München

Synodaler Weg: Es geht um den Kern der Katholizität

Kirchengewalt und Weihevollmacht für fragwürdig zu erklären ist en vogue. Klare Begriffe könnten der Debatte nützen.

Protest «Maria 2.0»
Die Grenzen bischöflicher Vollmacht zeigen sich im Ausschluss von Frauen vom Weiheamt. Im Bild: Teilnehmer einer Protestaktion der Initiative Maria 2.0 der Katholische Frauengemeinschaft in der Erzdiözese Freiburg. Foto: Patrick Seeger (dpa)
  • Der Begriff der geistlichen Vollmacht ist zentral für authentische Reformen in der katholischen Kirche. Er bezeichnet die sakramental grundgelegte Ordnungsmacht der Kirche als solcher. Wer die „sacra potestas“ antastet, gefährdet nicht nur die Einheit der katholischen Kirche, sondern auch die Ökumene, denn es geht hier um das Kernstück des katholischen – und auch des orthodoxen Kirchenverständnisses.

  • Ein differenzierterer Umgang mit dem Begriff Macht würde Klärungsprozesse im Umgang mit Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche ermöglichen.

  • Bischöfe, die gegen Missbrauchsfälle in ihrem Verantwortungsbereich nicht entschieden vorgegangen seien, haben sich nach Auffassung des Autors nicht eines Machtmissbrauchs schuldig gemacht, sondern sind ihrer Amtsverantwortung nicht gerecht geworden.

Der sogenannte Synodale Weg, eine zweite Auflage der fast 50 Jahre zurückliegenden „Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland“ (1971–1975), hat sich als einen ihrer besonderen Beratungsgegenstände die „Macht in der Kirche“ vorgenommen. Ausgelöst durch die in den Augen Vieler unzulängliche Behandlung von Fällen sexuellen Missbrauchs kirchlicher Mitarbeiter durch Bischöfe ist eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet worden mit dem Ziel, das bischöfliche Regierungshandeln besser zu kontrollieren und, falls notwendig, zu korrigieren. Schon in Würzburg war dieser Beratungsgegenstand – allerdings weniger direkt, aber doch sachlich zutreffend – in Gestalt der Bestrebungen zur Einrichtung einer Verwaltungsgerichtsbarkeit in der Kirche behandelt worden.

Das Unternehmen ist seinerzeit trotz intensiver und detailversessener Vorarbeiten gescheitert. Auch bei den etwas später abgeschlossenen Arbeiten an der Reform des Gesetzbuches der lateinischen Kirche (CIC von 1983) hatte diese Frage eine Rolle gespielt, ist aber nur auf der obersten kirchlichen Verfassungsebene umgesetzt worden durch Einrichtung eines bischöflichen Verwaltungsgerichtes bei der Apostolischen Signatur.

Missbrauchsfälle haben kaum etwas mit Macht zu tun

Das Unternehmen ist vor allem deshalb gescheitert, weil der Versuch, ein Modell der Machtkontrolle aus dem weltlichen Recht – wo es weltweit gesehen auch nicht unumstritten ist – einfach hin auf die Kirche zu übertragen. Bischöfe haben ihren Gerichtsstand beim Apostolischen Stuhl oder haben sich – wie es ostkirchlicher Tradition zunächst mehr entspricht – vor Synoden (also Bischofsversammlungen) zu verantworten. Nichtbischöfliche kirchliche Kontrollinstanzen können auf Missstände aufmerksam machen oder nötigenfalls auch Anzeige erstatten, nicht aber Urteile fällen. In dieser Hinsicht eröffnet sich für den Synodalen Weg ein weites Feld, um sachdienliche Vorschläge zu erarbeiten.

Im Übrigen wird man zunächst einmal feststellen müssen, dass Bischöfe, die gegen Missbrauchsfälle in ihrem Verantwortungsbereich nicht entschieden vorgegangen sind, sich nicht eines Machtmissbrauchs schuldig gemacht haben, sondern ihrer Amtsverantwortung nicht gerecht geworden sind und darin – aus welchen Motiven und Gründen auch immer – versagt haben. Die Missbrauchsfälle selbst haben fast immer nichts zu tun mit der sogenannten „Macht in der Kirche“; sie dürften meistens auf der Ausnutzung eines Vertrauensverhältnisses und damit einem schwerwiegenden moralischen Versagen beruhen.

Was ist das eigentlich: die „Macht in der Kirche“? Die Kirchengewalt gehört mit zu den Grundtatsachen, die nach katholischem Glaubensverständnis die Kirche als Rechts- und Heilsgemeinschaft mitkonstituieren; sie wird „sacra potestas“ genannt und begegnet in der deutschen Kirchenrechtssprache auch unter anderen Bezeichnungen wie „heilige Gewalt“, „geistliche Vollmacht“, „apostolische Vollmacht“.

Weltliche Macht und Kirchengewalt unterscheiden sich grundlegend

Weltliche Macht und Kirchengewalt unterscheiden sich grundlegend vor allem durch ihren verschiedenen Ursprung. Weltliche Macht geht – jedenfalls nach modernem demokratischem Verständnis – vom Volke aus. Kirchengewalt geht nach katholischem Kirchenverständnis nicht vom Volke Gottes aus, sondern geht unmittelbar auf Jesus Christus zurück. Er selbst hat die Apostel aus seiner Jüngerschar ausgewählt und sie nicht nur mit seiner Sendung beauftragt, sondern sie zur Sendung bevollmächtigt. Das Zweite Vatikanum sagt: Er (Christus) hat sie gesandt, damit sie in Teilhabe an seiner Vollmacht (ut suae participes potestatis, LG 19, Satz 2) alle Völker zu seinen Jüngern machten und sie heiligten und leiteten. Die apostolische Vollmacht ist also Teilhabe an der Vollmacht Christi. Sie wird ausgeübt in den Diensten des Lehrens, des Heiligens und des Leitens.

Die Apostel ihrerseits haben dafür Sorge getragen, dass diese ihre von Christus her bevollmächtigte Sendung auf Mitarbeiter und deren Nachfolger übertragen wurde. Unter diesen nehmen die Bischöfe den ersten Platz ein. Die Weitergabe geschah durch Handauflegung und Gebet, also – um es in einer späteren theologischen Sprache auszudrücken – durch eine sakramentale Handlung. Sakramental wird eine Handlung genannt, in der Gott selbst unter menschlichen Zeichen als der eigentlich Handelnde verstanden wird. So ist die hierarchische Struktur der Kirche sakramental grundgelegt. Wer sie abschaffen möchte, hebt die katholische Kirche auf – und übrigens auch alle nichtkatholischen orientalischen Kirchen, die insoweit das katholische Verständnis des geistlichen Amtes ausnahmslos teilen.

Das Konzil hat nun aber immer wieder betont, besonders in der Kirchenkonstitution, dass alle Gläubigen an den drei Diensten Christi – den Diensten des Lehrens, des Heiligens und des Leitens – teilhaben. Mit den drei Diensten ist materiell das gesamte Spektrum kirchlicher Sendung umschrieben. Die umfassende Teilhabe der Gläubigen an der Sendung der Kirche lässt die Frage aufkommen, was das Konzil denn meint, wenn es zugleich betont, dass die Bischofsweihe zusammen mit dem Dienst des Heiligens auch die Dienste des Lehrens und des Leitens übertrage (LG 21,2 Satz 3). Die Bischofsweihe kann nicht noch einmal das übertragen, woran die Geweihten ohnehin schon als Gläubige durch Taufe und Firmung Anteil haben.

Apostolische Vollmacht konkretisieren

Das Spezifische, das die Weihe über die allgemeine Teilhabe an den Diensten hinaus und damit über die allgemeine Sendung der Gläubigen hinaus bewirkt, ist die besondere Qualifikation der Teilhabe, die Sendung in Vollmacht. Das ist die Kirchengewalt. Zu den Bischöfen als den bevollmächtigen Nachfolgern der Apostel wurden sehr bald in verschieden weitreichender Teilhabe an ihrer bevollmächtigen Sendung Priester und Diakone zugesellt. Damit war das dreigestufte sakramentale Weiheamt gegeben.

Die apostolische Vollmacht galt es, in ihrer geschichtlichen Entwicklung zu konkretisieren. Zu den Antworten, die auf die geschichtlichen Fragestellungen gegeben worden sind, gehört die Erarbeitung verschiedener Unterscheidungen in der Vollmacht. Hierher gehört die Unterscheidung von Weihegewalt und Jurisdiktions- oder Hirtengewalt, aber auch die Entwicklung der funktionalen Gewaltenunterscheidung in gesetzgebende, richterliche, ausführende Gewalt, wie ebenso die Unterscheidung von Amtsgewalt und delegierte Gewalt. Alle diese Differenzierungen sind nicht zur bloßen Befriedigung des systematischen Scharfsinns der Theologen, sondern als Antworten auf verschiedenartige Fragestellungen und als Lösungen für geschichtlich aufgekommene Probleme entwickelt worden, die hier im Einzelnen nicht erörtert werden können. Sie spielen im geltenden Recht nach wie vor eine maßgebliche Rolle.

Grundlegend ist die Unterscheidung von Weihegewalt und Hirtengewalt. Diese Unterscheidung war hauptsächlich notwendig geworden in der Folge des Übergangs von der relativen zur absoluten Ordination. Das erste Jahrtausend der Kirche war gekennzeichnet durch sie sogenannte relative Ordination: Die Weihe wurde in Relation auf ein konkretes Amt hier oder dort hin gespendet: Der Kandidat wurde auf dieses konkrete Amt hin geweiht. Amtswechsel war verpönt, kam aber dennoch öfters vor. In solchen Fällen ergab sich die Frage, ob der Amtswechsler auf sein neues Amt hin erneut geweiht werden müsse. Diese Frage stellte sich verschärft, als man um die erste Jahrtausendwende mehr und mehr dazu überging, geistliche Amtsträger nicht mehr relativ auf ein bestimmtes Amt hier oder dort hin, sondern absolut, gleichsam auf Vorrat zu weihen, wie es ja auch heute noch üblich ist.

Gott handelt nicht provisorisch

An eine Wiederholung der Weihe beim Amtswechsel konnte nicht ernsthaft gedacht werden, weil so das göttliche Handeln in der Weihe in Frage gestellt wäre; Gott handelt nicht provisorisch. Deshalb setzte sich die Auffassung durch, dass die Weihe zwei Elemente der potestas enthält, nämlich ein unverlierbares und darum nicht wiederholbares Element (Weihegewalt) und ein variierbares und verleihungsbedürftiges und auch entziehbares Element (bei Amtsverleihung beziehungsweise Amtsentzug; bei einem Amt mit hoheitlichen Aufgaben: inklusive Jurisdiktionsgewalt).

In bestimmten Phasen der Kirchengeschichte ist diese Unterscheidung gegenständlich missdeutet worden, so als sei die Weihegewalt für die heiligen und frommen Sachen (Weihen, Weihungen und Segnungen), die Jurisdiktionsgewalt dagegen für das bloße Regieren da. So wurde die Jurisdiktionsgewalt gelegentlich als eine – von ihrer Quelle in der Weihe abgetrennte – eigenständige Gewalt missverstanden. Das hat beispielsweise bei der Reichskirche des 17./18. Jahrhunderts öfters zu Bischöfen geführt, die keinerlei sakramentale Weihe empfangen hatten. Solchen sogenannten Bischöfen genügte es, wenn sie – neben den Einkünften aus ihrer Pfründe – darüber zu bestimmen hatten, was in ihrer Kirche zu geschehen hatte, sie also über die Jurisdiktion verfügten und somit „das Sagen“ hatten. Derlei Fehlentwicklungen wurden noch dadurch begünstigt, dass solche Bischöfe zugleich weltliche Territorialherren waren. Weltliche und kirchliche Herrschaft wurden nicht sorgfältig geschieden. Kirchlich betrachtet waren solche Bischöfe weltliche Fürsten in Kirchenangelegenheiten. Für die unvermeidlichen heiligen Handlungen bedurften sie der Hilfe ihrer Auxiliarbischöfe. Diese Fehlentwicklungen haben sich freilich mit der Säkularisation erledigt. Das II. Vatikanische Konzil hat sich auf die notwendigen, aber komplizierten Differenzierungen in der kirchlichen Gewaltenlehre nicht einlassen wollen; es hat aber doch die irrigen Auffassungen über die von der Weihe losgelöste Jurisdiktionsgewalt lehrmäßig dadurch zurückgewiesen, dass es stets schlicht von der „potestas“, nicht selten verbunden mit dem Adjektiv „sacra“ als der einen heiligen Gewalt spricht.

Der CIC konnte auf die Unterscheidung natürlich nicht verzichten. Das Gesetzbuch hat das diesbezügliche Kernanliegen des Konzils, nämlich die Wahrung der Einheit der heiligen Gewalt, in can. 129 § 1 gesichert: „Zur Übernahme von Leitungsgewalt, die es aufgrund göttlicher Einsetzung in der Kirche gibt und die auch Jurisdiktionsgewalt genannt wird, sind nach Maßgabe der Rechtsvorschriften diejenigen befähigt, die die heilige Weihe empfangen haben.“

Laien können nicht selbst Akte der Hirtengewalt setzen

Wenn somit Laien nicht Träger (Subjekt) von Hirtengewalt sein können, so bedeutet dies gleichwohl nicht, dass sie von jeglicher Mitwirkung bei der Ausübung von Hirtengewalt ausgeschlossen seien. Anders gesagt: Laien können nicht selbst Akte der Hirtengewalt setzen; sie können aber in der Vorbereitung, der Begleitung und der Ausführung beteiligt sein (can. 129 § 2). Diese Bestimmung muss also verstanden werden als Grundaussage für die Mitwirkung von Laien beispielsweise im gesamten Synodalwesen und in den Räten. Gerade in dieser Hinsicht ist in dem Gesetzbuch eine bemerkenswerte umfassende Neuordnung erfolgt.

Sodann ist beim sogenannten Synodalen Weg die Forderung nach Einführung der Gewaltenteilung erhoben worden, wie sie gemäß der weltlichen Rechtskultur vor allem seit Montesquieu in viele moderne Staatsrechte eingeführt wurde. So verdienstvoll die Gewaltenteilung im weltlichen Recht ist, so unvereinbar ist eine solche Vorstellung mit der geistlichen Vollmacht, weil das apostolische Amt sich kraft Wesens nicht in verschiedene Funktionen aufteilen lässt. Der Apostel ist Träger der vollen und ungeteilten Sendung. Andererseits hat das Kanonische Recht schon Jahrhunderte vor der von Montesquieu propagierten Gewaltenteilung die Unterscheidung der Gewaltfunktionen von Gesetzgebung, Rechtsprechung und Verwaltung entwickelt. Dies geschah mit der Einführung der Stellvertreterämter des Generalvikars für die allgemeine Verwaltung und des Offizials (oder Gerichtsvikars) für die Rechtsprechung (vgl. can. 135).

Die geistliche Vollmacht ist die sakramental grundgelegte Ordnungsmacht der Kirche als solcher. Wer über „Macht in der Kirche“ redet und erst recht, wer in dieser Hinsicht Ratschläge geben möchte, muss zuerst wissen, wovon er redet. Die „sacra potestas“ ist Kernstück des katholischen – und auch des orthodoxen –  Kirchenverständnisses. Wer daran rührt, führt die Kirche in eine neuerliche Reformation.

Der Autor ist emeritierter Leiter des Klaus-Mörsdorf-Studium für Kanonistik" an der Universität München

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