Vatikanstadt

Sie sind Lehrmeisterinnen des Betens

Ostat sexus hieß es zunächst. Dann kam es anders. Vor fünfzig Jahren ernannte Papst Paul VI. Teresa von Avila und Katharina von Siena zu Kirchenlehrerinnen.

Leben und Wunder der Heilgen Theresa von Avila
Leben und Wunder der Heilgen Theresa von Avila. Foto: imago stock&people

Obstat sexus, das Geschlecht steht dem entgegen, war die knappe Antwort, die Papst Pius XI. im Jahr 1922 gab, als erstmals die Frage aufkam, ob eine Frau, in diesem Fall Teresa von Avila, zur Kirchenlehrerin ernannt werden könne. Der Grund für die Initiative war die Verleihung der Ehrendoktorwürde an die spanische Ordensfrau durch die wohlgemerkt weltliche Universität von Salamanca.

Zwei Kirchenlehrerinnen

Tatsächlich dauerte es bis zum Jahr 1970, bis die Fähigkeit von Frauen, die Kirche zu lehren, kirchenamtlich bestätigt wurde. Dann aber waren es gleich zwei Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts, denen diese Ehre zuerkannt wurde. Deren Zahl hat sich inzwischen durch die Ernennung von Therese von Lisieux und Hildegard von Bingen verdoppelt. Als Papst Paul VI. mit Teresa von Avila und Katharina von Siena den Kreis der Kirchenlehrer erweiterte, stellte er zwei Ordensfrauen in den Fokus, die auf unterschiedliche Weise beträchtliche Wirkung entfaltet hatten.

50 Jahre nach diesem Ereignis stellt sich nun die Frage: was hat es gebracht? Was hat sich durch die Erhebung von Theresa von Avila und Katharina von Siena in deren Wahrnehmung durch die Orden der Karmeliten und Dominikaner verändert?

Lehrmeisterin der Karmeliten

Fragt man Pater Ulrich Dobhan, Provinzial der Unbeschuhten Karmeliten und als Visitator zuständig für die weiblichen Klosterangehörigen des Ordens in Deutschland, ist die Antwort klar. Mit Teresa von Avila ist den Karmeliten eine Lehrmeisterin des Betens geschenkt worden, die in exemplarischer Weise vorgelebt hat, was die Freundschaft mit dem menschgewordenen Gottessohn bedeutet. Teresas Spiritualität vermitteln die Karmeliten seit ihrer Erhebung zur Kirchenlehrerin gezielt in Kursen zum inneren Beten oder der Veröffentlichungsreihe der Karmelimpulse.

Das Bedürfnis nach dem Erlernen des Gebets ist groß, bestätigt der Ordensmann im Gespräch mit dieser Zeitung. Und er verweist all jene, die nicht an den Kursen teilnehmen können, auf die Lektüre der Schriften Teresas, besonders auf Kapitel 4, Abschnitt vier ihres Buches Weg der Vollkommenheit, in dem Teresa schildert, wie man die performative Freundschaft mit Jesus Christus beginnen und stetig vertiefen kann. Aber auch der Briefwechsel der Heiligen ist laut Pater Ulrich eine Fundgrube für die Entdeckung der Kirchenlehrerin Teresa. Denn hier lernt man die menschliche Seite der Heiligen, ihre faszinierende charismatische Persönlichkeit kennen und erfährt, dass sie sich mit denselben Alltagsproblemen herumschlagen musste, wie wir.

Große Bedeutung für den Orden

Natürlich hat die Erhebung Teresas zur Kirchenlehrerin auch die Studien über die Heilige erheblich vermehrt. Dabei gab es, wie der Ordensmann betont, einen Perspektivwechsel weg von der Hagiografie hin zu einer historisch kritischen Sichtweise, die Leben und Wirken Teresas in ihren historischen Kontext einordnet und sie so den Menschen unserer Zeit zugänglich macht. Dabei behalte der hagiografische Zugang seinen Wert, so Dobhan, es sei ihm aber persönlich wichtig, Teresa nicht als weit entfernte Heilige, sondern als nahe geistliche Wegbegleiterin erfahrbar zu machen.

Für den Orden der Dominikaner hatte die Erhebung Katharina von Sienas zur Kirchenlehrerin eine ganz ähnliche Bedeutung. Schwester Maria Benedikta Rickmann, die 2019 ihre ewige Prozess im Kloster in Regensburg ablegte, betont ebenfalls die große Bedeutung, die Katharinas Einführung ins Gebet für ihre Ordensbrüder und -schwestern hat. Als zweites wesentliches Element fügt Schwester Benedikta den geistlichen Kampf hinzu, bei dessen Bestehen die Erfahrungen, die Katharina von Siena selbst auf diesem Feld gemacht hat, sehr helfen können.

Eifrige Briefschreiberin

Und wie bei Teresa von Avila erweisen sich auch bei Katharina von Siena die vielen mit Menschen aller Schichten gewechselten Briefe als Schlüssel zu ihrem geistlichen Weg. Für Schwester Benedikta wie für ihre Ordensgemeinschaft ist es durchaus von hoher Bedeutung, dass mit Katharina von Siena eine Frau in den Stand der Kirchenlehrer erhoben worden ist. So wird deutlich, dass Frauen und Männer gleichermaßen durch ihr Lebenszeugnis Wegweiserinnen und Wegweiser zu Christus und damit Lehrerinnen und Lehrer des Glaubens sein können. Dabei geht es nicht darum, einen Anspruch auf Machtteilhabe zu erheben. Denn zu lehren ist in erster Linie ein Anspruch an einen selbst. Dabei geht es nicht darum, etwas zu bekommen, sondern etwas zu geben. Und das gelingt nur, wenn man selbst begriffen hat, was man vermitteln möchte und vorlebt, wozu man einlädt.

In das Gesamt eingefügt

Obwohl die heiligen Frauen Teresa von Avila und Katharina von Siena durchaus streitbar waren und ihrer Stimme Gehör verschafften, hatten beide die Gabe, sich in das Gesamt der Kirche einzufügen und mit Geduld und Fantasie Wege zu suchen und zu finden, ihr Charisma in den Dienst der anderen zu stellen. Damit sind sie im eigentlichen Sinne Kirchenlehrerinnen. Denn es ist das Kennzeichen einer guten Lehrerin, dass sie sich selbst nicht in den Weg stellt, sondern vielmehr anderen den Weg weist.

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