Vatikanstadt

Widmet der Papst seine nächste Enzyklika der "Brüderlichkeit"?

Franziskus und der Vatikan setzen auf ökumenische und interreligiöse Zusammenarbeit und "planetarische Solidarität".

Papst Franziskus und das Coronavirus
Möchte Papst Franziskus mit seiner dritten Enzyklika zur "Brüderlichkeit" auf ökumenische und interreligiöse Zusammenarbeit setzen? Foto: Yara Nardi (REUTERS/AP)

Eine durch die verantwortungslose Ausbeutung der Natur und jetzt auch noch wegen der Corona-Epidemie zusätzlich in Not geratene Welt zu heilen wird immer mehr zu einer Konstante der päpstlichen Verkündigung und vatikanischer Verlautbarungen. Die bereits vor und während der Amazonas-Synode beklagte und mit der Verelendung der indigenen Urbevölkerung einhergehende Zerstörung der Biotope im Amazonas-Becken war kein sozio-ökologisches Einzelthema. Viele Aspekte der Synode werden aufgegriffen in den Botschaften und Appellen zum fünften Jahrestag des Erscheinens der Enzyklika „Laudato si?“, was für Papst und Kurie ein Anlass war, ein Schöpfungs-Jahr auszurufen, das Pfingsten 2021 mit einem ökologischen Triduum enden soll.

Am Sonntag hat Franziskus zudem einen Schöpfungs-Monat eingeläutet: „Vom 1. September bis zum 4. Oktober werden wir mit unseren christlichen Geschwistern der verschiedenen Kirchen und Traditionen eine Art Jubeljahr für die Erde feiern“, sagte der Papst bei seinem Angelus-Gebet. Die Idee eines kirchlichen Schöpfungstags beziehungsweise einer Schöpfungszeit entstand 1989 in der orthodoxen Weltkirche. Auch war vergangene Woche bekannt geworden, dass bald schon die dritte Enzyklika von Papst Franziskus erscheinen könnte, die sich ebenfalls der Heilung einer durch Umweltzerstörung und die Corona-Epidemie leidenden Welt widmet.

Ganzheitliches Programm zum "Heilen der Welt"

Dem franziskanischen Online-Dienst „cattolico.it“ zufolge hat das der Bischof von Rieti in Mittelitalien, Domenico Pompili, bei der Vorstellung der Achthundert-Jahrfeiern der Ordensregel des heiligen Franz von Assisi angekündigt. Wie „cattolico.it“ schreibt, soll es ein Lehrschreiben zur menschlichen Brüderlichkeit sein, das Gedanken zum Frieden in der Erklärung von Abu Dhabi aufgreift, die Franziskus und der Groß-Iman der Al Azhar in Kairo, Ahmed Al-Tayyeb, am 4. Februar 2019 in Abu Dhabi unterzeichnet hatten. Der Vatikan hat die informelle Ankündigung durch den Bischof von Rieti bisher noch nicht bestätigt, aber auch nicht dementiert.

Es wird erwartet, dass die neue Enzyklika des Papstes soziale und ökologische Fragen der Zeit aufgreifen wird. Bei seinen Generalaudienzen seit der Sommerpause stellt Franziskus seine Überlegungen unter das Motto „Die Welt heilen“ – und das vor dem Hintergrund der globalen Corona-Krise. Für den Papst ist die Soziallehre der Kirche nicht mehr allein mit der Arbeiterfrage verknüpft, sondern umfasst die gesamte Wirtschaft und die Natur. Aus einer Not wie der wegen der Corona-Epidemie komme man nicht unverändert heraus, sagte Franziskus gleich zu Beginn der neuen Katechese-Reihe, sondern stünde besser oder schlechter als vorher da.

'Alles ist mit allem verbunden'

Dass Papst und Vatikan die „Heilung der Welt“ und die ökologische Konversion als ökumenische und interreligiöse Angelegenheit sehen, geht auch aus einem gemeinsamen Dokument des Päpstlichen Rats für den Interreligiösen Dialog und des Weltkirchenrats hervor, das den Titel „Einer verwundeten Welt dienen in interreligiöser Solidarität“ trägt und vor einer Woche vorgestellt wurde.

Der Untertitel lautet: „Ein christlicher Aufruf zur Reflexion und Aktion in der Zeit von Covid-19“. Es seien neue Formen der Solidarität für die Phase nach Corona zu entwickeln, heißt es dort. Die christlichen Konfessionen und die Religionen werden aufgerufen, angesichts eines „globalen Miteinander-Verbundenseins“ eine „auf den gemeinsamen religiösen und ethischen Werten beruhende planetarische Verantwortung zu übernehmen, um der Post-Covid-19-Welt zu dienen und sie zu heilen“. In diese Richtung, so vermutet man, dürfte auch die dritte Enzyklika von Papst Franziskus zielen.

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