Paderborn

Weniger Priester - weniger Fakultäten?

Acht von elf Fakultäten sind in ihrer Existenz bedroht. Die Absicht der Bischöfe, die Priesterausbildung zu reformieren, hat in jedem Fall Auswirkungen auf die Theologie an staatlichen Universitäten. Es geht dabei auch um die Zukunft der Forschung.

Theologische Fakultäten
Zuweilen scheint es, als würden sich Kirche und Theologische Fakultäten immer weiter voneinander entfernen. Foto: adobe.stock

Die Zahl der Priesteramtskandidaten in Deutschland geht massiv zurück. Der Regens des Bistums Münster hatte im April 2016 schon einmal die Nulllinie, das heißt den Tod, der Priesterausbildung festgestellt. In manchen Bistümern ist die Gesamtzahl derer, die sich auf das Priesteramt vorbereiten, einstellig. Die Finanzlage der Bistümer zwingt auch bei der Ausbildung des Klerus zu sparen. Somit wird man mit anderen Bistümern kooperieren müssen, wenn man die Qualität der Ausbildung halten will.

Wohin steuern die Bischöfe bei der Priesterausbildung?

Der Ständige Rat der DBK hatte im Juni vergangenen Jahres beschlossen, die Standorte der Priesterausbildung zu konzentrieren. Den Plänen zufolge sollen angehende Priester künftig nur noch an drei Orten Theologie studieren. Die Konzentration soll auch das Propädeutikum und den Pastoralkurs betreffen. Auch hier findet eine Konzentration auf wenige Standorte statt. (s. Kasten) Das ist der Abschied von klassischen Seminaren und Theologenkonvikten in den Diözesen.
In der jüngsten Sitzung des Ständigen Rates am 29.1.2021 hatten die Bischöfe ihre Pläne konkretisiert und einen Beirat berufen. Die endgültige Entscheidung soll Ende des Jahres 2022 fallen. Der Sprecher der Regentenkonferenz, Dirk Gärtner, gehört dem Beirat an.

Die Bischöfe sehen sich der Kritik ausgesetzt, die Reduzierung der Studienstandorte, ohne das Gespräch mit den Fakultäten zu suchen, umzusetzen. Gärtner, Regens des Bistums Fulda, beruhigt: "Die Bischöfe beabsichtigen schon im Kontakt mit den theologischen Fakultäten den Weg weiter zu beschreiten. Man kann den Weg nur im Schulterschluss mit den drei Standorten, aber am Ende auch im Gespräch mit allen theologischen Fakultäten gehen." Bislang steht ein solches Gespräch noch aus. Das ruft Kritiker auf den Plan. Pfarrer Thomas Vogel aus Regensburg monierte im Rahmen des Synodalen Weges im Hearing zum "Forum priesterliche Existenz", dass sich die DBK in Fragen der Reform der Priesterausbildung bislang gar nicht mit dem Fakultätentag abgestimmt habe.

Wie reagieren die Fakultäten?

Kritik an der Konzentration der Standorte kommt auch vom Katholisch-Theologischen Fakultätentag. Dessen Sprecherin Johanna Rahner reagiert sehr verwundert auf die Strategie der DBK. Noch mehr Verwunderung zeigt die in Tübingen lehrende Dogmatikerin über die Tatsache, dass mit den Fakultäten über diese Pläne bislang nicht gesprochen worden sei. In Deutschland hängt die Existenz der elf Theologischen Fakultäten an der Priesterausbildung. In Konkordaten mit dem Heiligen Stuhl haben sich die Länder verpflichtet, die Fakultäten einzurichten und zu unterhalten. Fällt an einer Fakultät die Priesterausbildung fort, so ist deren Existenz mindestens in Gefahr. Dies trifft, werden die Pläne der Bischöfe umgesetzt, auf acht von elf Fakultäten zu. Den betroffenen Fakultäten droht die Reduzierung zu einem Institut, falls es für die Lehrerausbildung benötigt wird oder die Aufhebung. Es geht folglich um die Frage, wie die Zukunft der Theologie an deutschen Universitäten aussehen wird. "An den Fakultäten wird seit Juli 2020 intensiv über die Zukunft nachgedacht. Von Seiten der Bischöfe vermisse ich ein Gespräch mit den Fakultäten über deren Zukunft", so die Theologin gegenüber der "Tagespost".

In den Plänen der DBK sehen viele Kritiker zudem die Gefahr, dass der Kontakt der Alumnen zum Heimatbistum geschwächt wird oder abreißt. "Es kann nur ein Priester in einem Presbyterium heimisch werden, der auch Verbindung zu diesem Presbyterium hat", betont Gärtner. Beispiele von Bistümern, die ihre Priester schon länger an anderen Orten ausbilden, gibt es einige. Studenten aus Hildesheim studieren beispielsweise in Frankfurt St. Georgen. Dort findet die Anbindung durch regelmäßige Treffen mit dem Bischof und der Teilnahme an der Liturgie der Kar- und Ostertage in Hildesheim statt. Einige Ausbildungselemente wie Schul- und Gemeindepraktika werden auch bei außerhalb studierenden Kandidaten im Heimatbistum durchgeführt. Vieles davon findet mit Studierenden für andere pastorale Berufe statt. Das ist das Prinzip der offenen Ausbildung, der einen lebendigen Austausch mit allen anderen Berufen im pastoralen Dienst und Schuldienst gewährleisten soll. So soll die Offenheit der Ausbildung und die Beheimatung sichergestellt werden. "Ich habe nie verstanden, wie aus einer offenen Konzeption für die Priesterausbildung eine Konzentration folgen kann", kritisiert Johanna Rahner die beschlossene Reduzierung der Ausbildungsstandorte auch vor diesem Hintergrund.

Wie steht es um die Wissenschaft?

An den Fakultäten geht es jedoch nicht nur um Ausbildung. "Die Ausbildung des pädagogischen und pastoralen Personals", so Johanna Rahner, "ist nur eine Aufgabe der Fakultäten." An theologischen Fakultäten studieren angehende Lehrer, Pastoraltheologen und Priester. Es wird dort auch geforscht. "Forschung geht heute auch in der Theologie nur noch interdisziplinär", betont die Dogmatikerin. Kein Fachgebiet an einer Universität forscht alleine vor sich hin. Forschungscluster sind heute der Normalfall. Da ist auch das Knowhow der Theologen gefragt.

Die Bedeutung der interdisziplinären Forschung betont auch Bernhard Grümme, Dekan der Theologischen Fakultät der Ruhruni in Bochum. "Ich halte es für zwingend", sagt der Bochumer Professor für Religionspädagogik, "dass es weiter theologische Fakultäten an staatlichen Universitäten gibt, weil auch die Universitäten Theologie in der ganzen Breite ihrer Expertise brauchen." Bochum ist derzeit die einzige theologische Fakultät an einer staatlichen Uni, die keine Priester mehr ausbildet. In einer bis dato einzigartigen Zusammenarbeit zwischen dem Bistum Essen, der Universität, dem Land und dem Heiligem Stuhl konnte diese Fakultät bestehen bleiben. Viele sehen daher in Bochum einen Präzedenzfall, der jedoch kein Automatismus sein kann.

Die Theologie ist weiterhin gefragt

"Die theologischen Fakultäten werden an unserer Ruhruniversität Bochum durchaus angefragt, in große Cluster zu gehen, weil sie die Fülle theologischer Bereiche abbildet und damit in einem kritisch-produktiven Sinne anschlussfähig ist, was ein Institut so nicht kann", sagt Grümme und bestätigt, dass die Theologie in Bochum weiterhin gefragt ist. Theologische Institute an Universitäten bilden vor allem Lehrer aus. Die Zahl der Lehrstühle ist deutlich geringer und viel fachdidaktischer ausgerichtet. Nicht nur in der Forschung, auch in der Lehre sind in der Theologie in Bochum längst neue Bereiche erschlossen. "Die meisten Studenten des Magister Theologiae haben den kirchlichen Dienst im Blick", so Grümme, aber: "Viele gehen aber auch in andere Bereiche, zum Beispiel in den Journalismus. Wir haben jüngst noch einen Studiengang Glaubenskommunikation eingerichtet", erklärt Bernhard Grümme. Auch Austausch findet statt. Noch einmal Grümme: "Indem wir eingebunden sind in Netzwerke, kommt es durchaus dazu, dass Leute aus der Theologie ihren Horizont weiten und in andere Bereiche gehen." Die Zukunft der Fakultäten an staatlichen Universitäten hängt zwar weitestgehend an der Priesterausbildung, doch mit den Forschungsclustern und neuen Studiengängen erschließen sich die Theologen überall neue Handlungsfelder.

Trennen sich Kirche und Theologie?

Zuweilen scheint es, als würden sich Kirche und Theologische Fakultäten immer weiter voneinander entfernen. Dagegen betont die Sprecherin des Fakultätentages die Notwendigkeit der Anbindung der Theologie an die Kirche. In den Kommissionen der Deutschen Bischofskonferenz werde man als Theologe immer mit Wertschätzung überhäuft, da man die Expertise der Theologen brauche. Die Dogmatikerin gehört der Glaubenskommission an. Umso mehr zeigt man sich an den Fakultäten wegen fehlender Gesprächsbereitschaft der DBK über die Zukunft der Theologie verdrossen.

Denn trotz neuer Perspektiven: "Der gesellschaftliche Legitimationsdruck wird größer, von daher wird zu überlegen sein, ob man die Zahl von elf Fakultäten weiterhin so noch braucht. Man wird da wohl eher über Netzwerke oder Kooperationen geben", mahnt Dekan Grümme. Dass damit auch der wissenschaftliche Nachwuchs betroffen ist, ist mehr als nur ein Randthema, denn "eine Reduzierung der Fakultäten schränkt die Möglichkeiten der Qualifizierung ein, da dem klassischen akademische Mittelbau deutlich weniger bezahlte Stellen zur Verfügung stehen", stellt Johanna Rahner klar. Mit den Plänen der DBK zur Priesterausbildung werden die Karten für die Theologischen Fakultäten an staatlichen Universitäten in Deutschland neu gemischt. Das Ende ist offen.

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