Vatikanstadt

Wenn Spaltungen drohen

In der heiligen Woche wurden mehrmals Spannungen in der Kirche angesprochen. Grund der Uneinigkeiten sei vor allem die Politisierung der Kirche. Franziskus selbst versöhnte sich mit Kardinal Becciu, den er im Herbst noch aufs Härteste bestraft hatte.

Pietro Parolin
In einem Interview, das am Ostermontag ausgestrahlt wurde, drückte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, seine "Besorgnis" über Spannungen und Widersprüche zwischen dem "sogenannten konservativen Flügel und einem sogenannten progressiven Flügel" aus. Foto: Filippo Monteforte (POOL AFP/AP)

Dass die katholische Kirche unter Spaltungen leidet, weiß man auch im Vatikan. In einem ausführlichen Interview mit dem katholischen Radiosender Cope in Spanien, das am Ostermontag ausgestrahlt wurde, drückte die Nummer zwei an der Kurie, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, seine „Besorgnis“ über Spannungen und Widersprüche zwischen dem „sogenannten konservativen Flügel und einem sogenannten progressiven Flügel“ aus: Die Kirche könne so Schaden nehmen. Der Grund dafür seien manchmal die Verwirrung und Unfähigkeit, zwischen dem zu unterscheiden, „was wesentlich ist und sich nicht ändern kann, und dem, was nicht wesentlich ist und reformiert werden muss – was sich dem Geist des Evangeliums entsprechend ändern muss“.

Prediger des Päpstlichen Hauses fordert, Spaltungen zu überwinden

Parolin hob dabei hervor, dass die Struktur der Kirche, das Glaubensgut, die Sakramente und das apostolische Amt nicht verändert werden könnten. Es gebe jedoch „ein ganzes Leben der Kirche, das erneuert werden kann“ – ein Leben, in dem sündige Menschen wirkten und das deshalb ständig erneuert werden müsse. Der Papst, meinte der Kardinal weiter, lege viel Wert darauf, die Kirche zu reformieren und ab und an gebe es da auch Verwirrung. „Wenn man ihm nahekommt, merkt man, dass er ein einfacher Mann ist, dem das Protokoll nicht so wichtig ist.“ Vielmehr gehe es Papst Franziskus um die Beziehungen und die Nähe zu den anderen, um die Begegnung mit den Menschen und darum, „die Kirche in der Verkündigung des Evangeliums glaubwürdiger zu machen“.

Doch schon am Karfreitag war bei den Feiern der Heiligen Woche im Vatikan, die diesmal fast ohne Publikum stattfanden, das Wort von den „Spaltungen in der Kirche“ gefallen. Bei der Karfreitagspredigt im Petersdom deutete sie der 86 Jahre alte Prediger des Päpstlichen Hauses, der Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa, den Franziskus beim jüngsten Konsistorium in das Kardinalskollegium aufgenommen hat, in Anwesenheit des Papstes jedoch anders als Kardinal Parolin: In den Augen Gottes, so Canatalamessa, sei die Kirche „eins, heilig, katholisch und apostolisch“ und werde dies bis zum Ende der Welt bleiben. „Das entschuldigt aber nicht unsere Spaltungen, sondern macht sie nur noch schuldhafter und muss uns noch stärker dazu antreiben, sie zu heilen.“

Ursache für die Spaltungen: Die Politisierung der Kirche

Was aber sei die häufigste Ursache für Spaltungen unter Katholiken, fragte der Prediger des Päpstlichen Hauses. „Es ist nicht das Dogma, es sind nicht die Sakramente und die Ämter: alles Dinge, die wir durch die einzigartige Gnade Gottes unversehrt und einstimmig bewahren“, sagte der Pater. „Nein, es ist die politische Option, wenn sie die religiöse und kirchliche ablöst und eine Ideologie vertritt. Dies ist der eigentliche Faktor der Spaltung in bestimmten Teilen der Welt, auch wenn er verschwiegen oder verächtlich geleugnet wird.“ Dies sei eine Sünde, im wahrsten Sinne des Wortes, so Cantalamessa. „Es bedeutet, dass das ,Reich dieser Welt‘ im eigenen Herzen wichtiger geworden ist als das Reich Gottes.“

Papst versöhnt sich mit Becciu

Um eine andere Spaltung im Vatikan durch eine versöhnliche Geste zu mindern, hatte Papst Franziskus bereits am Gründonnerstag für eine Überraschung gesorgt. Statt der Abendmahls-Messe im Petersdom vorzustehen, feierte er in der Kapelle der Privatwohnung des ehemaligen Präfekten der Kongregation für die Heiligsprechungen, Kardinal Giovanni Angelo Becciu, mit diesem die Messe, während er sich zur traditionellen Messe „in cena Domini“ vom Dekan des Kardinalskollegiums, Kardinal Giovanni Battista Re, vertreten ließ. Trotz der diskreten Messfeier in der Wohnung des Kardinals wurde somit die Begegnung des Papstes mit Becciu allgemein bekannt.

Noch im September hatte Franziskus den Sarden, der einst das Amt des Substituten im vatikanischen Staatssekretariat bekleidete, aus allen Ämtern entlassen, ihm die Rechte eines Kardinals, einschließlich des der Papstwahl bei einem kommenden Konklave, genommen und ihn der Veruntreuung und Unterschlagung angeklagt. Ob dem nun auch eine Aufarbeitung der schweren Vorwürfe gegen den Kardinal, der auch Patron des Malteser-Ordens war, folgen wird, ist offen.

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