Vatikanstadt

Statt Kirchenpolitik braucht es Glaube

Bei dem Aufstand gegen Rom geht es nicht mehr um die „üblichen Verdächtigen“. Jetzt müssen die Bischöfe zeigen, dass sie Hirten sind. Es droht die „Reformation 2.0“. Ein Kommentar.

Debatte um Schreiben der Glaubenskongregation
Blauer Himmel über dem Petersplatz. Das Wort aus Rom zu den Homo-Segnungen ist es wert, auch in Deutschland erklärt zu werden. Foto: Evandro Inetti (ZUMA Wire)

Aus latentem Widerstand ist nun offenes Aufbegehren geworden. Aus gefühltem Ungehorsam, der sich oft hinter einer zumindest verbal vorgetäuschten Kirchlichkeit verbarg, der glatte Abfall von Rom. Das „Responsum“ der Glaubenskongregation auf die Anfrage, ob die Kirche die Vollmacht habe, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen, hat eine Ablehnung erfahren, die über das gewohnte Grummeln der „üblichen Verdächtigen“ hinausgeht, das sich schon seit Jahrzehnten einstellt, wenn Papst und Vatikan Fragen der Lehre und Disziplin bekräftigen, mit denen die Kirche in einer postchristlichen Gesellschaft nur anecken kann.

Jetzt geht es um das Kernpersonal

Doch jetzt geht es nicht mehr um katholische Verbände und Zentralkomitees, die sich etwa seit über fünfzig Jahren an der Sexualmoral der Kirche reiben. Und es geht auch nicht mehr um Theologen, die sich schon im vergangenen Jahrhundert mit „Erklärungen“ gegen Rom stellten. Jetzt geht es um das Kernpersonal: Regenten von Priesterseminaren, Jugendpfarrer und Dekane, Generalvikare und manche Bischöfe selbst.

Damit ist eine neue Schmerzgrenze erreicht. Denn der wunde Punkt geht über den Befund hinaus, dass tatsächlich einiges, was zum katholischen Proprium gehört, in einer postchristlichen Gesellschaft kaum zu vermitteln ist, in der sich der Mensch als Maß der Dinge fühlt: etwa, dass Priester nicht heiraten, die Weihe dem Mann vorbehalten und Sex nur in der Ehe von Mann und Frau möglich ist. Aber warum soll diese Unvermittelbarkeit eine Kirche schrecken, die daran glaubt, dass Gott dreifaltig einer ist, sein Sohn von einer Jungfrau geboren wurde, dann auch noch am Kreuz gestorben und auferstanden ist und uns sein Fleisch und Blut als Speise gibt? Ist heute nicht alles etwas „strange“, was die Kirche zu glauben lehrt?

Es liegt eine "Reformation 2.0" in der Luft

Doch wenn nicht nur Theologen und Verbände versucht sind, unangenehme Glaubenswahrheiten an die angeblich wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse der heutigen Zeit anzupassen, sondern geweihte Amtsträger, die die Aufgabe haben, zu heiligen, als Hirten zu leiten und zu lehren, dann liegt so etwas wie eine „Reformation 2.0“ in der Luft. Denn auch die erste Reformation hat die Sakramentalität der Kirche verletzt und die alte Kirchenordnung zerbrochen. Die Antwort der Glaubenskongregation ist kein lehramtlicher Holzhammer, sondern sie differenziert. Sie erklärt, was die Sakramentalien der Kirche sind und hütet sich davor, irgendein Urteil über Personen zu sprechen, die homosexuell empfinden. Aufgabe der Bischöfe wäre es zu erklären, was die Kirche in der Sorge um gleichgeschlechtliche Paare tun kann und wozu sie keine Vollmacht hat. Einfach zu behaupten, das Wort aus Rom sei „naiv“ und würde Schaden anrichten, leistet nur denen Vorschub, die mit dem „Grundtext“ des Synodalforums I des Synodalen Wegs die Blaupause dafür vorgelegt haben, wie die Kirche deutscher Zunge nach der „Reformation 2.0“ aussehen soll.

Der Gehorsam, zu dem die geweihten Amtsträger verpflichtet sind und den sie bei der Weihe – wissend, worauf sie sich einlassen – versprochen haben, ist ein übernatürlicher Gehorsam, kein Kadavergehorsam oder Automatismus. Er gründet im Glauben. Nur der Glaube der Bischöfe kann noch verhindern, dass es in Deutschland zu einem De facto-Schisma kommt. Da geht es um mehr als um Kirchenpolitik.

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