lassen unserem Gott und Erlöser Lobgesänge erschallen. 

  

  

Der Autor lehrt Kirchengeschichte mit Schwerpunkt Patrologie an der  Otto-Friedrich-Universität Bamberg 

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