Berlin

Wahrheit, Lüge oder Scheinerinnerung?

Bei ihren Bemühungen, Fehler der Vergangenheit in Sachen Missbrauch aufzuklären, sollte die katholische Kirche die lebenszerstörenden Folgen falscher Verdächtigungen nicht aus den Augen verlieren. Die Aussagepsychologie ist hier unverzichtbar.

Scheinerinnerungen bei Missbrauch
Ein Priester will sich erinnern, als Zweijähriger missbraucht worden zu sein. Zweifel sind angebracht. Foto: Harald Oppitz (KNA)

Ein katholischer Priester im Alter von 33 Jahren erlebt eine Zuspitzung von beruflichen, somatischen und psychischen Problemen. Er begibt sich deswegen in Psychotherapie. Dort wird ein sexueller Missbrauch in seiner frühen Kindheit entdeckt. Da in der Vorstellung des Geistlichen Bilder mit Personen in entsprechender Kleidung auftauchen, werden Priester als Täter vermutet. Zunächst werden sie vom Priester nicht erkannt, im weiteren Verlauf der Erinnerungsbemühungen dann doch. Der Priester will von seiner Kirche Anerkennung und Entschädigung.

Personen, die in so einem Fall über die "Anerkennung des Leids" und damit verbundene "Anerkennungszahlungen" entscheiden müssen, sind mit der Frage konfrontiert, ob vergessene beziehungsweise verdrängte Erinnerungen in Psychotherapie zuverlässig wiedererinnert werden können oder ob es sich um fiktive Vorstellungen handeln kann, die wie Erinnerungen wirken, also um Scheinerinnerungen. In der Gedächtnispsychologie wird diese Thematik seit Jahrzehnten international beforscht (repressed, recovered oder false memories).

Der Feind besteht in der unbewussten Falschaussage

Natürlich ist bei Aussagen über sexuelle Opfererfahrungen auch zu prüfen, ob eine bewusste Falschaussage vorliegt. Warum sollte im kirchlichen Kontext nicht gelogen werden, um finanzielle Vorteile zu erlangen? Der Feind der Wahrheit besteht in vielen Fällen aber nicht in der Lüge, sondern in der unbewussten Falschaussage. Das gilt besonders für "Altfälle", also wenn eine Beschuldigung erst nach Jahren oder Jahrzehnten vorgebracht wird. Wer einen anderen aufgrund einer Scheinerinnerung beschuldigt, lügt nicht. Er ist subjektiv davon überzeugt, das schlimme Ereignis erlebt zu haben. Subjektiv als wahr erlebte Falschaussagen sind schwerer zu erkennen als Lügen.

Folgendes mag überraschen: Bei der Beurteilung von Beschuldigungen geht es vordergründig gar nicht um das Erkennen von Falschaussagen, sondern um das Erkennen von Wahrheit. Denn durch die zivilisatorische Errungenschaft der Unschuldsvermutung tragen Beschuldigende die Beweislast. Manche empfinden das als Zumutung. Aber nur dann, wenn sie nicht selbst von der Beschuldigung betroffen sind. Ist das der Fall, so sind Unschuldsvermutung und Beweislast selbstverständlich.

In der Aussagepsychologie wurden inhaltliche Merkmale von Aussagen über infrage stehende Opfererfahrungen beschrieben, die einen Erlebnishintergrund indizieren. Sie werden als Glaubhaftigkeitskriterien oder als Realkennzeichen bezeichnet. Findet man sie in Beschuldigungen, so tragen aussagepsychologische Begutachtungen dazu bei, dass tatsächlichen Opfern geglaubt wird. Die aussagepsychologische Analyse ist eine Methode zur Überwindung der Unschuldsvermutung, wenn Aussage gegen Aussage steht und Sachbeweise fehlen. Ich spreche von einer Substantiierungsmethodik.

Merkmale, die deutlich gegen deren Erlebnisgehalt sprechen

In der aussagepsychologischen Wissenschaft wurden auch Merkmale beschrieben, die eine Beurteilung von Aussagen erlauben, die nach einer (langen) Zeit des Nicht-Erinnerns gemacht werden. Hierbei handelt es sich um Inhalte, die Zweifel am Erlebnisgehalt des Erinnerten begründen. Bei ihrem Vorhandensein ist eine Widerlegung der Unschuldsvermutung nicht mehr möglich, da Realkennzeichen dann entwertet sind. Zuweilen finden sich in Aussagen auch solche Merkmale, die deutlich gegen deren Erlebnisgehalt sprechen und positiv auf das Vorliegen einer Scheinerinnerung verweisen.

Kehren wir zur Verdeutlichung zum einleitend skizzierten Fall zurück. Er wurde in der Wochenendausgabe des Kölner Stadt-Anzeigers vom 07./08. November 2020 und in anderen Medien öffentlich gemacht. Dabei wurde auch erwähnt, dass ich die Beschuldigungen des Priesters im Jahre 2005 begutachtet habe. Mein Ergebnis lautete, dass eine positive aussagepsychologische "Beweisführung" nicht möglich war, da die Aussagen mehrere Merkmale enthielten, die auf das Vorliegen einer Scheinerinnerung hinwiesen. Was waren das für Merkmale?

Den Beginn von sexuellen Übergriffen terminierte der Mann auf sein Alter von zwei Jahren. Stutzen da nicht auch aussagepsychologische Laien? Was wir aus diesem Lebensalter über uns wissen, ist sogenanntes Familienwissen. Es wurde uns bei Weihnachts- und Geburtstagfeiern oder anderen Gelegenheiten erzählt. Gedächtnispsychologisch wird von infantiler Amnesie gesprochen. Erinnerungen an Ereignisse in unserer frühen Lebenszeit können auch in Psychotherapie nicht wiedererlangt werden, da sie mangels ausreichender Entwicklung des Gehirns gar nicht abgespeichert wurden.

Scheinerinnerungen können schneeballartig wachsen

Macht es nicht auch aussagepsychologische Laien stutzig, wenn sie erfahren, dass das Erinnern des Priesters im Zustand von Trance in Hypnotherapie begann? Hypnotherapie kann zum Beispiel bei Angst- oder Schmerztherapie sowie bei Nikotin- und anderen Suchtentwöhnungen helfen. Wahrscheinlich wirkt Hypnose aufgrund eines suggestiven Potenzials. Auf der Homepage der Milton-Erickson-Gesellschaft wird beschrieben, dass imaginierte Bilder in Trance zur Realität werden können. Auch wenn Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis unter Hypnose eventuell leichter zugänglich sind, hilft das nicht weiter. Wenn keine Erinnerung besteht, macht Hypnose besonders empfänglich für Suggestionen.

Macht es nicht besonders stutzig, wenn man erfährt, dass ergänzende Vorstellungen des Geistlichen über seinen sexuellen Missbrauch in Träumen auftauchten? Natürlich kann Erlebtes in Träumen verarbeitet werden, aber vieles Geträumte ist fiktiv. In Träumen des Priesters wurden im Verlauf seiner therapiegestützten Erinnerungsarbeit nicht nur zwei Priester missbrauchend tätig, sondern zusätzlich mehrere Männer, denen ein Kindermädchen den Priester und weitere Kinder zuführte. Tatsächliche Erinnerungen sind durch Merkmale des zugrunde liegenden Ereignisses begrenzt, Scheinerinnerungen können schneeballartig wachsen.

Der Geistliche hatte Psychotherapie aufgesucht, um Lebensprobleme (unter anderem "Burn-out") zu bearbeiten. Auf die Spur des (vermeintlichen?) sexuellen Missbrauchs kam er erst bei Behandelnden, die das Erkennen verschütteter Missbrauchserfahrungen als ihre Spezialität beschrieben.

Erwartungen und Einfluss von Autoritäten, gedächtnispsychologisch unrealistische Angaben und schneeballartige Weiterentwicklungen von Inhalten, die in Tag- und Nachtträumen entstehen, sind einige der Merkmale, die in der aussagepsychologischen Wissenschaft als typisch für Scheinerinnerungen beschrieben werden.

Die biografische Legende externalisiert Verantwortung

Autobiografische Scheinerinnerungen beinhalten die Paradoxie, trotz belastender Inhalte eine Entlastungsfunktion für Betroffene zu haben. Die biografische Legende externalisiert Verantwortung, denn es wurde eine Erklärung für bisher unerklärlich gebliebene psychische Probleme gefunden. Damit haben Scheinerinnerungen eine sich selbst bestätigende Tendenz. Werden die neuen Erinnerungen unkritisch und eindeutig von Autoritäten akzeptiert, so verfestigen sie sich.

Die Leser des KStA erfahren zwar, dass der Vikar einen Missbrauch durch zwei Priester in Psychotherapie erinnert hat, die Fakten, die Zweifel aufwerfen, werden aber nicht erwähnt. Der KStA-Chefkorrespondent kennt sie wohl schon aus meinem Gutachten, außerdem habe ich sie ihm vor seinem Artikel auf seine E-Mail-Anfrage hin mitgeteilt.

Nun hören wir seit circa zwei Jahrzehnten aus der Psychotraumatlogie, dass Traumata - also lebensbedrohliche Ereignisse - fragmentarisch abgespeichert, also nur in Bruchstücken erinnert würden. In Psychotherapie müssten diese Fragmente zusammengesetzt werden, um ein Bild über das Trauma aus der Vergangenheit zu erlangen. Nur so könne es heilend bearbeitet werden. Die empirische Gedächtnispsychologie hält dagegen: Negative Ereignisse werden besonders gut erinnert. Missbrauch wird häufig verschwiegen, aber Missbrauch vergisst man nicht. Mit anderen Worten beschreibt das auch die Psychotraumatologie und widerspricht sich damit selbst: Erinnerungen an Traumata wird man nicht los, Traumata quälen uns mit ungewollten Erinnerungen, mit Flashbacks und Intrusionen.

Psychosomatischen Störungen können unterschiedliche Ursachen haben

Die wissenschaftlich umstrittene Botschaft aus der Psychotraumatologie wird im KStA-Artikel so dargestellt, als ob sie beweisend sei. Es wird auch vermittelt, dass psychosomatische Symptome einen sexuellen Kindesmissbrauch belegen würden. Natürlich können traumatisierende Lebensereignisse psychosomatische Störungen verursachen. Kennt man die Traumata, so ist die Schlussfolgerung plausibel, sie seien Ursachen der Störungssymptome. Umgekehrt funktioniert es aber nicht, denn alle psychosomatischen Störungen können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Vor der Entdeckung des sexuellen Missbrauchs sah ein Supervisor des Priesters die Ursache für dessen Burn-out in hoher Leistungsorientierung in seinem Elternhaus.

In meinem Gutachten aus 2005 schrieb ich, dass ein Wahrheitsgehalt der Beschuldigungen des Priesters nur mit Beweisen außerhalb seiner Aussagen - etwa Beobachtungszeugen oder Sachbeweise - erfolgen könne. Diese sind nach 2005 nicht erbracht worden. Jedenfalls erwähnt der Artikel des KStA von 2020 keine. Ein sexueller Missbrauch durch zwei verstorbene Priester wird dort nach mehr als 50 Jahren apodiktisch als Tatsache dargestellt (warum dann nicht gleich durch mehrere Männer?). Das "herzlose System" katholische Kirche habe das 2005 nicht erkannt. 

Am 14. November 2020 berichtet der Chefkorrespondent in einem weiteren Artikel über Proclamanda: Die Klarnamen der beschuldigten Geistlichen wurden in ihren ursprünglichen Einsatzorten von der Kanzel als Täter in Verdachtsfällen genannt. Es wurde nach weiteren Opfern von ihnen gefahndet. Wenn in "Aktenzeichen XY-ungelöst" ein Fahndungsaufruf erfolgt, hat die Polizei eine gesicherte Tat, nur keinen Täter. Die katholische Kirche handhabt es umgekehrt. Offenbar reichen ungesicherte Beschuldigungen, um verstorbene ehemalige Bedienstete an den Pranger zu stellen. In mir steigt ein beängstigendes Gefühl auf, wenn Aufdeckungseifer zur Menschenjagd mutiert. In den betroffenen Gemeinden regt sich Protest. Im KStA wird lediglich kommentiert, dass das Vorgehen legal sei.

Bei ihren Bemühungen, Fehler der Vergangenheit aufzuklären, sollte die katholische Kirche die lebenszerstörenden Folgen falscher Verdächtigungen nicht aus den Augen verlieren. Auch Tote haben ein Recht auf die Unschuldsvermutung und einen Anspruch auf Beweise, bevor sie als Täter denunziert werden.

Die Aussagepsychologie, eine Wissenschaft mit mehr als hundertjähriger Geschichte, hat rationale Methoden entwickelt, um Opfern von sexualisierter Gewalt zu ihrem Recht zu verhelfen. Das ist weiterhin ihre Hauptaufgabe. Aussagepsychologische Begutachtung trägt aber auch dazu bei, Falschaussagen zu identifizieren. Aussagepsychologie gewährleistet in doppeltem Sinne Opferschutz.

Der Autor war bis 2009 Professor für Forensische Psychologie an der FU Berlin. Seine Expertise lag unter anderem Grundsatzentscheidungen des Bundesgerichtshofs zugrunde.

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