Vatikanstadt

Vatikan: Schmerzt die Spaltung nicht mehr?

Ein Vademecum über den Bischof und die Einheit der Christen soll helfen, in der Ökumene mehr als nur ein Leben in versöhnter Verschiedenheit zu sehen. Doch wo bleibt der Schmerz der Trennung?

Logik des neuen Vademecums machte Kardinal Kurt Koch deutlich
Die eigentliche Logik des neuen Vademecums machte Kardinal Kurt Koch deutlich: Viele Christen würden heute nicht mehr unter der Spaltung der Kirche leiden. Mit dem fehlenden Schmerz über diese Zerrissenheit fehle der ökumenischen Bewegung eine wichtige Triebkraft. Foto: Angelika Warmuth (dpa)

Der Einheits-Rat des Vatikans ist ein Vorläufer des Zweiten Vatikanums. Im Juni 1960 von Papst Johannes XXIII. mit der Bezeichnung „Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen“ gegründet, sollte der Rat unter Leitung des ersten Präsidenten, des legendären Papstberaters und deutschen Kardinals Augustin Bea SJ, auch eine Art Vorbereitungskommission des Konzils sein, auf dem er dann auch wesentlichen Anteil an den Dokumenten „Unitatis redingregratio“ über die Ökumene, „Nostra Aetate“ zu den nichtchristlichen Religionen und dem Judentum sowie „Dignitatis humanae“ über die Religionsfreiheit hatte. Zusammen mit der erneuerten Liturgie nach dem Zweiten Vatikanum sollte der Ökumene-Rat, unter dessen Dach auch die „Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum“ arbeitet und der mit der Kurienreform von 1988 seinen heutigen Namen „Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen“ erhielt, so etwas wie die Visitenkarte der nachkonziliaren Kirche sein. Hohe Erwartungen verbanden sich mit den Stichworten Liturgie und Ökumene. Doch bei beiden Themen scheint die Luft raus zu sein.

Nach der Aufsehen erregenden Entscheidung Benedikts XVI. von 2007, die „alte Messe“ als außerordentliche Form des einen römischen Ritus wieder zuzulassen, hat sich die innerkirchliche Betriebstemperatur in Sachen Liturgie beträchtlich abgekühlt. Nach fast acht Jahren Franziskus, der Gottesdienste in jesuitischer Schlichtheit feiert und die Liturgie als solche sehr selten thematisiert, ist zelebrativer Alltag in die Kirche eingekehrt. Von einer wahrnehmbaren gegenseitigen Befruchtung der beiden Formen des römischen Ritus kann keine Rede sein.

Bischöfe pflegen ökumenischen Kontrapart

Auch die Ökumene ist zur Routine geworden – aber nicht im Sinne von ernsthaften Schritten, auf den Treppenstufen zur christlichen Einheit die nächste Etappe zu erreichen, sondern eher als alltägliches Leben in versöhnter Verschiedenheit: Im ökumenisch gestimmten Westen sind entsprechende Gesten längst schon guter Brauch. Man spricht miteinander, man besucht sich, Trauerfeiern von größerem Anlass finden meistens als ökumenische Veranstaltungen statt, Bischöfe pflegen ihren konfessionellen Kontrapart – nicht nur in München –, Deutschland hat einen gemeinsamen Kirchentag und auch im Vatikan sind herzliche Begegnungen mit den getrennten Brüdern und Schwestern alles andere als eine Seltenheit. Theologische Dialogkommissionen zwischen den Konfessionen tagen und treffen sich regelmäßig, allerdings sind es Expertengespräche unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Angesichts dieses „business as usual“ hat es der Vatikan für nötig erachtet, der Ökumene nochmals einen Spin zu geben. Ein am vergangenen Freitag veröffentlichtes Dokument mit dem Titel „Der Bischof und die Einheit der Christen: ökumenisches Vademecum“ wurde von gleich vier Kardinälen vorgestellt: Der von Kurt Koch geleitete Einheits-Rats hatte die Federführung bei der dreijährigen Erarbeitung des Textes, aber auch Louis Antonio Tagle, Präfekt der Missionskongregation „Propaganda fide“, Marc Quellet, Chef der Bischofskongregation, und Leonardo Sandri von der Kongregation für die Ostkirchen steuerten ihren Beitrag zur Präsentation des Schreibens bei.

Wie Kardinal Koch erklärte, fasst das Vademecum nochmals die Kerngedanken des Konzils-Dokuments „Unitatis redintegratio“, der Enzyklika „Ut unum sint“ von Johannes Paul II. und des „Ökumenischen Direktoriums“ des Einheits-Rats zusammen, enthalte also nichts Neues. Aber es wolle nochmals die Bedeutung der Ökumene unterstreichen: „Der Bischof“, so Koch, „darf die Förderung der Einheit der Christen nicht einfach als eine von vielen Aufgaben seines Amtes verstehen, als Auftrag, der anderen Prioritäten, die wichtiger zu sein scheinen, nachgeordnet werden könnte oder dürfte. Der ökumenische Eifer des Bischofs ist keine Option seines Amts, sondern ein Muss und eine Verpflichtung.“

Christen haben sich mit der Spaltung abgefunden

Die eigentliche Logik des neuen Vademecums machte Kardinal Kurt Koch jedoch am vergangenen Montag bei einem Festakt zum 25-jährigen Bestehen der Ökumene-Enzyklika im Ökumenischen Institut des Angelicums deutlich: Viele Christen würden heute nicht mehr unter der Spaltung der Kirche leiden. Mit dem fehlenden Schmerz über diese Zerrissenheit fehle der ökumenischen Bewegung eine wichtige Triebkraft, meinte Koch. Leider werde die Einigung der Kirchen von vielen nicht mehr als unaufgebbare Aufgabe gesehen. So habe Johannes Paul II. die Enzyklika „Ut unum sint“ in dem Bewusstsein verfasst, dass die katholische Kirche beim Zweiten Vatikanischen Konzil ihr erneuertes Selbstverständnis unwiderruflich mit dem Streben nach christlicher Einheit verbunden habe.

Das Vademecum, mit dem der Vatikan dem ökumenischen Eifer der Hirten einen neuen Anstoß geben will, eröffnet dabei jedoch keine neuen praktischen Wege. Auch bei den Sakramenten der Eucharistie, der Beichte und der Krankensalbung, die allein Katholiken vorbehalten sind, bleibt es bei den bisher gestatteten „Ausnahmefällen und unter bestimmten Bedingungen“, die es möglich machen, dass einzelne Christen anderer Konfession nach sorgfältiger Abwägung Zugang zu diesen Sakramenten erhalten. Die Entscheidung darüber obliege dem Bischof. Voraussetzung seien immer eine drohende Lebensgefahr oder eine andere „schwere Notlage“ sowie die Disposition der betreffenden Christen, den katholischen Glauben hinsichtlich dieser Sakramente zu teilen und entsprechend auf deren Empfang vorbereitet zu sein. Die Zulassung von Gläubigen anderer Konfessionen zu den Sakramenten „darf nie aus reiner Gefälligkeit geschehen“, heißt es im Text.

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