Berlin

Wie das Berliner Erzbistum die Einheit auch während der Teilung bewahrte

Ein Gespräch mit dem emeritierten Berliner Weihbischof Wolfgang Weider zum 90. Jahrestag der Gründung des Bistums Berlin.

St. Hedwigs-Kathedrale
In den Zeiten der Teilung setzte sich Kardinal Bengsch für die Einheit des Bistums ein. Die St. Hedwigskathedrale war Heimat für das ganze Bistum. Foto: Adobe Stock

1821 wurde der "Delegaturbezirk Brandenburg und Pommern" geschaffen und dem Fürstbistum Breslau unterstellt. Bis 1921 wuchs die Zahl der Katholiken in Berlin von 7200 auf 575000 an. Welche Rolle spielten Kardinal Bertram als Bischof von Breslau und Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz sowie der spätere Papst Pius XII., Eugenio Pacelli, der ja das Preußenkonkordat vom Juni 1929 vorantrieb, bei der Erhebung Berlins zum Bistum am 13. August 1930?

Nach der 100. Jahrfeier des Delegaturbezirkes Brandenburg Pommern 1921 sowie nach dem Abschluss des Preußenkonkordates und der zunehmenden Bedeutung von Berlin als Landeshauptstadt schien es angemessen, ein Bistum Berlin zu gründen. Kardinal Bertram erklärte grundsätzlich sein Einverständnis, wenn auch mit geteilten Gefühlen. Er verkannte nicht die Schwierigkeiten, die ausreichende Dotierung für ein neues Bistum zu erlangen, und wies auch darauf hin, dass das Ausscheiden des polnischen Oberschlesien manche Beeinträchtigung bedeuten würde. Auch Nuntius Pacelli unterstützte den Plan, obwohl auch er nach den diffizilen Konkordatsverhandlungen mit Preußen Verzögerungen voraussah. Als hilfreich für die vorbereitenden Maßnahmen empfanden alle die 1923 erfolgte Ernennung eines neuen Breslauer Weihbischofs, Dr. Josef Deitmer, mit dem Sitz in Berlin. Er starb bereits 1929.

Hochhuths "Stellvertreter" wurde Mittel im Kirchenkampf

Pius XII. war hochangesehen, auch und gerade in Berlin. Das Bischöfliche Ordinariat erhielt nach der Zerstörung in der Behenstraße von Stadtmitte seinen Platz in Zehlendorf in der Pacelliallee. Doch Hochhuths "Der Stellvertreter" veränderte die Sicht auf Pius XII. Wie wird heute Pius XII. im Bistum eingeschätzt?

Eugenio Pacelli genoss nach seiner Ernennung zum Apostolischen Nuntius für ganz Deutschland hohes Ansehen in Berlin und darüber hinaus in den deutschen Diözesen. Seine besondere Sympathie für Deutschland mit seinen entsprechenden Sprachkenntnissen war bekannt. Hochhuths "Stellvertreter" wurde in der DDR-Zeit als willkommenes Argument im Kampf gegen die katholische Kirche genutzt. Der Dominikanerpater Gordian hatte dieses Thema bei seinen sehr gut besuchten abendlichen Jugendpredigten eingebaut. Ich erinnere mich persönlich an eine lautstark geführte Diskussion in der Corpus Christi Kirche mit einem Kirchengegner und P. Gordian mitten während der Predigt.

Gegen den Nationalsozialismus opponierten der selige Bernhard Lichtenberg und Bischof Konrad von Preysing. Haben Sie noch Erinnerungen an diese Zeit?

Zu den Lichtgestalten gehört sicher auch noch Ministerialdirektor Erich Klausener, der 1934 kurz nach dem Berliner Katholikentag in Hoppegarten in seinem Büro ermordet wurde. Ich erinnere mich gut an die Predigten des Bischofs von Münster, Clemens August von Galen, die mit der Schreibmaschine vervielfältigt und heimlich an zuverlässige Personen weitergegeben wurden. Kardinal Preysing hat mich selbst gefirmt. Er war eine Persönlichkeit, die sich in der Öffentlichkeit sehr zurückhaltend zeigte, aber in überschaubaren Kreisen und in der Bischofskonferenz maßgebliche Hinweise für das klare Verhalten der katholischen Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus gab. Bischof Preysing setzte sich im "Bischöflichen Hilfswerk für jüdische Mitbürger" auch sehr mutig mit Margarete Sommer unter Einsatz seines Lebens ein, um den vom Tod bedrohten Juden beizustehen.  

Das Bistum Berlin war in den Jahren 1945 1990 geteilt. Welche Folgen hatte die deutsche Teilung insbesondere auch nach dem Mauerbau 1961 für das Bistum? Wie konnte dessen Einheit bewahrt bleiben?

Nachdem Kardinal Döpfner als Westberliner sein Bistum nur noch in den Teilen besuchen konnte, die zum Viermächtestatus von Berlin gehörten, also nicht mehr in die DDR reisen durfte, erhielt er in Alfred Bengsch einen Weihbischof. Als Kardinal Döpfner 1961 Erzbischof von München wurde, wurde Bengsch sein Nachfolger. Da sein Wohnsitz in Ost-Berlin lag, erhielt er nun auch Zutritt zu allen Teilen des weitflächigen Bistums. Allerdings konnte er von dort aus nicht mehr an den Sitzungen der Deutschen Bischofskonferenz teilnehmen. Dies übernahm sein Generalvikar in West-Berlin. Im Gebiet der DDR bildete sich die Berliner Bischofskonferenz mit den Bischöfen aus Dresden, Magdeburg, Erfurt, Schwerin und Görlitz und dem Berliner Bischof als Vorsitzenden.

Sitzungen des Domkapitels nur im Osten

Welche Rolle spielte Bengsch?

Bengsch, der selbst Berliner war und 1967 ins Kardinalskollegium berufen wurde, hat sich leidenschaftlich für den Erhalt der Einheit des Bistums eingesetzt. Anfangs durfte er monatlich drei Tage in den Westteil fahren, später waren es zehn Tage. Begleiten durften ihn und später auch Kardinal Meisner ein Prälat, sein Privatsekretär und der Chauffeur. Das Domkapitel setzte sich zusammen aus Mitgliedern aus beiden Teilen des Bistums. Sitzungen des Kapitels konnten jedoch nur im Ostteil stattfinden, weil den Kapitularen aus dem Osten der Zugang nach dem West-Teil von den DDR-Behörden verwehrt wurde. Maßgebliche Sitzungen fanden doppelt statt: Ordinariatssitzung, Dekanekonferenz,  Priesterrat, Personalkonferenz. Daraus ergaben sich nach der Wende für Leitung und Einsatz manche nicht unerhebliche Spannungen.

Inwiefern stellte die Berliner Hedwigskathedrale ein geistliches Zentrum dar?

Die St. Hedwigskathedrale als Bischofskirche stand im Ostteil und war daher für Ost und West zugänglich, für die West-Berliner jedoch nur mit Eintrittsgeld von 25,- DM an der Grenze. Sie erhielt eine besondere Bedeutung als Heimat für das ganze Bistum. Als einzige Kirche in Deutschland war sie nach der totalen Kriegszerstörung des Innenraumes unter großen Opfern mit Initiativen und Finanzen aus beiden Teilen des zerrissenen Landes durch Einsatz von Bischof Wilhelm Weskamm (von 1951 bis 1956 Bischof von Berlin) wieder aufgebaut worden. 1963 erfolgte ihre Weihe. Dies erklärt auch die gegenwärtigen starken emotionalen Proteste aus dem Bistumsvolk gegen den kostenaufwändigen unnötigen Umbau. Meines Erachtens ein typischer Ost-West-Konflikt.

Gesundes Selbstbewusstsein der Katholiken

Auf den Gebieten des Bistums wurde das kulturelle Leben jahrhundertelang vom (evangelischen) Pfarrhaus geprägt. Haben die Katholiken in dieser Hinsicht unter einem "Minderwertigkeitskomplex" gelitten?

Ich würde weniger von einem Minderwertigkeitskomplex reden als vielmehr von einem gesunden Selbstbewusstsein. Das lag zum Teil auch an dem weitaus größeren Gottesdienstbesuch der Katholiken, was sich besonders in der Diaspora zeigte, bei der Nutzung evangelischer Kirchen. In solchen Fragen sind außerdem nicht nur die Bischöfe, sondern auch die Weltchristen gefordert.

Allerdings sind die Kenntnisse in Glaubensfragen bei vielen Katholiken eher unterentwickelt. Wie kann eine Fortbildung über den Erstkommunion- und Firmunterricht hinaus gelingen?

Fortbildung in Glaubensfragen leistet sicher einerseits die Katholische Akademie; andererseits verbinden eifrige Pfarrer den Sakramenten-Unterricht der Kinder und Jugendlichen mit einer intensiven Glaubensunterweisung der Eltern. Ferner entwickeln sich Kreise junger Erwachsener je nach Wohngebiet und Glaubensvermittlern. Über die Pfarrgrenzen hinaus werden in der City auch über das Internet Glaubenskurse mit erstaunlicher Resonanz angeboten.

Als Apostolischer Nuntius genoss Pius XII. hohes Ansehen, was sich aber mit Hochhuths "Der Stellvertreter" änderte. Das Stück wurde in der DDR gegen die Kirche genutzt. In den Zeiten der Teilung setzte sich Kardinal Bengsch für die Einheit des Bistums ein. Die St. Hedwigskathedrale war Heimat für das ganze Bistum. Fortbildung in Glaubensfragen leisten die Glaubensunterweisung der Eltern parallel zu dem Sakramenten-Unterricht der Kinder, aber auch Glaubenskurse, die über das Internet stattfinden.

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