Eichstätt

Weihnachtsevangelien: "Das ist kein Mythos"

Viele Menschen halten die Weihnachtsevangelien für fromme Legenden. Der Eichstätter Neutestamentler Lothar Wehr hingegen meint: Selbstverständlich wollen die Evangelisten von historischen Ereignissen berichten.

Die Anbetung der Hirten von Domenico Ghirlandaio
Die Anbetung der Hirten von Domenico Ghirlandaio: "Wenn Jesus wirklich von Anfang an Sohn Gottes war und damit einmalig eng mit Gott verbunden, dann muss er seinen Ursprung letztlich in Gott haben", meint Wehr. Foto: (www.alamy.com)

Herr Professor, die Mehrheit der Menschen teilt den Glauben an die Menschwerdung Gottes nicht, wie ihn die Evangelien festhalten. Kann man es ihnen angesichts der Engelschöre, der Jungfrauengeburt und des Sterns über Bethlehem verdenken? 

Der Kern derWeihnachtsbotschaft liegt sicher nicht in den Engelschören und dem Stern über Bethlehem. Dies sind begleitende Zeichen. Im Johannesevangelium lautet die Weihnachtsbotschaft einfach: "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut" (Joh 1,14). Der Sohn Gottes, der immer schon beim Vater war, ist Mensch geworden. Er hat uns Kunde gebracht vom unsichtbaren Gott. In ihm sehen wir die eigentlich unzugängliche Herrlichkeit Gottes. Auch die Kindheitsgeschichten bei Lukas und Matthäus wollen dies deutlich machen: Das neugeborene Kind ist der Offenbarer Gottes, der Messias, der Erlöser der Menschen, der uns zeigt, worauf es ankommt in diesem Leben, und der uns Hoffnung gibt über den Tod hinaus.

Viele von der historisch-kritischen Methode geprägte Prediger tun sich mit der historischen Dimension der Weihnachtstexte schwer. Sie weichen dann auf die Sinn-Ebene aus, etwa: Wir dürfen alles von Gott erwarten. Letztlich sind Lukas und Matthäus dann aber Geschichtenerzähler. Wollten sie aber nicht wahre, wirkliche Geschichte berichten?

"Wenn Jesus wirklich von Anfang an Sohn Gottes war
und damit einmalig eng mit Gott verbunden,
dann muss er seinen Ursprung letztlich in Gott haben"

Selbstverständlich wollen die Evangelisten von historischen Ereignissen berichten. Jesus - obwohl der Sohn Gottes - hat unser menschliches Schicksal bis zum Tod geteilt. Er ist in einer Familie aufgewachsen. Er hat Feindschaft und Nachstellungen erlebt. Die Evangelisten deuten diese historischen Fakten aber auch. Deshalb stecken die Erzählungen rund um die Geburt Jesu voller Symbolik und voller theologisch bedeutsamer Aussagen. Die Geburt aus Maria, der Jungfrau, lässt sich heute nicht mehr mit historischen Methoden verifizieren. Wie sollte das gehen, da wir keine unmittelbaren Zeugnisse - etwa aus der Familie Jesu -  haben? Dass Maria Jungfrau war, ist letztlich wie jedes Wunder im Wirken Jesu nur im Glauben zu erfassen. Wenn Jesus wirklich von Anfang an Sohn Gottes war und damit einmalig eng mit Gott verbunden, dann muss er seinen Ursprung letztlich in Gott haben. Matthäus und Lukas wollen das hervorheben. Jesus ist nicht nur ein Mensch wie jeder andere. Er ist auch nicht bloß ein Prophet. Er verdankt seine Existenz dem Wirken des Geistes Gottes in Maria. Deshalb ist seine Botschaft verlässlich und nur deshalb kann er   und nur er   uns aus Sünde und Tod erlösen.

Auch ägyptische Pharaonen werden als Göttersöhne betrachtet, weil ihre Mütter von der Gottheit geschwängert wurden. Sind die Weihnachtsevangelien bei Lukas und Matthäus letztlich nichts als in Geschichte gepackter Mythos?

Mythen sind Erzählungen, die weit entfernt sind von der konkreten Lebenswirklichkeit der Menschen. Mythen sind abgehoben von der Geschichte. Sie werden zwar erzählt wie konkrete Ereignisse, haben sich aber so nie auf der Erde abgespielt, sondern sind in der Welt der Götter verortet. In Ägypten spielen Schöpfungsmythen eine bedeutende Rolle und die Legitimierung der Pharaonen durch die Götter. Die Weihnachtsevangelien handeln dagegen von Ereignissen mitten unter den Menschen. Die Hirten kommen zum Kind in der Krippe. Die hl. Familie muss bald schon fliehen vor den Nachstellungen des Herodes. Das Kind ist von Anfang an in seiner Existenz bedroht, es erfährt die Ablehnung und die Anfeindungen der Menschen. Das ist kein Mythos. Hier lässt sich Gott auf das menschliche Leben ein, und zwar auf das konkrete Leben, zu dem auch Leiden und Tod gehören. Welchen Trost bieten dagegen Mythen von Göttern, die mit dem menschlichen Leben nichts zu tun haben, sondern in ihrer Welt bleiben und sich von den Menschen mit ihren konkreten Sorgen und Anliegen unberührt zeigen?

Wie unterscheidet sich die Gottessohnschaft Jesu von der der Göttersöhne der antiken Mythologie? Ist er deshalb Gottessohn, weil er aus der Verbindung eines göttlichen Vaters und einer menschlichen Mutter stammt - so wie der von Zeus mit Alkmene gezeugte Herkules?

Zunächst einmal unterscheidet sich Jesus dadurch, dass er der einzige Sohn des einzigen Gottes ist. Den Göttersöhnen der Antike entspricht nach unserem Glauben keine Wirklichkeit. Außerdem offenbart sich die Gottessohnschaft Jesu in der konkreten Geschichte. Jesus verkündet mit Vollmacht in Wort und Tat das Heil, das von Gott kommt, und er legt verbindlich den Willen des Vaters dar. Das neutestamentliche Verständnis der Gottessohnschaft Jesu gründet nicht in Mythen, sondern im Wirken Jesu von Nazareth.

Es gibt eine geheimnisvolle Stelle in den Hirtengedichten des vorchristlichen römischen Dichters Vergil. Von einer Jungfrau ist da mit Blick auf ein neues Zeitalter die Rede und einem aus himmlischen Höhen entsandten Knaben. Sind die neutestamentlichen Berichte damit bloße Nachbildung dieser offenbar im Imperium Romanum verbreiteten Hoffnung?

Die neutestamentlichen Berichte sind sicher keine bloße Nachbildung solcher heidnischen Erwartungen. Dafür sind die Unterschiede zu groß. Der vierten Ekloge in den Hirtengedichten des Vergil liegt eine völlig andere Weltsicht zugrunde, die Einteilung der Geschichte in ständig wiederkehrende Zeitalter, wobei sich nun ein goldenes Zeitalter wiederholt. Es geht um einen weltlichen Herrscher, einen römischen Konsul, und irdische Macht. Dagegen handeln die Kindheitsgeschichten von der göttlichen Macht des Kindes, die sich nicht in äußerer Stärke zeigt, sondern in Schwäche und Ohnmacht und am Ende in der machtvollen Überwindung des Todes durch die Auferstehung.

Das Alte Testament kennt mehrere wunderbare Geburten. Die lange unfruchtbare Sarah und Abraham etwa werden in hohem Alter zu Eltern des Isaak. Haben die Evangelisten die Kindheit Jesu alttestamentlichem Vorbild nachgebildet? Muss es sich also nicht unbedingt so zugetragen haben?

"Die Geburt Jesu übertrifft
die alttestamentlichen Vorbilder"

Natürlich prägen die alttestamentlichen Erzählungen die Kindheitsgeschichten. Wenn man die Erzählungen um die Geburt Johannes des Täufers bei Lukas liest, sieht man deutlich die Parallelen. Zacharias und Elisabeth werden Eltern, obwohl Elisabeth schon in hohem Alter ist. Aber die Geburt Jesu übertrifft doch die alttestamentlichen Vorbilder. Von der Geburt aus einer Jungfrau wird dort nicht erzählt und das gläubige Bekenntnis Marias mit den Worten "Siehe ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du gesagt hast", übertrifft die Reaktion Abrahams und Sarahs. Sie lachen, als ihnen die Geburt eines Sohnes angekündigt wird (Gen 17,17; 18,12). Lukas und Matthäus haben ältere Überlieferungen, auf die sie sich stützen und die nicht dem Alten Testament entstammen.

Bleiben wir noch im Alten Testament. Die Kontroverse um den Jesaja-Vers 7,14 füllt mittlerweile ganze Bibliotheken. Wer empfängt da: die junge Frau oder die Jungfrau? Ersteres wäre erfreulich, aber nicht wunderbar. Letzteres nur durch Gottes Eingreifen erkennbar und damit eine Prophetie der Geburt Jesu. Wie sehen Sie das?

Der ältere hebräische Text spricht an der Stelle von einer "jungen Frau", die einen Sohn gebären wird, der Immanuel ("Gott mit uns") genannt wird. Die Septuaginta, die in neutestamentlicher Zeit maßgebliche Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische, handelt an der Stelle von einer "Jungfrau". Den neutestamentlichen Autoren kam diese Übersetzung natürlich sehr entgegen (s. Mt 1,22f). Papst Benedikt hat auf seiner Deutschlandreise in seiner Rede in Regensburg die Septuaginta als "einen selbstständigen Textzeugen und einen eigenen wichtigen Schritt der Offenbarungsgeschichte" bezeichnet. Damit hat er den theologischen und geistlichen Wert der Septuaginta herausgestellt. Dies entspricht der Sicht der neutestamentlichen Autoren auf diese frühe Bibelübersetzung. Sie galt auch im griechischsprachigen Judentum schon als inspiriert.

Der Exeget Marius Reiser sprach davon, das Jesajawort sei wie ein merkwürdig geformtes Schlüsselloch, in das der Schlüssel Christus genau hineinpasst. Stimmen Sie ihm zu?

Marius Reiser spielt mit diesem Bild darauf an, dass das Jesaja-Wort für sich genommen schwer verständlich ist. Wer ist die Jungfrau, die den Immanuel zur Welt bringt? Erst von Christus her wird das Wort des Propheten verständlich. Insofern kann ich meinem Kollegen da nur zustimmen.

Schauen wir uns die Evangelien näher an. Warum berichten nur zwei der vier Evangelisten überhaupt von der Geburt und Kindheit Jesu? Weder Markus noch Johannes kennen diese Überlieferung.

Das stimmt, aber Markus und Johannes bieten die Quintessenz dieser Erzählungen. Johannes legt großen Wert darauf, dass Christus von Gott in diese Welt gesandt worden ist. Und auch für Markus ist Jesus der Sohn Gottes, der in einmaliger Weise mit Gott verbunden ist und der schon im Alten Testament verheißen ist. Insofern hat das Auftreten Jesu auch bei ihm eine längere Vorgeschichte. Manche Exegeten meinen sogar, dass Markus die Vorstellung einer Präexistenz Christi voraussetze - ähnlich wie der Johannesevangelist.

Woher kennen Lukas und Matthäus die Umstände der Geburt Jesu? Von Maria, der Mutter Jesu?

"Alle vier Evangelisten sehr traditionsbewusst
und auch sehr an historischen Fakten interessiert.
Sie haben sich keine Geschichten ausgedacht,
auch wenn nicht alles in ihren Evangelien
bis ins historische Leben Jesu zurückreicht"

Diese Frage können wir heute leider nicht mehr beantworten. Lukas und Matthäus haben ältere Quellen benutzt - schriftliche und mündliche. Das ist keine Frage. Aber woher die Quellen stammen und auf welchen Grundlagen diese Quellen wiederum fußten, ist nicht mehr zu sagen. Matthäus und Lukas schrieben wahrscheinlich in den 80er Jahren des 1. Jahrhunderts. Jedenfalls waren alle vier Evangelisten sehr traditionsbewusst und auch sehr an historischen Fakten interessiert. Sie haben sich keine Geschichten ausgedacht, auch wenn nicht alles in ihren Evangelien bis ins historische Leben Jesu zurückreicht.

Wie beispielsweise Bethlehem als Geburtsort? Manche Exegeten meinen, es handele sich um keine historische, sondern eine theologische Ortsangabe: Die Prophetie des Micha, dass aus dieser Stadt kommen werde, wer in Israel Herr sein werde, sollte als erfüllt vorgestellt werden. Sehen Sie das auch so?
Wenn man von der Einheit der Heilsgeschichte ausgeht und davon, dass Gott der Gott des alt- und des neutestamentlichen Gottesvolkes ist, dann spricht es ja nicht gegen Bethlehem als Geburtsort Jesu, wenn er schon beim Propheten Micha angekündigt ist (Mi 5,1). Immerhin nennen der Lukas- und der Matthäusevangelist übereinstimmend diesen Ort als Geburtsort Jesu.

Wo liegt nun das Problem?

Es fällt auf, dass im Neuen Testament von Bethlehem als Geburtsort Jesu nur in den Anfangskapiteln des Lukas- und des Matthäusevangeliums die Rede ist. Zudem wird Jesus in den Evangelien immer wieder "Jesus von Nazareth" genannt. Außerdem gibt es im Johannesevangelium eine Stelle, an der verschiedene Volksmeinungen über Jesus wiedergegeben werden. Darunter gibt es einen Standpunkt, der an der Messianität Jesu zweifelt mit dem Argument, dass der Messias aus Bethlehem in Juda stammen solle, während Jesus aber aus Galiläa komme (Joh 7,41f). Hier ist die galiläische Herkunft Jesu aus 
Nazareth ein Grund, an der Messianität Jesu zu zweifeln.

Und wie stehen Sie zu der Frage?

Die Stelle aus dem Johannesevangelium sollte man nicht zu stark gewichten. Hier lässt der Evangelist Menschen zu Wort kommen, die Jesus ablehnend gegenüberstehen. Der Evangelist hält die Frage nach der irdischen Herkunft Jesu für unbedeutend. Ihm ist wichtiger, dass Jesus von Gott kommt, dass er also vor seinem irdischen Auftreten eine Präexistenz bei Gott hatte. Dass Jesus in den Evangelien mit Nazareth in Verbindung gebracht wird, kann man gut damit erklären, dass er hier aufgewachsen ist. Außerdem hat er in Galiläa sein Wirken begonnen. Ein wichtiges Argument für Bethlehem ist, dass Lukas und Matthäus diesen Ort nennen, während sie hinsichtlich der übrigen Ereignisse im Zusammenhang mit der Geburt Jesu deutlich voneinander abweichen. Beide greifen bezüglich des Geburtsortes Jesu offenbar auf eine ältere Überlieferung zurück. Ein wichtiges Argument ist auch, dass die Micha-Stelle im Judentum der Zeit Jesu im Zusammenhang mit der Messiaserwartung keine bedeutende Rolle spielte.

Kommen wir zum Stern von Bethlehem. Er ist bis in die moderne Straßendekoration zur Weihnachtszeit hinein präsent. Aber hat es ihn als astronomisch beschreibbares Ereignis wirklich gegeben?

"Die Sterndeuter repräsentieren
die Heiden, die zu Christus finden"

Es hat um die Zeit der Geburt Jesu herum eine besondere Planetenkonstellation von Jupiter und Saturn gegeben. In den Jahren 7/6 v. Chr. standen sie gleich dreimal dicht beieinander. Dieses Ereignis ist vielleicht der historische beziehungsweise astronomische Anknüpfungspunkt der Erzählung von den Sterndeutern. Es ist aber zu berücksichtigen, dass der Stern in der Erzählung eine doppelte Funktion hat. Zum einen ist er ein neuer Stern, der die Sterndeuter auf die Geburt eines bedeutenden Königs schließen lässt. Zum anderen ist er Wegweiser, der vor den Sterndeutern hergeht und sie zum Ort des Kindes führt; dort bleibt er stehen. Dies zeigt schon, dass dem Evangelisten nicht an der Beschreibung eines astronomischen Phänomens gelegen ist, sondern an etwas anderem. Die Sterndeuter repräsentieren die Heiden, die zu Christus finden. Während Herodes und die Juden das neugeborene Kind als Gefahr ansehen, ablehnen und sogar zu töten suchen, erkennen die Heiden auf dem Weg ihrer heidnischen Sterndeutung (Astrologie) von Gott geleitet den König der Welt. Sie repräsentieren schon bei der Geburt Jesu die Heiden, zu denen die Jünger am Ende des Evangeliums vom auferstandenen Christus gesandt werden: "Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern!" (Mt 28,19).

Im fünften Jahrhundert hat die Kirche die Frage des Verhältnisses der menschlichen und göttlichen Natur Christi geklärt: Jesus ist demnach wahrer Gott und wahrer Mensch in der Einheit der göttlichen Person des ewigen Sohnes des Vaters. Keiner der Begriffe steht im Neuen Testament. Ruht das Credo der Kirche vom menschgewordenen Gott auf sicherem biblischem Grund?

Es ist richtig, dass Sie von einem biblischen Grund sprechen. Das volle Bekenntnis zu Christus als wahrem Menschen und wahrem Gott findet sich explizit noch nicht im Neuen Testament. Aber die Grundlage dazu ist gelegt. Schon Paulus spricht im Hymnus des Philipperbriefes vom Sohn Gottes, der beim Vater war, sich erniedrigte und als Mensch lebte bis zum Tod am Kreuz. Und in allen Evangelien ist Jesus vom Geist bestimmt und wird er als Herr und Gott dargestellt. Im Johannesevangelium sagt Christus ausdrücklich: "Ich und der Vater sind eins" (Joh 10,30). Insofern beruht das Bekenntnis der späteren christologischen Konzilien auf einem festen biblischen Fundament, auch wenn dies gelegentlich - sogar von Theologen - bezweifelt wird.

 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Hier kostenlos erhalten!