Würzburg

Tradition gibt der Kirche ihre Orientierung

Was ist Tradition? Im Mutterland der Reformation bleibt die apostolische Überlieferung ein Streitobjekt. Dabei gibt es von Paulus bis Benedikt XVI. eine Fülle von Texten und Impulsen, um Schrift, Liturgie und Frömmigkeit miteinander stimmig in Beziehung zu setzen.

12 Apostel und Maria an Pfingsten
12 Apostel und Maria an Pfingsten - Teil einer byzantischen Ikone Foto: Adobe Stock
  • Das ökumenische Konsenspapier "Gemeinsam am Tisch des Herrn wertet Weiheamt und Glaubensätze ab.
  • Das Lehramt hat die Aufgabe zwischen Tradition im Sinne von Gewohnheit und verbindlicher apostolischer Tradition zu unterscheiden.
  • Das Amt ist ein drittes Kriterium des Kirche-seins.

Einer Zulassung von evangelischen und reformierten Christen zur Kommunion stehe nichts mehr im Weg. Dies behauptet das ökumenische Konsenspapier "Gemeinsam am Tisch des Herrn . Zwei bedenkliche Vorentscheidungen haben die Verfasser, darunter der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Georg Bätzing, dabei getroffen. Zuerst haben sie die angeblich uneinheitliche Vielgestaltigkeit der im Neuen Testament bezeugten "liturgischen Feiergestalten und ihrer theologischen Deutungen" zur Norm erklärt. Gegenüber solcher Beliebigkeit hat das an der Wende zum ersten Jahrhundert nachweisbare Weiheamt seine Verbindlichkeit verloren.

Nicht verpflichtend

Es wäre damit also nicht mehr verpflichtende göttlich-apostolische Tradition, weil alles, was über die Schrift hinausgeht, keine Autorität mehr beanspruchen könne. Was protestantischer Lehre entspricht. Daraus folgt zweitens, dass auch die Kirche ihre Autorität als Auslegungsinstanz damit verloren hätte. Dies wird im Papier deutlich ausgesprochen: Wenn Jesus "sich in Brot und Wein seinen Jüngern" schenkt, dürfen "kein Tun und Lassen der Kirche, keine liturgischen Formen und institutionellen Regeln, keine Unterschiede in Herkommen und Tradition ( ) diesem Geschenk im Wege stehen". Ist die apostolische Überlieferung preisgegeben, hat dies unabsehbare Folgen.  

Vernunft statt Autorität

Was hat es mit dem katholischen Traditionsbegriff auf sich? Vernunftgebrauch statt Autoritätsglaube ist seit der Aufklärung das Kennzeichen der Moderne. Die Berufung auf alte Überlieferung wird vom modernen Bewusstsein bekämpft. Zu wahrer Erkenntnis könne allein die unabhängige Vernunft gelangen. Weder die Überlieferung noch die Personen, die für sie eintreten, verdienen daher, als Autorität anerkannt zu werden. Als Meilenstein auf dem Weg zur Befreiung des Subjekts wird die Reformation angesehen: Befreit vom aristotelischen Denksystem, der Lehrautorität der kirchlichen Überlieferung und dem päpstlichen Lehramt habe man mit philologischen Mitteln den Sinn der Heiligen Schrift erhoben und alle Deformierungen durch die Tradition offengelegt und beseitigt. "Sofern die Geltung der Autorität an die Stelle des eigenen Urteils tritt, ist Autorität in der Tat eine Quelle von Vorurteilen", sagt der Philosoph Hans-Georg Gadamer. Er fügt allerdings hinzu: "Aber dass sie auch eine Wahrheitsquelle sein kann, ist damit nicht ausgeschlossen, und das hat die Aufklärung verkannt, als sie schlechthin alle Autorität diffamierte."  

Tradition verpflichtet

Tradition (von lat. tradere, übergeben) bezeichnet sowohl den Vorgang der Übergabe wie auch das Übergebene. Tradition hat, sofern sie Satzung und Lehre meint, verpflichtenden Charakter. Tradition ist dann gleichbedeutend mit Autorität. Für den Apostel Paulus ist Jesus Christus selbst die autoritative Quelle der Tradition. Stets betont er, dass er selbst empfangen habe, was er autoritativ weitergibt. Darauf gründet sich die apostolische Überlieferung und deren Weitergabe an die Apostelnachfolger, die Bischöfe. Mit der Taufkatechese verbunden ist die Übergabe (traditio) des Glaubensbekenntnisses. Aufgabe der Bischöfe ist es, den Taufglauben zu lehren und zu schützen.  

Von der normativen apostolischen Tradition sind einzelne Traditionen im Sinne von bloßen Gewohnheiten zu unterscheiden. Es ist Aufgabe des Lehramtes, darüber zu entscheiden, was verbindliche apostolische Tradition ist und was unverbindliche Gewohnheit. Unter dem Einfluss der Aufklärung wurde etwa seitens mancher Bischöfe die sogenannte Volksfrömmigkeit als in die Kirche eingedrungener Aberglaube abqualifiziert und nicht mehr als Ausdruck des gelebten Glaubens verstanden. Im Laufe der Theologiegeschichte wurde zwischen der schriftlichen Tradition und der mündlichen unterschieden. Zur Tradition gehört auch die Liturgie, deren Gebete Ausdruck des normativen Glaubens sind.  

Sola scriptura

Welche Kriterien gibt es, um unterscheiden zu können, welche Lehre mit dem apostolischen Ursprung übereinstimmt und welche nicht? Hierzu hat Vinzenz von L rin drei Merkmale entwickelt: Authentische Glaubensüberlieferung ist das "was überall, was immer, was von allen geglaubt wurde". Hat das Zweite Nicaenum noch die ganze christliche Botschaft als Tradition bezeichnet, so wurde später zwischen Offenbarung, Tradition und Vernunft differenziert. Mit der Einführung des reformatorischen Schriftprinzips (sola scriptura) hat Luther die Überlieferung als nichtnormative "Menschensatzungen" entwertet und allein die Heilige Schrift als Wahrheitsquelle anerkannt. Vorsicht ist darum stets geboten, wenn die evangelische Seite im ökumenischen Gespräch katholische "Traditionen" anerkennt oder mit evangelischen "Traditionen" gleichwertig behandelt.  

"Faktisch haben sie damit
die obigen Glaubensinhalte und Dogmen
zu unverbindlichen 'Menschensatzungen' 
abgewertet."

Faktische Abwertung

Katholische Bischöfe haben etwa im "Kontaktgesprächskreis" mit Vertretern der EKD ein Gutachten zur Interkommunion unterschrieben (18.5.2020). Darin wird erklärt, dass in zentralen Fragen nach wie vor keine Übereinstimmung erreicht wurde: Praxis und Verständnis der Eucharistiefeier, Opferbegriff der Messfeier, Leitung und Gestaltung der Feier, Umgang mit den Elementen, Zueinander von Taufe und Eucharistie, Zueinander von Kirchen- und Eucharistiegemeinschaft. Zugleich wird gesagt, dass für die evangelische Seite diese Fragen unerheblich sind, da allein die Taufe das Zulassungskriterium zum Abendmahl darstelle. Fraglich sind damit wesentliche Inhalte der katholischen Glaubensüberlieferung: Weiheamt, apostolische Nachfolge, Petrusamt, Bischofsamt, das Dogma von der Wesensverwandlung von Brot und Wein, der Opfercharakter der Messfeier, sowie das Taufsakrament, das nach katholischer Lehre Aufnahme in die Gesamtkirche und Zustimmung zur apostolischen Überlieferung einschließt und nicht nur Aufnahme in die Gemeinde bedeutet. Trotzdem haben katholische Bischöfe unter Führung von Kardinal Marx und Bischof Bätzing mit ihrer Unterschrift bestätigt, dass der Kommunionempfang von Protestanten und die Teilnahme von Katholiken am Abendmahl theologisch gerechtfertigt seien. Faktisch haben sie damit die obigen Glaubensinhalte und Dogmen zu unverbindlichen "Menschensatzungen" abgewertet.  

Als Antwort auf die Reformation hat das Konzil von Trient die "ungeschriebene Überlieferung" zusammen mit der Heiligen Schrift als Quelle der Glaubens- und Sittenlehre definiert, "die die Apostel aus Christi Mund empfangen haben oder die von Aposteln selbst auf die Eingebung des Heiligen Geistes gleichsam von Hand zu Hand weitergegeben wurden und so auf uns gekommen sind".  

"Offenbarung ist nicht eine den
Größen Schrift und Überlieferung
nachgeordnete Sache, sondern
sie ist das Sprechen und Handeln Gottes selbst,
das allen geschichtlichen Fassungen
dieses Sprechens vorausliegt"

Luther überboten

Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil standen sich zwei Lager gegenüber: Eine Seite sah Schrift und Tradition als die beiden Quellen der Offenbarung, die andere Seite vertrat die Ansicht, dass in der Heiligen Schrift alle Glaubenswahrheiten vollständig enthalten seien. Damit hat diese Partei das radikale Schriftprinzip Luthers noch überboten. Hatte doch Luther seine einseitig formulierte Rechtfertigungslehre als "Kanon im Kanon" zum hermeneutischen Schlüssel zur Schrift erklärt.

Klarheit brachte hier der Konzilstheologe Joseph Ratzinger. Zuerst stellte er auf beiden Seiten einen falschen Offenbarungsbegriff fest: "Offenbarung ist nicht eine den Größen Schrift und Überlieferung nachgeordnete Sache, sondern sie ist das Sprechen und Handeln Gottes selbst, das allen geschichtlichen Fassungen dieses Sprechens vorausliegt; sie ist die eine Quelle, die Schrift und Tradition vorausliegt." Da keine Lehre der Apostel über die Schrift hinaus nachweisbar ist, könne man auch nicht von der Tradition als eigenständiger Quelle sprechen. Am Beispiel der Entstehung des Kanons der biblischen Bücher konnte Ratzinger nachweisen, wie Schrift und Tradition sich zueinander verhalten: "Nein, die Kirche hat keine fertig formulierte Mitteilung des letzten Apostels zur Verfügung, der testamentarisch hinterließ, welche Bücher zusammen die Schrift ausmachen sollten. Sondern sie musste in der Selbstbesinnung auf den in ihr wirksamen Heiligen Geist   sich fragen, in welchen Büchern sie diesen Geist erkannte und welchen nicht, ehe sie scheiden konnte, was ihr Wesensgesetz ausdrückte und was nicht." Tradition ist für Ratzinger die geschichtlich wachsende Erkenntnis dessen, was zum Grundbestand der Offenbarung gehört: "Dieses lebendige Ringen im Heiligen Geist, das ist der Vorgang des ,tradere , das ist das über die Schrift und ihren Buchstaben hinausgreifende Plus der Tradition ( )." In dieser Deutung gehören Schrift und Kirche eng zusammen: Kirche ist "Teil eines lebendigen Organismus, der in den Wandlungen der Geschichte dennoch seine Identität bewahrt hat und daher gleichsam mit Urheberrecht über die Bibel als sein Eigentum sprechen kann".  

Gegenseitige Abhängigkeit

In einem Aufsatz über die apostolische Nachfolge hat Kardinal Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, die entscheidende Differenz auf den Punkt gebracht: Kirche versteht das reformatorische Bekenntnis "allein vom ,pure et recte  verkündeten Wort Gottes und von der evangeliumsgemäßen Verwaltung der Sakramente her", dabei werde die Schrift "als eine sich selbst zu erkennen gebende Größe und als ein der Kirche und dem Amt gegenüber selbstständiges Korrektiv gefasst ( )."  

Demgegenüber kenne die katholische Lehre ein "derart der konkreten Kirche gegenüber hypostasiertes Wort Gottes nicht, sondern betrachte die Kirche in ihrem Verhältnis zum Evangelium als eine Beziehung der gegenseitigen Abhängigkeit in dem Sinn, dass die Kirche nicht nur vom Wort Gottes, sondern das Wort Gottes auch in der Kirche lebt, und bezeichnet deshalb zusammen mit Wort und Sakrament auch das Amt als drittes Kriterium des Kircheseins". Darum hat nach Ansicht von Ratzinger das Lehramt der Bischöfe in Einheit untereinander und in Gemeinschaft mit dem Papst "ein Recht und eine Pflicht, einer Auslegung entgegenzutreten, in der die Bibel gegen die Kirchen und ihr Credo gewendet wird". 


Kurz gefasst 

Nach welchen Kriterien unterscheidet man, welche Lehre mit dem apostolischen Ursprung übereinstimmt und welche nicht? Vinzenz von Lerrin nennt drei Merkmale: Authentische Glaubensüberlieferung ist das "was überall, was immer, was von allen geglaubt wurde". Anders als Luther glaubte, ist Überlieferung mehr als nichtnormative "Menschensatzungen" und für das Verständnis der Heiligen Schrift als Wahrheitsquelle unerlässlich. 

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