Vatikanstadt

Viganò-Appell: Unter keinem guten Stern

Der Aufruf von Erzbischof Viganò gegen die staatlichen Maßnahmen in der Corona-Krise beruft sich auf „die heilige Pflicht der Hirten“, erhitzt die Gemüter und vereint Kritiker aus allen kirchenpolitischen Lagern – Eine Übersicht.

Massive Kritik an Viganò-Appell
Befeuert nicht zum ersten Mal eine heftige Auseinandersetzung: der vormalige Nuntius in Washington, Erzbischof Carlo Maria Viganò. Foto: Romano Siciliani (KNA)

Selten hat ein von hochrangigen Kirchenvertretern veröffentlichter Aufruf eine so breite und alle Lager umfassende Ablehnung erfahren wie das Papier, das der in einem Versteck lebende Ex-Nuntius Carlo Mario Viganò verfasst hatte und dem auch der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, seine Unterstützung nicht versagen wollte und will. Der bereits vor einer Woche auf mehreren Internet-Seiten veröffentlichte Appell „Ein Aufruf für die Kirche und für die Welt an Katholiken und alle Menschen guten Willens“ trägt das Datum vom 8. Mai und steht unter dem Motto „Veritas liberabit vos“ (Die Wahrheit wird euch freimachen, Johannes 8, 32). Er warnt davor, dass gewisse „Kräfte“ die Corona-Pandemie nutzen, um „in der Bevölkerung Panik zu erzeugen“. Viganò spricht von Tatsachen, die belegen, „dass unter dem Vorwand der Covid-19-Epidemie in vielen Fällen unveräußerliche Rechte der Bürger verletzt und ihre Grundfreiheiten unverhältnismäßig und ungerechtfertigt eingeschränkt wurden, einschließlich des Rechts auf Religionsfreiheit, freie Meinungsäußerung und Freizügigkeit“.

Wie der ehemalige Nuntius in Washington einleitend schreibt, hätten wir „Hirten der katholischen Kirche“ die „heilige Pflicht“, diesen Appell „an unsere Mitbrüder im Bischofsamt, an den Klerus, die Ordensleute, das heilige Volk Gottes und alle Männer und Frauen guten Willens“ zu richten.
Neben Müller haben die Kardinäle Joseph Zen Ze-kiun, Emeritus von Hongkong, und Janis Pujats, Emeritus von Riga, sowie die Weihbischöfe Athanasius Schneider aus Astana und Andreas Laun aus Salzburg den Appell unterschrieben. Als amtierende Bischöfe haben noch Joseph Strickland aus dem texanischen Bistum Tyler und Erzbischof Tomasz Peta von Astana ihre Unterschrift unter den Aufruf gesetzt.

Papier stößt auf massive Kritik

Das Papier stieß auf massive Kritik. Der Vorsitzende Georg Bätzing erklärte für die Deutsche Bischofskonferenz, diese kommentiere grundsätzlich keine Aufrufe einzelner Bischöfe außerhalb Deutschlands. „Allerdings füge ich hinzu“, so der Limburger Bischof, „dass sich die Bewertung der Corona-Pandemie durch die Deutsche Bischofskonferenz grundlegend“ von dem Aufruf unterscheide. Das war noch vorsichtig ausgedrückt.

Scharf kommentierte der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer auf Facebook, es handele sich um krude Verschwörungstheorien ohne Fakten und Belege, verbunden mit einer rechtspopulistischen Kampf-Rhetorik, die beängstigend klinge. Es seien wirre Thesen, „die Ängste schüren, Schwarz-Weiß-Denken verfolgen, üble Feindbilder zeichnen und das Miteinander in unseren Gesellschaften vergiften“.

Auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer distanzierte sich von dem Aufruf und „macht sich die Worte des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, ausdrücklich zu eigen“, wie das Bistum Regensburg am Montag mitteilte. Auch Bischof Gebhard Fürst von Rottenburg-Stuttgart ging auf Abstand: „Wer die Bemühungen der Politik, Menschenleben vor dem Coronavirus zu schützen, in eine dubiose Weltverschwörung umdeutet, spielt mit dem Feuer“, kommentierte er auf Twitter. Der designierte Augsburger Bischof Bertram Meier empfindet den Appell „geradezu als zynisch“.

Kardinal Sarah zieht Unterschrift zurück

Die Veröffentlichung des Aufrufs stand von Anfang an unter einem unguten Stern. Der Präfekt der Kongregation für die Gottesdienste, Kardinal Robert Sarah, hatte zunächst seine Unterschrift zugesagt, dann zog er sie zurück. Woraufhin der Autor des Appells, Erzbischof Viganò, den Hergang des Vorgangs auf der Homepage „veritasliberabitvos.info“ bekannt machte: Bereits am 4. Mai habe ihm Sarah telefonisch mitgeteilt, dass der Appell gut tue, weil er „uns nachdenken und Position beziehen lässt“. Er sei einverstanden, seinen Namen darunterzusetzen, „weil es ein Kampf ist, den wir gemeinsam führen müssen, nicht nur für die katholische Kirche, sondern für die ganze Menschheit“. Doch am Nachmittag des 07. Mai habe ihm Sarah dann eine SMS geschrieben, in der stand: „Da ich noch eine Funktion in der Römischen Kurie wahrnehme, hat mir eine befreundete Person davon abgeraten, den von Ihnen vorgeschlagenen Aufruf zu unterschreiben. Vielleicht ist es besser, meinen Namen diesmal zu streichen.“

Da Viganò zu diesem Zeitpunkt nach eigenen Angaben bereits damit beschäftigt war, den Appell an die Medien zu versenden, habe ihm Sarah erst am Abend telefonisch seinen Rückzug mitgeteilt. Da war es schon zu spät. In der ersten Fassung des Appells ist Sarah noch einer der Hauptunterzeichner. Worauf dieser sich per Twitter von dem Papier distanzierte, ohne Viganò darüber zu informieren.

In Italien ist das Lager der Konservativen offenbar geteilt. Die viel gelesenen katholischen Blogger Marco Tosatti und Aldo Maria Valli haben den Appell unterschrieben, der ebenfalls sehr bekannte Sandro Magister schweigt auf seinem Nachrichtenblog „Settimo cielo“ – wie auch Riccardo Cascioli, Chef von „La nuova bussola quotidiana“, der sonst jedes Anliegen von Kardinal Müller aufgreift.

Medizinisch, politisch und kirchlich argumentiert

Der Aufruf Viganòs argumentiert politisch, medizinisch, aber auch kirchlich. So fordert er für die Kirche eine uneingeschränkte Autonomie in allen Angelegenheiten, die in unmittelbare Zuständigkeit der kirchlichen Autorität fallen, wie zum Beispiel die liturgischen Normen und die rechtlichen Vorgaben zur Spendung der heiligen Kommunion und der Verwaltung der Sakramente. So sei es nicht hinnehmbar, „dass seitens der Zivilbehörden, ganz gleich in welcher Form, Verbote oder Einschränkungen des öffentlichen Gottesdienstes und der Seelsorge aufgestellt werden“.

Genau diese Vermischung der Ebenen – mal politisch, mal kirchlich, mal medizinisch – ist auch Konservativen ein Dorn im Auge. Das Sprachrohr der italienischen Traditionalisten, der Historiker und international vernetzte Gründer der Stiftung „Lepanto“, Roberto de Mattei, erklärte gegenüber der „Tagespost“, es mache ihn „perplex“, dass „sich Bischöfe auf dem Feld der gesundheitlichen Maßnahmen äußern, die von den Regierungen ergriffen wurden, da dies ihr Fachgebiet überschreitet, was ja ein theologisches oder moralisches ist. Dagegen ist es legitim, dass die Laien, die auf dem Gebiet kompetent sind, diskutieren, ohne jedoch ihre Meinung zu dogmatisieren, denn die Wissenschaft der Medizin basiert weder auf göttlicher Offenbarung noch auf dem Naturrecht.“

Seiner Meinung nach hätten „Bischöfe nicht die Autorität, beispielsweise zu behaupten, dass das Coronavirus ein erdachter Virus ist; oder dass von ihm keine Gefahr ausgeht, wenn es denn doch existiert; oder dass man dem Virus weder mit Quarantäne-Maßnahmen begegnen sollte, wie es einige Länder tun, noch mit Überwachungsmaßnahmen, wie es andere tun, da diese Maßnahmen gegen die persönliche Freiheit verstoßen würden“. Die Tatsache, „dass die wissenschaftliche Gemeinde gespalten scheint, offenbart die Hilflosigkeit der Medizin gegenüber einem Phänomen, das eher unvorhergesehen erscheint als vorherbestimmt“.

Kardinal Müller verteidigt seine Unterstützung

Kardinal Müller hat gegenüber der „Tagespost“ seine Unterstützung des Appells verteidigt. Er habe nichts weiter getan, als sich auf telefonische Anfrage hin mit dem Text als Aufruf zum sorgfältigen Umgang mit den publizistischen und politischen Nebenwirkungen, die diese furchtbare Pandemie in einigen nicht-demokratischen Ländern haben könne, im Allgemeinen einverstanden zu erklären. Den Text habe er dabei nicht als wissenschaftliche Analyse bewerten wollen. Wer es besser zu wissen meine, so Müller weiter, könne doch „mit sachlichen Argumenten wirkliche oder vermeintliche Irrtümer ruhig und gelassen richtigstellen. Wichtig für uns ist der Zusammenhang von Glauben und Vernunft zur Bewältigung der Folgen in leiblicher, sozialer und geistlicher Hinsicht.“
Solche Äußerungen haben die Kritik an Müller verstärkt. Auf „tagesschau.de“ kommentierte Tilman Kleinjung vom „Bayerischen Rundfunk“, Müller sei „so etwas wie der Hans-Georg Maaßen der katholischen Kirche. Wie der ehemalige Verfassungsschützer wurde auch der Glaubensschützer unsanft aus seinem hohen Amt entfernt. Die Kränkung sitzt tief und das verletzte Ego findet bei Rechtspopulisten und katholischen Traditionalisten die Zustimmung, die ihm die meisten Katholiken hierzulande und auch der Papst verweigern.“

In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ fragt Christian Geyer: „Fällt dem Kardinal ein Grund ein, warum auf dem Aufruf kein Segen liegen könnte? So möge er jetzt sprechen oder für immer schweigen.“ Und der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, meinte gegenüber dem „Domradio“: In dem Aufruf stehe „ein so krauses, krudes und abenteuerliches Zeug“, dass man sich frage: „Was in aller Welt bringt einen Menschen, der doch mal ein durchaus angesehener Professor in München war und ein wichtiger Bischof für Regensburg, einen bedeutenden Kirchenmann, dazu, auf seine alten Tage seinen gesamten Ruf zu ruinieren, indem er so etwas unterschreibt?“

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