Sarajevo

Titos tabuisierte Verbrechen

Sarajevos Kardinal erinnert an die historische Wahrheit und erntet internationale Proteste.

Umstrittene Gedenkveranstaltung in Sarajevo
Die ewige Flamme für die Opfer des Weltkriegs brennt vor einem Banner mit der Aufschrift „Ich bin Antifaschist“, nahe der Kathedrale Sarajevos. Foto: Kemal Softic (AP)

Angesichts der Corona-Krise haben sich das Totengedenken von Bleiburg wie auch die Proteste dagegen internationalisiert. Hatten sich in den Vorjahren österreichische Medien, überwiegend linke Politiker und am Ende sogar die Diözese Gurk-Klagenfurt kritisch zu dem jährlichen Kroaten-Treffen in Kärnten geäußert, so erntete der Erzbischof von Sarajevo, Kardinal Vinko Puljic, in diesem Jahr Protestnoten des israelischen wie des amerikanischen Botschafters in Bosnien-Herzegowina sowie des Jüdischen Weltkongresses, Schlagzeilen in Israel und Demonstrationen von Tito-Nostalgikern in seiner Heimatstadt.
Dabei ging es Puljic wie den Veranstaltern der Gedenkfeiern in Kärnten und in Zagreb lediglich darum, würdig an jene Menschen zu erinnern, die sich nach dem Kriegsende 1945 in Kärnten den britischen Truppen ergaben, von diesen jedoch an die kommunistischen Partisanen ausgeliefert und dann grausam massakriert wurden.

Weil die geschichtliche Erinnerung an diese Menschen, unter denen viele Kämpfer der kroatischen Ustaša, der slowenischen Heimwehr (Domobracen) und sogar serbische ?etniks waren, in der jugoslawischen Tito-Diktatur gänzlich tabuisiert war, fand das Gedenken traditionell auf dem Loibacher Feld in Kärnten statt, wo die Tragödie am 15. Mai 1945 begann.

In Sarajaveo nehmen Corona-bedingt 20 Gläubige an der Messe teil

In diesem Jahr sollte hier Sarajevos Kardinal auf Bitten der kroatischen Bischofskonferenz am 16. Mai die Messe feiern und der Toten gedenken. Doch dann kam Corona. An einen Aufmarsch Zehntausender – wie in den Vorjahren – war nicht mehr zu denken. Der „Bleiburger Ehrenzug“, der das Gedenken alljährlich in Zusammenarbeit mit dem Sabor, dem kroatischen Parlament, organisiert, entschied sich für eine Dreiteilung der deutlich kleiner angelegten Feierlichkeiten.
Streng nach den geltenden Corona-Maßgaben legte der neue Botschafter Kroatiens in Österreich, Daniel Gluncic, an der Gedenkstätte auf dem Loibacher Feld einen Kranz nieder, begleitet nur vom Klagenfurter Kroaten-Seelsorger und einer kleinen Abordnung des Ehrenzugs. Auch die Gegendemonstration samt jugoslawischer Flagge und kleinem Transparent mit Partisanen-Spruch, blieb überschaubar.

In Kroatiens Hauptstadt Zagreb besuchte Parlamentspräsident Gordan Jandrokovic, begleitet von Veteranen-Minister Tomo Medved, am Samstag den Mirogoj-Friedhof. Militärbischof Jure Bogdan und der Zagreber Imam Mersad Kreštic sprachen Gebete. Ein Kranz wurde niedergelegt, der Fernsehsender HRT 1 übertrug die halbstündige Zeremonie. Anschließend fand in Sarajevo, der bis heute osmanisches wie habsburgisches Flair atmenden Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas, eine Messe in der Herz-Jesu-Kathedrale statt, an der – ebenfalls Corona-bedingt – gerade einmal 20 Gläubige teilnahmen.

Das ganze Totengedenken rund um den 75. Jahrestag der Massaker hätte unter der medialen Wahrnehmungsschwelle bleiben können, hätte es da nicht massive internationale Proteste gegeben. In Kroatien kritisierte der frühere sozialistische Staatspräsident Ivo Josipovic die Schirmherrschaft des Sabor über die Bleiburg-Gedenken, die er als Beitrag zum „historischen und politischen Revisionismus, zur Rehabilitierung der Ustaša-Ideologie und zur Stärkung des Nationalismus“ verurteilte. Gleichzeitig räumte Josipovic ein, dass es im Mai 1945 große Kriegsverbrechen gab. Die Kirchen hätten das Recht, für die Opfer zu beten, doch sei es angesichts der Ustaša-Verbrechen in Bosnien falsch, dass Kardinal Puljic für die Bleiburg-Opfer eine Messe in Sarajevo feiere.

Der Präsident der kleinen jüdischen Gemeinde Sarajevos, Jakob Finci, schrieb in der Vorwoche in einem offenen Brief, die Messe erinnere „an die Henker unserer Mütter, Väter, Großväter, Landsleute und aller unschuldiger Menschen, die vom faschistischen 'Unabhängigen Staat Kroatien' getötet wurden“. Die israelische Tageszeitung „Haaretz“ fragte, warum die katholische Kirche mit den Nazis kollaborierende Massenmörder rechtfertige. Die Messe in der Kathedrale Sarajevos ehre „mörderische und scharf antisemitische Weltkriegs-Faschisten“. Der serbisch-orthodoxe Metropolit Hrizostom Jevic teilte Sarajevos Kardinal mit, dieser habe mit seiner Entscheidung für die Gedenkmesse „für uns die Türe der Kathedrale für immer geschlossen“

"Das Totengedenken rund um den 75. Jahrestag
der Massaker hätte unter der Wahrnehmungsschwelle
bleiben können, hätte es nicht internationale Proteste gegeben"

Kardinal Puljic versuchte bereits im Vorfeld, die Kritik zu entkräften: Wer Versöhnung und Frieden wolle, müsse mutig genug sein, die Wahrheit zu akzeptieren. Die Toten dürften nicht zur politischen Manipulation missbraucht werden. Bosniens Kardinal spielte darauf an, dass über die Kriegs- und Nachkriegsverbrechen der kommunistischen Partisanen Titos viele Jahrzehnte lang der Mantel des Schweigens gehüllt wurde. Wer die Mordtaten der Partisanen beim Namen nannte, wurde verhaftet oder auch ermordet. Und selbst heute wollen viele Jugo-Nostalgiker, serbische Nationalisten und linken Kreise nicht wahrhaben, dass im Frühjahr 1945 nicht nur kroatische Ustaša-Kämpfer, sondern mehrheitlich Zivilisten – darunter viele Frauen und Kinder – von den britischen Truppen entwaffnet und an die Partisanen ausgeliefert wurden.

Zehntausende wurden damals von den Roten an Ort und Stelle niedergemacht beziehungsweise auf Todesmärsche Richtung Süden geschickt. Frauen wurden vergewaltigt, Gefangene ohne Anklage oder Verfahren liquidiert, dann in Flüsse und Gruben geworfen oder verscharrt. Erst nach der Unabhängigkeit Kroatiens 1991 konnte dieses „kroatischen Kreuzwegs“ auch südlich der österreichischen Grenze gedacht werden. Massengräber wurden entdeckt, 160.000 Opfer der Bleiburg-Tragödie identifiziert. 1995 erklärte der Sabor den 15. Mai zum Gedenktag für diese Opfer der Tito-Partisanen. Daran erinnerte am Samstag Kroatiens Parlamentspräsident Jandrokovic: „Über dieses Verbrechen müssen wir sprechen, damit unsere junge Generation weiß, was damals geschah – nicht nur während des Zweiten Weltkriegs, sondern auch in der Folgezeit.“

Draußen singen 5.000 Demonstranten Partisanenlieder

In Sarajevo feierten Kardinal Puljic und sein neuer Erzbischof-Koadjutor Tomo Vukšic am Samstagmittag die Gedenkmesse, während draußen – von der Polizei auf Distanz gehalten – rund 5.000 Demonstranten Partisanenlieder sangen, „Tod dem Faschismus, Freiheit für das Volk“ skandierten und OSZE-Botschafterin Kathleen Kavalec am Denkmal der Opfer des Faschismus Blumen niederlegte.

Vor 20 Anwesenden und dem bosnischen und kroatischen Fernsehpublikum (HRT und der Sender „Herceg Bosna“ übertrugen) erläuterte Kardinal Puljic in seiner Predigt neuerlich, worum es ihm geht. Darum nämlich, „allen Opfern gebührenden Respekt zu erweisen“, jener Toten zu gedenken, die der Hass ermordet hat, die gefoltert und vergessen wurden. Sein ganzes Leben lang wurde „der Schleier der Geheimhaltung nicht gelüftet“, sagte der 1945 geborene Kardinal. „Als ich geboren wurde, geschah diese Tragödie der Ausgießung des Hasses unter dem Deckmantel des Sieges – ohne Urteil, aus der Willkür jener, die vor Hass kochten.“ Er selbst sei in einer Atmosphäre aufgewachsen, in der nur geflüstert wurde, weil es nicht erlaubt war, über die historischen Verbrechen laut zu sprechen.

Aber, so Kardinal Puljic, ein Klima des Zusammenlebens, der Vergebung und Versöhnung bedürfe der Wahrheit. „Wer die Wahrheit nicht will, stellt sich hinter das Böse.“ Wer sich von Verbrechen nicht distanziere, werde selbst zum Komplizen. „Man kann keine Zivilisation der Liebe aufbauen, wenn man nicht mutig genug ist, die Wahrheit zu akzeptieren und den Weg des Kreuzes Christi zu gehen, der für seine Feinde betet und ihnen vergibt.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .