Bonn/Wien

Schrift und Tradition statt Betroffenheit

Wie pastoral ist es, wenn Bischöfe gegen eine lehramtliche Klarstellung aus Rom polemisieren? Und wie akademisch, wenn Theologen dasselbe ohne Argumente tun? Ein Kommentar.

Debatte um Segnung homosexueller Paare
Wenn Bischöfe beginnen, andere Verbindungen als die Ehe bzw. das Eheversprechen zu segnen, mögen sie definieren, welche und unter welchen Bedingungen. Alles andere wäre eine Zumutung für Gläubige und Seelsorger. Foto: ANDREW COWIE (AFP)

Was er Betroffenen jetzt sagen solle, fragt ein Pfarrer, nachdem sein Bischof öffentlich erklärte, wie traurig er über das „Nein“ der Glaubenskongregation sei und warum er mit einer Segnung homosexueller Partnerschaften kein Problem habe. Soll der römisch-katholische Pfarrer Rom folgen oder seinem Bischof, dem er bei der Weihe Gehorsam versprach? Wohlgemerkt: Personen segnet die Kirche ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung. Hier geht es darum, auf welcher Partnerschaft Gottes Segen ruht.

Priestern den Gewissenskonflikt abnehmen

Gewiss werden hier und dort nun solche Paare beim Pfarrer anklopfen und um die feierliche, rituelle Segnung ihres Lebens- oder Lebensabschnitts-Bundes bitten. Wenn Bischöfe – wie in Deutschland und Österreich vielfach geschehen – sich öffentlich dafür aussprechen, sollten sie konsequenterweise ihren Priestern den Gewissenskonflikt abnehmen und allen Seelsorgern anbieten, bei entsprechenden Anfragen ihre bischöfliche Handynummer zur Terminvereinbarung weiterzureichen.

Vielleicht könnten jene Oberhirten, die sich enttäuscht bis verstört über das vom Papst approbierte Nein äußerten, in ihrem Amtsblatt klarstellen, welche Formen des Konkubinats sie noch zu segnen wünschen. Es gibt ja nicht nur homo-, sondern auch heterosexuelle Formen nichtehelichen Zusammenlebens, die irgendwie an Treue, Liebe und Verantwortung orientiert sind. Sollen die diskriminiert werden? In der „Lebenswirklichkeit“ finden wir Poly- und Bigamisten; Polyamorie liegt voll im Trend.

Wenn Bischöfe beginnen, andere Verbindungen als die Ehe bzw. das Eheversprechen zu segnen, mögen sie definieren, welche und unter welchen Bedingungen. Alles andere wäre eine Zumutung für Gläubige und Seelsorger. Schön wäre zudem, wenn es so etwas wie eine theologische Begründung gäbe. Auch im Zeitalter von Betroffenheit und Empörung sollte sich das bischöfliche Lehramt (der Begriff sei gestattet) nicht selbst davon dispensieren, eigene Meinungen theologisch zu argumentieren. Danach sucht man leider auch in der Stellungnahme der mehr als 200 Theologinnen und Theologen deutscher Zunge vergebens. Erstaunlich, angesichts der Vorwürfe, die diese teilweise hochkarätige Akademikerschar gegen die Glaubenskongregation erhebt: Der römischen Note mangle es „an theologischer Tiefe, an hermeneutischem Verständnis sowie an argumentativer Stringenz“, heißt es in dem Theologen-Papier. Eine theologische Argumentation mit Verweis auf Schrift und Tradition sucht man darin vergebens.

Christlicher Glaube beruht auf der Selbstmitteilung Gottes

Wenn Theologen der Meinung sind, die Kirche könne andere als eheliche Verbindungen segnen, wären wir schlichten Gläubigen dankbar, dafür eine theologische Beweisführung offeriert zu bekommen. Das Christentum – daran muss man wohl nicht erinnern – ist nun einmal nicht einfach „Religion“, schon gar nicht im Sinn Feuerbachs. Lehramt und Lehrende schnitzen sich nicht einfach einen Gott nach ihrem Abbild und Gleichnis, nach ihren Wünschen und Ängsten. Christlicher Glaube beruht auf der Selbstmitteilung Gottes. Will das Christentum Offenbarungsreligion bleiben, muss sich jede Lehre auf die Waagschalen von Schrift und Tradition legen lassen. Wer also mehr als Meinung und Betroffenheit zu bieten hat, wer außer dem trüben Blick auf Lebenswirklichkeiten und einem subjektiven Eindruck vom Stand der Wissenschaften (welchen eigentlich?) theologische Argumente für die Segnung homosexueller Partnerschaften hat, der ergreife das Wort.

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