Jahr des heiligen Josef

Vorbild des Messias

Jesus hat in seinem Nährvater ein männliches Beispiel vor Augen gehabt wie jeder andere Sohn. Durch seine gerechte und barmherzige Art wurde Josef zum zeitlosen Vorbild für alle christlichen Familienväter.

Geburtsszene Christi auf einem Gobelin
Dargestellung der Geburt Christi auf einem Bildteppich von 1501 im Augustinermuseum in Freiburg. Der Nährvater Jesu steht am Herd und kocht eine Suppe - er war sich für keine Arbeit zu schade und verkörpert somit das Ideal des Familienvaters. Foto: H.-P. Vieser (KNA)

Am 8. Dezember 1870 hat Pius IX. den heiligen Josef zum Schutzpatron der ganzen Kirche ernannt. Einhundertfünfzig Jahre später ruft Papst Franziskus ein Jahr des heiligen Josef aus, das er in einem Dokument mit dem Titel „Patris Corde“ vorstellt. Er wählt diese beiden Worte, um uns zu sagen: Nehmt euch die Zeit, den heiligen Josef zu betrachten. Er hat Jesus mit dem Herzen eines Vaters geliebt und in seiner Person hat Gott uns ein wunderbares Geschenk gemacht!

Josef, der Gerechte

Lenken wir unseren Blick also auf jenen Mann, denn Jesus hat viel gelernt, indem er ihm zugeschaut und jeden Tag mit ihm gesprochen hat. Im Evangelium wird Josef als Mann beschrieben, „der gerecht war“ (Matthäus 1, 19). Diejenigen, die die jüdische Welt kennen, wissen, dass mit diesem Wort alles gesagt ist. Der „Gerechte“, „tsaddiq“ auf hebräisch, ist derjenige, in dem sich die gesamte Botschaft der Bibel zusammengefasst findet, ein aufrechter und treuer Mann, der auf Gott hört, die Psalmen kennt und zu beten weiß. Kurz: Josef wird wie ein Heiliger dargestellt, ein Aushängeschild des Alten Testaments an der Schwelle zum Neuen Testament, von Gott ausgewählt auf diesem Höhepunkt in der Geschichte des erwählten Volkes, um der Diener, der Erzieher des Messias zu sein.

Josef ist ein Name, auf den man in der Bibel häufig stößt, ein gutes Dutzend Mal. Allein in der Genealogie Jesu findet man zwei seiner Vorfahren, die ihn tragen (Lukas 3, 24; 3, 30). Der berühmteste Josef ist der Sohn Rachels, einer der zwölf Söhne Jakobs (vgl. Genesis 32, 29). Als Bevorzugter seines Vaters wird Josef von seinen Brüdern beneidet und schlecht behandelt. Seine Geschichte, die uns nach Ägypten führt, wird ausführlich in den Kapiteln 37–50 des Buches Genesis erzählt. Der Name Josef entstammt einer hebräischen Wurzel, die bedeutet: hinzufügen, vergrößern, wachsen lassen. Bei seiner Geburt sagt Rachel: „Gott hat die Schande von mir genommen“ (Genesis 30, 23). Sie nennt ihren Sohn Josef und ruft dabei aus: „Der Herr gebe mir noch einen anderen Sohn hinzu“ (Genesis 30, 24).

Josef, der Unauffällige

So ist die Berufung des heiligen Josef schon in seinem Namen enthalten. Er wird Jesus helfen, heranzuwachsen, ihn in seiner Kindheit und Jugend begleiten, um ihm seinen Platz inmitten der Menschen zu geben, in jenem gesegneten und auserwählten Volk, um den Erlöser, das Licht der Welt, aufzunehmen und allen Menschen vorzustellen. Josef ist ein einfacher Handwerker, was manchmal geringschätzige Bemerkungen hervorruft, wenn die Leute über Jesus reden: „Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns?“ (Matthäus 13, 55). Wie ist es möglich, dass er Wunder wirkt, dass er so weise, mit solcher Autorität redet? Denjenigen, die auf diese Weise reagieren, würden wir gerne sagen: Ja, das ist der Sohn des Zimmermanns, und ihr würdet gut daran tun, ihn euch genauer anzusehen, diesen Josef, diesen „unauffälligen Mann“, um einen Ausdruck von Papst Franziskus zu verwenden.

Die Leute sagen gerne, dass der heilige Josef Jesus sein Handwerk beigebracht hat. Man stellt sich die beiden in einer Werkstatt vor: ein aufmerksamer Vater, ein junger Mann, der Fragen stellt, um etwas zu verstehen und Fortschritte zu machen… Doch warum heißt es fast immer über Josef, er sei sehr schweigsam gewesen? So lauten die Titel mehrerer Bücher: „Le silence de Joseph“ (Das Schweigen Josefs) oder „L'homme qui s'est tu“ (Der Mann, der geschwiegen hat). Gewiss, es ist eindrucksvoll, dass das Evangelium kein Wort von ihm überliefert, während wir mehrere Sätze der Jungfrau Maria kennen – besonders das wundervolle „Magnifikat“ –, doch ich sehe nicht, wieso Josef nicht mit seinem Sohn gesprochen haben sollte, so wie alle Väter es tun!

Josef, der Feinfühlige

Dass er ein sehr feinfühliger Mann gewesen ist, der voller Zuwendung für Jesus sorgte, den Jungen, der aufwuchs, seine Fragen stellte, sich im Kreise der Seinen artikulierte – das wird jeder einräumen! Ich meinerseits bin überzeugt, dass Josef jeden Tag mit seinem Sohn gesprochen hat, und zwar über alles und jedes. Zuhause hat Jesus beten gelernt, zunächst mit dem Blick auf seine Eltern und gemeinsam mit ihnen. Am Sabbat ging er mit Josef in die Synagoge. Jeder jüdische Vater erklärt seinem Sohn, was dort geschieht, wie man gemeinsam betet. Und wenn man im Evangelium liest, dass Jesus sich zurückzieht oder „in aller Frühe, als es noch dunkel war“ (Markus 1, 35), herausgeht, um zu beten, sagt man sich, dass er vielleicht dem Beispiel Josefs folgte.

Dieser Vater tauschte sich mit den anderen Handwerkern und Händlern von Nazaret aus, er sprach mit den Männern und Frauen seines Viertels, und Jesus war Zeuge dieser Begegnungen. Josef sprach über Geld, über seine Arbeit, er kommentierte sicher das politische und gesellschaftliche Zeitgeschehen, die Besetzung durch die Römer. Er beurteilte Situationen, Worte, Menschen, freudige, schmerzliche oder skandalöse Ereignisse. Und Jesus hörte und beobachtete von seiner jüngsten Kindheit an aufmerksam diesen „Gerechten“ im täglichen Leben, zuhause, bei Familienzusammenkünften und in seinen verschiedenen Beziehungen. Je älter Jesus wurde, desto häufiger mischte er sich in die Gespräche ein, stellte Fragen, tat seine Meinung kund. Man kann sich vorstellen, wie sehr Maria und Josef darauf achten mussten!

Josef, der Großherzige

Und als Jesus mit seinen Eltern nach Jerusalem hinaufzog, erklärte Josef ihm den Sinn dieser Pilgerreise, die Geschichte der Patriarchen und der Propheten. Er ließ ihn die Schönheiten der heiligen Stadt entdecken, erzählte ihm die Wunder, die Gott für sein Volk gewirkt hat, sprach über die großen jüdischen Feste. Und Jesus hat gerne zugehört, wobei er nach und nach verstand, was es heißt, „ein Sohn Israels“ zu sein. An der Seite Josefs ist Jesus selbst ein Arbeiter geworden. Wenn er sagt: „Mein Vater ist noch immer am Werk und auch ich bin am Werk“ (Johannes 5, 17), dann spricht er natürlich über seinen Vater im Himmel, doch es kommt einem das Bild Josefs in den Sinn, da Jesus ihn vom ersten Tag an hat arbeiten sehen.

Wenn wir das Evangelium lesen, können wir uns vorstellen, was Jesus alles von diesem Vater empfangen hat: seine beeindruckende Kraft, wenn er vor einem ganzen Volk spricht, das „an ihm hing und ihn gern hörte“ (vgl. Lukas 19, 48), seine Großherzigkeit gegenüber der Menge, die er reichlich mit Nahrung versorgt, damit sie nicht „unterwegs zusammenbrechen“ (Markus 8, 3), der gerechte Ton, wenn er die Apostel zurechtweist, diese schlichte Autorität, mit der er den blinden Bettler am Rand der Straße zu sich ruft, während die anderen ihn zum Schweigen bringen wollen (Markus 10, 42–45).

Josef, der Zärtliche

Am bewegendsten ist es vielleicht, Jesus zu betrachten, wenn er Barmherzigkeit wirkt. Eines Tages findet er sich vor der Ehebrecherin, mit all jenen Männern, die über ihre Steinigung sprechen. Ich würde gerne in die Augen des Herrn blicken, sein Herz schlagen hören, während er diese Frau sieht und die Situation, in die man sie gebracht hat. Er muss schnell reagieren, und man hört, wie er zu den Anklägern sagt: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie“. Ein klares Wort, vermutlich ruhig vorgebracht, doch wie kraftvoll! Er bückt sich, um nicht zu sehen, was geschieht, und schreibt auf die Erde. Dann richtet er sich auf und fragt die Frau: „Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?“ Und fügt hinzu: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Johannes 8, 7–11).

Doch Jesus muss enttäuscht gewesen sein: „Warum sind sie fortgegangen, diese Unglücklichen? Sie haben ihre Sünden erkannt, das ist schon etwas Positives. Doch wenn sie geblieben wären, hätte ich auch ihnen die Vergebung anbieten können. Sie bedürfen ihrer so sehr … wenigstens so wie sie!“ Es ist klar, dass dies eine zentrale Stelle im Evangelium ist. Natürlich sind es die Worte des Messias, doch wenn ich sehe, wie Jesus der Frau ihre Freiheit zurückgibt und sie aufruft, zu ihrer ganzen Würde zurückzufinden, kann ich nicht umhin, an den Mann voller Respekt und Glauben zu denken, mit dem er so lange in Berührung gewesen ist. Jesus ist sicher durch die Liebe und Zärtlichkeit Josefs seiner Mutter gegenüber geprägt worden, und er hat auch gesehen, wie Josef sich von ihr lieben ließ. Doch Jesus hat rasch verstanden, dass nicht alle so heilig waren wie Maria, und er hat den klaren Blick Josefs für alle Frauen, denen man in Nazaret begegnete, bemerkt.

Josef, der Schutzpatron

Das Evangelium lehrt, dass Jesus das „fleischgewordene Wort“ ist. Das Fleisch hat er durch die Jungfrau Maria erhalten, und dieses „Wort“ hat seinen Platz inmitten der Menschen gefunden – zum großen Teil dank Josefs, des „gerechten Mannes“, der dem Erlöser ermöglicht hat, seinen Auftrag zu erfüllen. Wenn Jesus sagt: „Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen“ (Matthäus 23, 9), verstehen die Väter, dass sie ihren Auftrag mit dem Herzen eines Armen durchführen müssen. Alles, was sie ihren Kindern geben, trägt dazu bei, zu gegebener Zeit die Gestalter einer Welt aus ihnen zu machen, die sich ständig erneuert und die man verlassen müssen wird. Seine Feinfühligkeit und seine Kraft, seine Geradheit und seinen männlichen Mut – Jesus hat alles das an diesem „Eichbaum“, bei dem er als junger Spross aufgewachsen ist, gesehen und von ihm gelernt. Es verwundert nicht, dass Josef als Schutzpatron aller Familienväter ausgewählt worden ist.

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