Sonntagslesung: Gott schafft Ordnung

Jesaja 45, 1.4–6; 1 Thessalon. 1, 1–5b; Matthäus 22, 15–21 Zu den Lesungen des 29. Sonntages im Jahreskreis (Lesejahr A)

Sonntagslesung

Staat und weltliches Recht sind für Gott keine Fremdkörper. Auch wenn er allein Herrscher ist, legitimitiert er Macht.

Die Schöpfung hat nach jüdisch-christlichem Verständnis einen Wert in sich. Denn sie ist „sehr gut“, wie es am Beginn der Heiligen Schrift heißt (Genesis 1, 31). Damit sind auch der Staat und das weltliche Recht Wirklichkeiten, die bereits vor jeder göttlichen Offenbarung ihre Berechtigung haben: „Durch ihr Geschaffensein selber haben alle Einzelwirklichkeiten ihren festen Eigenstand, ihre eigene Wahrheit, ihre eigene Gutheit sowie ihre Eigengesetzlichkeit und ihre eigenen Ordnungen, die der Mensch unter Anerkennung der den einzelnen Wissenschaften und Techniken eigenen Methode achten muß“ (II. Vatikanisches Konzil, „Gaudium et Spes“, Nr. 36). Die erste Lesung (Jesaja 45, 1.4-6) unterstreicht dies, indem Gott die weltliche Macht des Königs Kyrus begründet. Gott ist zwar der alleinige Herr. Aber er legitimiert weltliche Macht.

Im Neuen Testament wird dann die Legitimität weltlicher Macht von unserem Herrn Jesus Christus mit den klassischen Worten unterstrichen: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ (Matthäus 22, 21). Im Unterschied etwa zum Islam ist im Christentum nicht alles von Gott in einem Buch offenbart, sondern teilweise schon in der Schöpfung niedergelegt. Diese soll der Mensch als Mitarbeiter Gottes erkennen und weiterentwickeln. Zu der mit der Vernunft erkennbaren und gestaltbaren Schöpfung gehört auch der Staat sowie dessen Recht, die der Christ anerkennen und achten soll.

Der Philosoph Alexis de Tocqueville hat die jüdisch-christliche Sichtweise auf die Welt einmal so beschrieben: „Die Größe und Heiligkeit des Christentums besteht darin, dass es nur in der natürlichen Sphäre der Religion herrschen will, und den ganzen Rest den freien Bewegungen des menschlichen Geistes überlässt“. Das trifft zu, wenn man unter der „Religion“ ihre institutionalisierte Form versteht: Jesus lehnt den Gottesstaat ab, in dem der religiöse Führer zugleich der weltliche Herrscher ist. Denn eben: Es gibt den Kaiser, dem man Steuern (und damit Gehorsam) in weltlichen Dingen schuldet. Dies bedeutet aber nicht, dass der Christ keine Verantwortung tragen würde für Staat und Gesellschaft.

Vielmehr sagt das Zweite Vatikanische Konzil: „Aufgabe der Laien ist es in besonderer Weise, alle zeitlichen Dinge, mit denen sie eng verbunden sind, so zu durchleuchten und zu ordnen, dass sie immer Christus entsprechend geschehen und sich entwickeln und zum Lob des Schöpfers und Erlösers gereichen“ („Lumen Gentium“, Nr. 31). Denn nicht nur im Kirchengebäude sind wir Christen, sondern auch im Raum der Schöpfung, zu deren Ausgestaltung und Heiligung uns Gott berufen hat.