Vatikanstadt/Bonn

Wer im Glashaus sitzt

Die deutschen Bischöfe meinen in einem neuen Papier, ihre Vorgänger seien mitschuldig geworden am 2. Weltkrieg. Doch haben sie wirklich das Recht, sich auf den Richterstuhl zu setzen?

Der Militärgeistliche Theodor Lotz 1941 in der Ukraine
Die Kirche sei Teil der Kriegsgesellschaft gewesen, klagen die Bischöfe. Das Bild zeigt den Militärgeistlichen Theodor Lotz 1941 in der Ukraine bei der Feier einer Feldmesse. Foto: Jakob Altenhofer/ Archiv des Katholischen Militärbischofs, Berlin

Ob zukunftsbesessen oder geschichtsvergessen – beide Male setzt eine Gesellschaft, ein Volk seine Identität und damit seine Zukunft aufs Spiel. Nur im Leben aus und in der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist Gegenwart zu verstehen, zu bewältigen, ist Zukunft zu gestalten. Historische Gedenktage laden zu all dem ein, sind fur eine Nation wie fur eine Familie sinnvoll, notwendig, stärken das Bewusstsein der Identität.

Das schließt deren Verzweckung, propagandistischen Missbrauch wie auch Missverständnisse nicht aus. Auch erweist sich die political correctness oft als ein wahrer Zerrspiegel, in dem die Vergangenheit grotesk entstellt erscheint. Dies trifft insbesondere zu, wenn es um Ereignisse, Personen der jungsten Vergangenheit geht. Die Beschäftigung mit der Zeitgeschichte ist darum ebenso wichtig wie problembelastet. So, wenn heutige Burger der Bundesrepublik Deutschland auf das Jahrzehnt von Hitlers Drittem Reich zuruckblicken. Die immer wieder neu aufbrechenden Kontroversen daruber namentlich in der Publizistik zeigen, wie schwierig die Beschäftigung mit jenen dusteren Jahren noch immer ist.

Die Gefahr des Anachronismus droht

Es ist die auf Schritt und Tritt drohende Gefahr des Anachronismus, der es dabei zu entgehen gilt. Ein Lehrlingsfehler zwar, dem dennoch mancher Meister nicht entgeht. Ganz unwillkurlich erscheint doch die Vergangenheit im Licht der Gegenwart, und es bedarf der bewussten Ausblendung der Aktualität, wenn die Geschichte in den Blick kommen soll. Das bedeutet, dass der Historiker, ja jeder, der sich ernsthaft mit Geschichte befasst, sich bewusst in den Erlebnishorizont jener versetzen muss, deren – damaliges – Urteilen, Handeln und Unterlassen er verstehen will. Damit ist naturlich eine gewisse intellektuelle Disziplin gefordert. Eine Forderung der Fairness, denn die Akteure von damals konnten ja nicht wissen, welche Wirkungen ihr Handeln oder Unterlassen in der Zukunft haben wurde. Auf der anderen Seite weiß der heutige Betrachter der Vergangenheit vielfach nicht, was die Akteure von damals wussten, was sie zu ihrem Tun und Lassen eigentlich bewogen hat.

Aus eben diesen Grunden sollte sich der Historiker sorgsam huten, sich der Vergangenheit gegenuber als Ankläger, Verteidiger und Richter, am allerwenigsten aber als Scharfrichter zu gebärden. Dazu fehlen ihm Voraussetzungen und Kompetenz. Was ihm zukommt ist eher die Rolle des Ermittlers, des Detektivs. Schließlich darf der Historiker einen schon im alten Rom geltenden Grundsatz nicht vergessen: De internis non iudicat praetor: Über das Innere des Menschen, sein Gewissen, steht dem Richter kein Urteil zu. Im Übrigen muss der heutige Historiker, wenn er denn einer vergangenen Generation uberhaupt den Prozess machen will, einmal den Tatbestand anhand von glaubwurdigen Zeugen ermitteln, sodann die verschiedenartigen Voraussetzungen des zu beurteilenden Geschehens, dessen äußere Umstände, Ursachen und schließlich auch dessen Folgen erforschen. Bei diesem wohl sehr anspruchsvollen Geschäft ist am Ende auch zu bedenken, dass Ursache keinesfalls zugleich Schuld bedeutet. Nur wer sich des Bösen, das er vorhat, bewusst ist und es auch will, lädt Schuld auf sich. Das alles gilt nicht nur vor Gericht – es gilt auch an Schreibtisch und Katheder des Historikers.

Eindrucksvoller Bußgottesdienst im Jahr 2000

Nun, da all diese Erfordernisse genannt und vom Leser auch gebilligt sind, kann die Frage gestellt werden, was denn die Generation des Heute mit dem historisch Erkannten anfangen, wie sie sich dazu stellen, welche Folgerungen fur ihr eigenes Leben sie daraus abzuleiten vermöge.

Da nun fällt der Blick auf jenen uberaus eindrucksvollen Bußgottesdienst vom 12. März des Heiligen Jahres 2000, in welchem Papst Johannes Paul II. um die Vergebung all der Sunden bat, die von Gliedern der Kirche im vergangenen Millennium begangen worden waren. Der Papst hat diesen Akt vollzogen ungeachtet der Bedenken, die dagegen erhoben worden waren. Konnte man die Sunden vergangener Generationen bereuen und fur sie um Vergebung bitten? Man könne doch nur an die eigene Brust klopfen und mea culpa sagen, nicht aber die Sunden anderer bekennen – wurde damals gefragt.

Und heute sind ähnliche Fragen an die Autoren jenes Papiers der Deutschen Bischofskonferenz zu richten, das sich mit der Stellung der deutschen Bischöfe zum Zweiten Weltkrieg befasst. Dieser Text wirft manche Fragen auf, die besser gestellt worden wären, ehe man daran ging, ihn zu veröffentlichen. Da wäre es vor allem darum gegangen, zu klären, ob es uberhaupt notwendig, dienlich, sinnvoll sei, dass die DBK zum Thema „Zweiter Weltkrieg“ eine Erklärung abgab. Haben das die Episkopate anderer vom Krieg wie auch immer betroffenen Nationen ebenso getan? Das betrifft das „Warum“.

Der deutsche Episkopat bestand nicht ausnahmslos aus Märtyrern und Bekennern

Nun die nächste Frage: „Wozu“? Wir erinnern uns gut – ein Beispiel genugt – an den eindrucksvollen Austausch von Bitte und Gewährung von Vergebung zwischen den deutschen und den polnischen Bischöfen. Das war schwierige, aber doch gelungene Vergangenheitsbewältigung. Dass der deutsche Episkopat nicht ausnahmslos aus Märtyrern und Bekennern bestand, ist ebenso oft erkannt und bekannt worden.

Dabei wurden selbst herausragende Bischofsgestalten wie Graf von Galen, Johann Baptist Sproll, Graf von Preysing, selbst Michael von Faulhaber, Michael Rackl und Matthias Ehrenfried – um nur diese zu nennen – eher „hinterfragt“ als angemessen gewurdigt.

Nun aber fängt man wohl wieder einmal damit an, Vergangenheit im Lichte aktueller political correctness – oder warum, wozu auch immer – zu bewältigen. Was ein solcher Umgang einer Gesellschaft – hier ist die katholische Kirche in Deutschland gemeint – mit ihrer eigenen Vergangenheit unter sozio-psychologischen Gesichtspunkten bedeute, wäre in der Tat der Überlegung wert.

Wenn es um Sunde und Versagen eines normalen Menschen geht, gilt: Wenn einmal erkannt, bereut und bekannt und Vergebung empfangen, gilt: „deine Sunden sind dir vergeben – geh hin in Frieden“. Der Skrupulant, trotzdem stets aufs neue, vom Empfinden der Schuld gequält, nie zur Ruhe kommt: Ein Fall fur den Psychiater, nicht fur den Beichtvater. Gilt dies nicht nur fur den Einzelnen, sondern auch fur Gemeinschaften? Völker, Kirche? Was bedeutet in diesem Zusammenhang „Vergangenheitsbewältigung“?

Auch über uns könnte man irgendwann zu Gericht sitzen

In der Tat können auch Völker in vergleichbarer Weise geschehenes Unrecht anerkennen und rehabilitiert werden. Die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund nach dem Ersten Weltkrieg und die aufsehenerregende Kreation dreier deutscher Kardinäle - von Galen,von Preysing und Frings - durch Pius XII. im Jahre 1946 wurden in diesem Sinne weithin verstanden und gewurdigt.

Das bedeutet freilich nicht, dass man aus dem Vergangenen nicht lernen, gegebenenfalls auch Wiedergutmachung leisten musse. Letzteres ist etwa – was die in kirchlichen Einrichtungen während des Krieges eingesetzten ausländischen Zwangsarbeiter oder die sogenannten “Heimkinder” betrifft – geschehen. Solche Überlegungen sollten endlich auch im Hinblick auf die Erforschung und Wurdigung kirchlichen Verhaltens im Zweiten Weltkrieg maßgeblich sein.

Bevor man sich also auf den Richterstuhl setzt und den Stab bricht, sollte man all dies bedenken. Vor allem sollte man nicht vergessen, dass – wer weiß wie bald – auch uber uns heute so beflissen an die Brust der Väter schlagende Vergangenheitsbewältiger unsere Nachfahren zu Gericht sitzen werden. Es sei denn, sie ziehen es vor – anders als wir -, erst einmal verstehen zu wollen. Da,allerdings, wird nicht wenig zu verstehen und seitens unserer Generation nicht wenige peinliche Fragen zu beantworten sein.

Die Gretchenfrage: „Wie haltet ihr’s mit Rom?“

Stellen wir nur die Gretchenfrage: „Wie haltet ihr’s mit Rom?“ Stichworte mögen genugen: Erinnert man sich noch an den ebenso wutenden wie pöbelhaften Proteststurm, mit dem der Essener Katholikentag von 1968 auf Pauls VI. längst als prophetisch erkannte „Pillenenzyklika“ Humanae vitae geantwortet hat? Damals hatten sich nur zwei der deutschen Moraltheologen - Gustav Ermecke und Bernhard Schöpf – auf die Seite des Papstes geschlagen. Sie wurden gnadenlos dafur abgestraft.

Weiß man noch, dass Kardinal Döpfner, Vorsitzender der DBK, jenen Brief des Berliner Kardinals Bengsch an die DBK, in dem die Bischöfe der DDR sich zur Enzyklika des Papstes bekannten, einfach unterschlagen hat? Nur so konnte es zu jener „Königsteiner Erklärung“ kommen, in welcher die DBK den Gebrauch von Antikonzeptiva dem individuellen Gewissensurteil uberließ. Damit war ein Dammbruch geschehen.

Johannes Pauls II. wiederholte Aufforderung, die fatale Erklärung zu revidieren, wurde seitens der DBK mit eisigem Schweigen beantwortet. Ähnlich gingen die deutschsprachigen Moraltheologen mit der wahrhaft wegweisenden Enzyklika “ Veritatis splendor” des „polnischen Papstes“ um, der zeitlos gultige Prinzipien der Ethik bekräftigte. Man wollte – im Sinne jener fatalen Situationsethik – nicht mehr wahr haben, dass es Handlungen gibt, die unabhängig von jeder Situation immer und  uberall verwerflich sind, wie etwa die Tötung eines Unschuldigen. Ein brennendes Problem, denkt man an die massenhafte Tötung der Ungeborenen.

Dröhnendes Schweigen seitens der DBK

Doch dazu ist seitens der DBK nur dröhnendes Schweigen zu vernehmen, während etwa in den USA zahlreiche Kardinäle und Bischöfe die „Märsche fur das Leben“ anfuhren. Kein Wunder, dass seitens der DBK auch die moralisch höchst bedenkliche Tätigkeit von Donum vitae unterstutzt wird. Wo war auch der katholische Protest geblieben, als Kanzler Helmut Kohl die Wiedervereinigung Deutschlands mit der Übernahme des DDR-Abtreibungsrechts bezahlte?

Denkt man auch noch daran, dass seit Jahrzehnten, u.a. von Kardinal Lehmann gefördert, die theologische Ausbildung von Kandidatinnen – zunächst – fur das – wie immer verstandene – Weiheamt der Frauen betrieben wird? Zugleich herrscht beredtes Schweigen zu der Genderideologie, während laut und deutlich uber die Anerkennung homosexueller Praxis geredet wird – und dergleichen mehr. Was wird man im Jahre 2100 einmal dazu sagen? Unsere Generation sitzt wahrlich selbst im Glashaus. Sie sollte nicht mit Steinen werfen.

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