Washington

US-Bischöfe als Wegbegleiter in der Krise

Wie amerikanische Bischöfe Eheleute in Zeiten von Corona stärken und begleiten.

Programm Witness to love
„Witness to love“: In katholischer Gemeinschaft die Beziehung stärken. Im Bild: Ein Paar steht auf dem wiedereröffneten Petersplatz und nimmt zum ersten Mal seit dem Lockdown am Angelusgebet mit Papst Franziskus teil. Foto: Stefano Dal Pozzolo (Romano Siciliani)

Seit Kurzem spreche ich regelmäßig mit meiner Frau. Sie ist eigentlich ganz nett“, lautete einer der zahllosen Witze, die in Coronazeiten im Internet geteilt werden. Tatsächlich hat der Lockdown den Fokus ganz neu auf die innereheliche Kommunikation gelegt. Aber nicht bei allen ist die Wirkung heiter oder positiv. Denn natürlich kommt es bei so viel ungewohnter Nähe ganz automatisch auch zu Reibereien.

In den USA ist die Anzahl der Konflikte ebenso in die Höhe geschnellt wie die der Scheidungen. Die Bischöfe haben deshalb eine Initiative gestartet, die all jene Paare stärken soll, die besonders unter der sozialen Isolierung leiden. In einer Videoserie bieten sie Hilfestellungen an. Der Schwerpunkt liegt dabei zum einen auf dem Austausch mit anderen Paaren, der allein schon lösend auf manch einen unnötigen Konflikt wirkt. Aber auch heilende Rituale wie die Erneuerung der Beziehung sind wichtige Wegmarken in einer Krisenzeit wie wir sie in diesen Wochen und Monaten erleben. Grundlegende Kommunikations- und Reflektionstechniken gehören ebenfalls zum Hilfspaket, das die Eheleute seit dem 26. April unter witnesstolove.org abrufen können.

Wünsche der Eheleute oft nicht deckungsgleich

Hilfreich ist diese kleine durch die Covid-19-Pandemie inspirierte Serie auch jenseits von Lockdown und social distancing. Denn in den kurzen Filmen geht es um Kernthemen, die im Blick zu haben in jeder Beziehung wichtig ist. Wenn man darüber nachdenkt, was für einen ganz persönlich Zugehörigkeit bedeutet, welche Erwartungen man an seine Ehe und welches Bedürfnis nach Gemeinschaft man hat, tritt nicht selten zutage, dass die Wünsche der Eheleute nicht deckungsgleich sind. Dem einen ist es genug, zu wissen, dass er nun verheiratet ist, der andere wünscht sich regelmäßige Zeichen, die die Zugehörigkeit bekräftigen. Und wo dem einen ein freundschaftliches Nebeneinander schon genug Nähe ist, wünscht der andere sich explizit gemeinsames Tun wie geteilte Hobbys und feste Zeiten für Gespräche. Wo solche Erwartungen an die Ehe unausgesprochen bleiben, summieren sich, sofern diese voneinander abweichen, zwangsläufig die Enttäuschungen und entwickeln in Situationen wie dem Lockdown ein explosives Potential.

Witness To Love ist mit seiner Videoserie eine echte Hilfe, um nicht unversehens in eine Negativspirale hineinzugeraten. Und natürlich sind die in dem Portal gegebenen Hilfen keineswegs nur in akuten Krisenzeiten wie der Corona Pandemie anwendbar. Im Gegenteil. Wer gut vorbereitet in die Ehe geht und auch darüber hinaus Wegbegleitung erfährt, wird Teil eines dynamischen Prozesses, in dem die verbindliche Gemeinschaft von Mann und Frau nicht mehr etwas ist, womit die beiden in guten und in schlechten Tagen eben allein fertig werden müssen. Die Ehe wird vielmehr ganz ähnlich wie das Leben in einem Kloster zu einem Weg der Jüngerschaft, in dem nicht nur das Band der Eheleute untereinander, sondern auch das mit der Gemeinde vor Ort gefestigt wird. Denn die Mentoren, die die Ehepaare begleiten, sind Teil der jeweiligen Pfarrei. Sie sind selbst krisenfest und wissen, wovon sie sprechen, wenn sie die Fallstricke der Zweisamkeit thematisieren. Sie kennen Wege, die im Streitfall zu einem gelungenen Kompromiss führen und wissen, wie man unnötige Auseinandersetzungen vermeidet. Der große Vorteil des Portals Witness To Love ist, dass hier nicht nur Covid 19 bezogene Hinweise gegeben werden, sondern dass die Wegbegleitung für Ehepaare in das Gesamtkonzept katholischen Lebens vor Ort eingebettet ist. So ist der Fokus von Anfang an richtig gewählt. Tatsächlich ist ja, auch wenn das heute vielfach behauptet wird, nicht die Gesundheit das höchste Gut, sondern das ewige Leben. Und mit dieser Perspektive können auch Herausforderungen leichter bewältigt und Schwierigkeiten angenommen werden.

Die Kompetenzen aller in der Kirche ernst nehmen

Ganz nebenbei macht das Modell der amerikanischen Bischöfe auch deutlich, wie es gelingen kann, die Kompetenzen aller in der Kirche ernst zu nehmen. Und das funktioniert nicht dadurch, dass man alle, die wollen, zu Priestern weiht, sondern dass jeder das tut, was ihm zukommt. Die gute Vorbereitung und die Begleitung von Ehepaaren, hierzulande noch ein weithin unbeackertes Feld, klappt in den USA deshalb, weil die Kompetenz der erfahrenen Männer und Frauen in den Gemeinden abgefragt, ihnen Verantwortung gegeben und christliche Weggemeinschaft zugetraut wird.

Was an der gut aufgebauten Seite auffällt und sehr überzeugt ist, dass die gegenwärtige Situation in einem positiven und aufbauenden Sinne geistlich gedeutet wird. In einem kurzen Videoclip spricht beispielsweise Father Victor Peres vom Witness To Love Team am Fest des heiligen Joseph darüber, dass die nun notwendige Verschiebung als Chance sehen können, in die Nachfolge dieses Heiligen zu treten, der seine eigene Person so wenig in den Vordergrund spielte und sich ganz in den Dienst seiner Frau Maria und des Gottessohnes stellte. Denn genau darum geht es ja im Kern in dieser Pandemie. Sie lenkt den Blick von den bisher selbstverständlichen Freiheiten eines global ausgelebten Alltags auf die Notwendigkeit, sich zurückzunehmen und den Blick neu auszurichten. Für die Kirchen birgt Covid 19 trotz alles damit verbundenen Leidens eine große Chance, bisherige Fehlhaltungen aufzugeben und sich auf den zu konzentrieren, der die Quelle unseres Glaubens ist. Mit ihrem Portal witnestolove.org laden die amerikanischen Bischöfe alle Eheleute dazu ein.

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