Wien

Wider ein "nationales Lehramt" der Bischofskonferenzen

Warum ein nationales Lehramt von Bischofskonferenzen mit dem katholischen Kirchenrecht unvereinbar wäre.

Bischofskonferenz
Das Subjekt der Lehrautorität bleibt der einzelnen Bischof. Foto: Frank Rumpenhorst (dpa)

Wofür sind Bischofskonferenzen gut? Sollen sie nur den praktischen Alltag einer Ortskirche regeln helfen oder können sie für sich in Anspruch nehmen, mit Autorität lehramtliche Fragen zu beantworten? Die Diskussion darüber wird seit Jahrzehnten geführt, und besonders intensiv in Deutschland. Das verwundert nicht, ist doch die Deutsche Bischofskonferenz eine der ältesten weltweit und mit einem organisatorischen Unterbau ausgestattet, den man sonst nirgendwo findet.

Im aktuellen Pontifikat – so stellen es der Dogmatiker Michael Seewald und der Kirchenrechtler Thomas Schüller in der kürzlich erschienenen Publikation „Die Lehrkompetenz der Bischofskonferenz – Dogmatische und kirchenrechtliche Perspektiven“ dar, soll nun der Durchbruch hin zur lange angezielten Lehrkompetenz der Bischöfe eines Landes folgen. Paul Josef Kardinal Cordes hat in der „Tagespost“ (18. Juni 20) den Band, der fast nur Befürworter eines solchen nationalen Lehramtes vereint, einer kritischen Musterung unterzogen und von einem professoralen Manifest gesprochen, das „Theologie mit Anliegen“ betriebe und in erster Linie dem Synodalen Weg Schützenhilfe geben wolle. Wenn man die dogmatischen Unterstände verlässt und mit dem nüchternen Blick des Kanonisten auf das Thema schaut, fällt folgendes auf:

Bischofskonferenzen werden vom Papst eingerichtet

Das relativ neue, noch keine 200 Jahre alte Phänomen nationaler Bischofskonferenzen steht in einer Spannung zu der im kirchlichen Gesetzbuch niedergelegten und vorausgesetzten weltweiten Communio der Bischöfe, die mit und unter dem Papst „kraft göttlicher Einsetzung“ das ihnen anvertraute Gottesvolk leiten. Die Position der Bischöfe, als Einzelne und als Kollegium, ist geschärft und gestärkt worden durch das letzte Konzil, siehe „Lumen gentium“, 21–27. Kanon 447 des geltenden Gesetzbuches bestimmt nun die Bischofskonferenz als ständige Einrichtung und gibt ihr als Zweck die gemeinsame Wahrnehmung „gewisser pastoraler Aufgaben“.

Das kann, wie Judith Hahn, Bochumer Kirchenrechtlerin, anmerkt, alles oder nichts bedeuten, ist noch keine zwingende Festlegung in Richtung eines Lehramtes. Die Konferenzen müssen vom Heiligen Stuhl errichtet werden, dem die Dokumente jeder Vollversammlung zu übersenden sind und der etwaige Allgemeine Dekrete der Konferenz zur Erlangung der Rechtskraft promulgieren muss. Rom ist nach c. 459 § 2 auch zu hören, wenn die Konferenz internationale Projekte angehen will. „Apostolos suos“, ein Motu proprio Johannes Pauls II. von 1998, das von fast allen Autoren des Bandes angegangen wird, regelt weiter, dass der Bischofskonferenz durchaus Lehrkompetenz zukommt, wenn sie in der Vollversammlung entweder einstimmig oder mit Zweidrittelmehrheit darüber befindet.

„Denn die eigentlichen Subjekte der Lehrautorität
sind im Fall der Einstimmigkeit die einzelnen Bischöfe
und ist im Fall der Zweidrittelmehrheit der Apostolische Stuhl,
der einen Text erst freigeben muss.“

Im letzteren Fall muss Rom aber eine „Recognitio“ zur Rechtsgültigkeit aussprechen. Doch steht in beiden Fällen am Ende die Möglichkeit, dass Lehrentscheidungen im Namen der Konferenzen selbst veröffentlicht werden. Es sind also unter bestimmten Umständen Bischofskonferenzen und übrigens auch Partikularkonzilien authentische Lehrer des Glaubens. Die starke Stellung, die das Gesetzbuch im Gefolge des letzten Konzils dem Einzelbischof gegeben hat, würde insoweit durch die Konferenzen eingeschränkt. Judith Hahn sieht das unproblematisch. Zwar seien rechtlich stärkere Konferenzen nur auf Kosten der Diözesanbischöfe zu haben. Doch: „Anders gewendet könnte man ja argumentieren, dass der Bischof gewinne, wenn er sein ortskirchliches Handeln in einen Rahmen zunehmender Kollegialität hineingestellt weiß.“ So kann man es natürlich auch sehen.

Thema in erster Linie nur von "akademischem Interesse"

Befürworter einer eigenen Lehrautorität der Konferenzen sind mit den Möglichkeiten, die „Apostolos suos“ eröffnet, dennoch nicht zufrieden, wie etwa der Bochumer Ex-Fundamentaltheologe Hermann J. Pottmeyer. Er bemängelt, dass das darin eröffnete Lehramt der Konferenzen „durchaus nicht ihr eigenes“ sei. „Denn die eigentlichen Subjekte der Lehrautorität sind im Fall der Einstimmigkeit die einzelnen Bischöfe und ist im Fall der Zweidrittelmehrheit der Apostolische Stuhl, der einen Text erst freigeben muss.“ Immer noch fehle der Bischofskonferenz eine „theologische Basis“.

Eine mögliche Antwort auf diesen Mangel nennt der Münsteraner Dogmatiker Michael Seewald, nämlich Synodalität: „Die Bischofskonferenz sollte sich daher, auch was Fragen des Lehrens angeht, nicht als Versammlung von Kleinmonarchen verstehen, sondern in Strukturen eingebunden werden, an denen auch Laien mitwirken.“ Doch was Dogmatiker wünschen mögen, ist nicht notwendig auch geltendes Recht. Dieses gibt, wie das Direktorium für den Hirtendienst der Bischöfe von 2004 festlegt (Nr. 29e), dissentierenden Einzelbischöfen die Möglichkeit, in Rom eine Dispens zu beantragen, wenn sie einen Beschluss ihrer Konferenz nach c. 455 § 1 aus Gewissensgründen nicht mittragen können, so dass sie sich an jenes Partikulargesetz nicht halten müssen. Wenn dies schon bei Partikulargesetzen der Fall ist, wie soll es erst bei Lehrentscheidungen sein? Und ist es überhaupt wahrscheinlich, dass eine Konferenz, zumal eine große, in Lehrfragen einstimmig entscheidet? Das bringt den Tübinger Kanonisten Bernhard Sven Anuth zum trockenen Fazit: „Die Debatte um die Lehrautorität der Bischofskonferenz ist (...) vor allem von akademischem Interesse.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.