Würzburg

Weihnachten unter Corona ist anders

Digitaler, ökumenischer, unter freiem Himmel. Weihnachten 2020 wird coronabedingt anders sein. Den Glauben an die Menschwerdung Gottes teilt dabei nur eine Minderheit der Deutschen. Die Kirche sollte sich dennoch ins Zeug legen.

Weihnachten und Corona
Weihnachten 2020 wird coronabedingt anders sein. Digitaler, ökumenischer, unter freiem Himmel werden wir Weihnachten feiern. Foto: dpa
  • Weihnachten 2020 wird für die Kirchen eine Herausforderung
  • Weihnachten 2020 wird digital
  • Weihnachten 2020 wird gekennzeichnet sein durch Begrenzungen, Freiluft, Ökumene und vielleicht ikonische Bilder 

Weihnachten 2020 ist für die Kirchen ein Problem. Nicht nur der Einzelhandel sondern auch die Kirchen machen salopp gesagt rund um Weihnachten ihren Hauptumsatz. Nie erreichen sie mehr Menschen mit ihrer Botschaft. Etwa acht Millionen Menschen besuchten EKD-Angaben zufolge vor Corona zuletzt einen evangelischen Weihnachtsgottesdienst allein am Heiligen Abend. Am für die Protestanten theologisch zentralen Karfreitag waren es demgegenüber nur 839000 Besucher.

Die Deutsche Bischofskonferenz erfasst die Zahlen für die Weihnachtsfeiertage nicht, sondern misst nur an zwei "gewöhnlichen" Zählsonntagen. Aber auch bei den Katholiken sind die Kirchen nie voller als an Weihnachten. Zwar wird es jetzt, anders als zu Ostern, öffentliche Feiern geben können, aber dennoch beschränkte. Weihnachten in der Pandemie ist anders.

Kleiner und kürzer

Das katholische Hauptstadt-Bistum Berlin etwa geht pragmatisch damit um. Auf Anfrage erklärt man, dass es Erzbischof Heiner Koch zufolge eher viele kleine und kurze Gottesdienste als große und tendenziell volle Gottesdienste zu Weihnachten geben solle. Dem entspricht auch der Beschluss der "Gemeinsamen Konferenz" der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten vergangene Woche: Hatte es doch noch im ersten Entwurf der Corona-Schutzverordnung geheißen, dass religiöse Zusammenkünfte mit Großveranstaltungscharakter vermieden werden "sollen". Jetzt ist von "müssen" die Rede. Damit sind Gottesdienste in Stadien, wie im Erzbistum Paderborn (Dortmund) angekündigt, folgerichtig abgesagt.

Dennoch haben die katholischen Bistümer in Nordrhein-Westfalen die Höchstzahl an Gottesdienstteilnehmern großzügig bemessen und auf 250 Menschen in einer Kirche und 500 Menschen unter freiem Himmel festgelegt, wie der Leiter des Katholischen Büros NRW, Antonius Hamers, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) mitteilte. Somit wird der Kreativität der Pfarreien eine großzügige Grenze gesetzt, die Freiluftgottesdienste, die bereits etwa auf Plätzen oder Freilichtbühnen geplant sind, nicht gefährdet.

Weihnachten digital

Stichwort Kreativität: Tatsächlich wird Weihnachten dieses Jahr digitaler denn je sein. Das Geschehen selbst kann nicht virtuell sein. Gott wird Mensch, nicht Bits und Bytes. Daher dient das Internet als Medium und als Helfer. Die von Bischofskonferenz und EKD initiierte Seite "Gott bei Euch"  bietet in ziemlich nüchternem Design Material zum Download. Weihnachtlicher geht es da bei der ökumenischen Initiative "Weihnachten findet Stadt" aus Villingen- Schwenningen zu. Die Seite verströmt Herzlichkeit und Wärme. Kerngedanke ist es, Weihnachten in Form unterschiedlicher kleiner Gottesdienste zur gleichen Zeit über die ganze Stadt verteilt zu organisieren. Kurze Wege, wenige Menschen. Mit Glockengeläut und dem Lied "Oh du Fröhliche" beginnt Weihnachten über die ganze Stadt verteilt. Digital organisiert real ausgeführt. Viele Bistümer und Landeskirchen bieten digitale Initiativen an. Neue Arten von Feiern werden auf digitalem Weg neu erfunden und organisiert. Man denkt nach, wie auf Abstand gehen kann, was doch eigentlich Nähe erfordert. Das Krippenspiel ist ein Beispiel. Es gibt interaktive Ideenbörsen und auch Fördergelder für Weihnachten in Corona-Zeiten. Webseiten verteilen, organisieren und führen zusammen. Auch das Weihnachtsfest findet in diesem Jahr seinen Digitalisierungsschub. 

Freiluftweihnachten

Online-Initiativen, Freiluftgottesdienste: Wird Weihnachten unter Pandemiebedingungen gar zur pastoralen Chance? Der in Freiburg im Breisgau lehrende Dogmatiker und Liturgiewissenschaftler Helmut Hoping gibt sich realistisch. Die Chance eines Weihnachtsfestes unter Pandemiebedingungen, die manche Kirchenverantwortliche zweckoptimistisch sehen, kann er nicht erkennen. "Es wird ein noch stilleres und teilweise, wenn ich etwa an Alleinstehende und ältere Menschen in Seniorenheimen denke, noch traurigeres Fest werden. Es wird nicht nur der Gang über den "Weihnachtsmarkt" fehlen. Ein Desaster wird Weihnachten unter Coronabedingungen für die Kirche nicht, eine große Chance aber ebenso wenig, auch wenn mit großem Engagement alles versucht wird, das Beste daraus zu machen." 

"Eine Mette könnte daher
in diesem Jahr an Weihnachten
auch ökumenisch als Wort-Gottes-Feier
gefeiert werden."

Ökumenische Weihnachten

Die aktuelle Tendenz, etwa Metten in der Heiligen Nacht ökumenisch zu begehen, sieht der konservative Theologe dabei als unproblematisch an. "Die Mette als nächtlicher oder frühmorgendlicher Gottesdienst ist in Verwandtschaft mit der Matutin, dem Nachoffizium des Stundengebets zwischen Mitternacht und frühem Morgen, zu sehen. Eine Mette muss nicht die Form der Messe habe. Eine Mette könnte daher in diesem Jahr an Weihnachten auch ökumenisch als Wort-Gottes-Feier gefeiert werden, in der Kirche oder außerhalb, um so mehr Menschen die Gelegenheit zu geben, daran unter Coronaschutzbestimmungen teilzunehmen." Befürchtungen, dadurch werde das katholische Proprium nicht ausreichend berücksichtigt, sieht er nicht.

"Dadurch wird nichts aufgeweicht, zumal die Messe in der Nacht von Weihnachten es schon seit Jahren schwer hat gegenüber dem Gottesdienst am Nachmittag und frühen Abend des 24. Dezember, ebenso die Messe am Tag von Weihnachten." Für Hoping kommt es vor allem darauf an, dass an Weihnachten öffentliche Gottesdienste stattfinden, egal ob drinnen   oder eben draußen. 

"Die Menschen verbinden schöne
Erinnerungen an die Weihnachtsgottesdienste."

Ein verankertes Fest in Familien

Können die Menschen nicht in die Kirche, kommt die Kirche zu den Menschen: Ein schöner Gedanke. Doch wie präsent ist die Botschaft von der Menschwerdung Gottes, die die Kirchen an Weihnachten feiern, überhaupt? Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster ist sich sicher: An die Menschwerdung Gottes glaubt nur noch eine Minderheit der Deutschen. "Die meisten stehen dem Glauben, dass Gott Mensch geworden sei, skeptisch gegenüber", so der evangelische Theologe. Weihnachten sei vor allem ein Familienfest. Das bewahrt die Kirchen aber auch vor einem Fernbleiben der sogenannten Weihnachtschristen, also jener, die nur einmal im Jahr einen Gottesdienst besuchen. "Weil das Fest in den Familien fest verankert ist, wird die Teilnahme an den Weihnachtsgottesdiensten, selbst wenn sie in diesem Jahr eingeschränkt ist, in den nächsten Jahren, wenn sie wieder möglich sein wird, nicht zurückgehen", ist er überzeugt. "Die Menschen verbinden schöne Erinnerungen an die Weihnachtsgottesdienste und werden sie auch in Zukunft nicht missen wollen."

Pollack macht dabei auf ein bemerkenswertes Phänomen aufmerksam: Während der normale Gottesdienstbesuch seit Jahrzehnten rückläufig ist, hat die Beteiligung an den Christmetten und Weihnachtsgottesdiensten in den letzten vier Jahrzehnten zugenommen. "In Westdeutschland waren in den letzten Jahren etwa ein Drittel der Kirchenmitglieder zu Weihnachten in den Kirchen zu finden gewesen, im entkirchlichten Osten gingen in den letzten Jahren auch viele Nichtchristen zu Weihnachten in die Kirche. Das wird sich nach Corona wohl kaum ändern." 

Auch Distanzierten ist es wichtig

Doch wie wichtig sind Advent und Weihnachten aus soziologischer Sicht für die Verankerung der Kirchen und des Christlichen im allgemeinen Bewusstsein? Pollack: "Für die Mehrheit der Westdeutschen, aber auch für etwa die Hälfte der Ostdeutschen stellt das Christentum das selbstverständliche Fundament unserer Kultur dar. Das drückt sich darin aus, dass man Werte wie Solidarität, Gerechtigkeit, Frieden oft mit dem Christentum assoziiert." Aber auch die christliche Konnotation des Weihnachtsfestes ist für viele selbstverständlich, meint Pollack. Auch den distanzierten Kirchenmitgliedern sei das Weihnachtsfest wichtig. Doch die Kirchen sollten sich nicht zu früh freuen. Denn: "Daraus folgt allerdings nicht, dass das Weihnachtsfest zu einer Stärkung des christlichen Glaubens führt. Es handelt sich wohl mehr um eine Art unreflektierte Bestätigung selbstverständlicher Hintergrundgewissheiten. Wo der christliche Glaube bei vielen seine inhaltliche Bestimmtheit verliert, sind solche gelebten Praktiken der Bestätigung durchaus nicht irrelevant." 

Keine Weihnachtsinfektion

Dass sich die säkularisierte Gesellschaft von der Menschwerdung Gottes wieder neu infizieren lässt, bezweifelt auch Michael Schaffrath, Kommunikationswissenschaftler an der TU München. Die Weihnachtsbotschaft könne man digital oder auch in Freiluftgottesdiensten vermitteln. "Aber wie wir schon von Deutschlands bekanntestem Soziologen Niklas Luhmann gelernt haben, ist für das Gelingen von Kommunikationsprozessen nicht der Sender, sondern der Empfänger entscheidend." 

Ikonische Bilder

Grundsätzlich positiv bewertet er die Kreativität, mit der christliche Kirchen und Gemeinschaften den Gläubigen digitale Angebote machen. Er selbst sei "froh und dankbar" gewesen, dass in den Zeiten, als die Kirchen komplett schließen mussten, viele Pfarreien Liturgien live übertragen hätten. Die Macht der Bilder habe sich während des Lockdowns gezeigt: "Das Bild des Jahres war für mich, als an Karfreitag Kardinal Woelki alleine in den Kölner Dom einzog", so Schaffrath.   Ob Weihnachten 2020 ähnlich ikonische Bilder hervorbringt?


Zwei Interviews sind diesem Artikel eingefügt:
"Weihnachten unter Corona wird kein Desaster" mit Helmut Hoping
und 
"Die Profanierung der Kirchen wird weitergehen" mit Michael Schaffrath.

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