Bagdad

"Schon jetzt hat sich die Wahrnehmung der Christen im Land verändert"

Regina Lynch, Projektkoordinatorin von Kirche in Not/ACN International, war als Vertreterin des Ostkirchennetzwerks ROACO Teil der Reisedelegation des Papstes im Irak. Sie ist überzeugt: Der Besuch hat schon jetzt Positives bewirkt

Franziskus im Irak
Das weltweite Interesse an dem Besuch des Papstes sei riesig gewesen, meint Projektkoordinatorin Lynch. Sie hofft, das motiviere die internationale Gemeinschaft, im Irak zu helfen. Foto: VATICAN MEDIA /CPP / IPA via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Frau Lynch, der Papst ist wieder zurück in Rom: Was außer schönen Bildern bleibt von seinem Besuch im Irak?

Ich glaube viel. Der Heilige Vater mahnte Religions- und Gewissensfreiheit und volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung für alle Iraker an, egal welcher Religion. Das steht als Auftrag im Raum. Und schon jetzt hat sich die Wahrnehmung der Christen im Land verändert. Das hat mir der Patriarch der chaldäischen Kirche, Kardinal Louis Raphael Sako, versichert. Durchschnittliche Iraker verstehen jetzt, dass Christen keine Gäste aus dem Westen sind, sondern echte Iraker, die immer hier waren und zum Land und zur Region gehören. Wir hoffen, dass diese neue Aufmerksamkeit erhalten bleibt. Von großer Bedeutung waren die interreligiösen Begegnungen. Besonders bedeutsam und positiv war dabei das Treffen mit dem Schiitenführer Großajatollah Ali Al Sistani. Mitglieder der vatikanischen Delegation sagten, dass sie beeindruckt waren von der Bescheidenheit des Mannes. So stand er auf, um den Papst zu empfangen und zu verabschieden, was wohl ungewöhnlich ist. Sein Einfluss auf die schiitische Mehrheit im Irak ist groß.

Sie haben die Reise des Papstes in den Irak als Teil seiner Delegation aus nächster Nähe verfolgt. Was hat Sie persönlich am meisten beeindruckt?

Es gab viele beeindruckende Momente. Der emotionale Höhepunkt war für mich aber zweifellos der Besuch in der christlichen Stadt Karakosch am Sonntag. Das war ein Ausbruch der Freude. Tausende Menschen säumten jubelnd den Weg des Papstes. Ich sah Ordensfrauen tanzen. Bedenken Sie: Das waren die Leute, die 2014 vor dem IS fliehen mussten und den Mut hatten, zurückzukommen und den Neuanfang zu wagen. Sie verdienten deshalb jede Minute der Aufmerksamkeit des Papstes. Er sah hier wirklich die lebendigen Steine der Kirche im Irak. Besonders bewegend bei der Feier in Karakosch war das Zeugnis einer Christin, deren Sohn vom IS getötet worden war. Sie gab ein Beispiel der Vergebung aus dem Glauben. Das hat mich zutiefst berührt.

Der Papst hat die Christen des Irak aufgerufen, Werkzeuge des Friedens und der Vergebung zu sein. Muss das die Menschen nach all den erlebten Schrecken nicht überfordern?

Natürlich ist das nicht einfach. Und nicht jeder wird es können. Aber aus dem christlichen Glauben heraus ist das möglich. Die Zeugnisse, die während der Reise gegeben wurden, zeigen das eindrucksvoll. Das christliche Beispiel der Vergebung ist wichtig für den ganzen Irak.

Nun sind die Christen eine kleine Minderheit im Irak. Können sie wirklich in einem derart zerrissenen Land wie dem Irak einen Prozess der Versöhnung anstoßen?

Der Papst hat das Wort aus dem Evangelium vom Senfkorn benutzt. Es geht nicht um Zahl oder Größe, sondern um den Beitrag, den Christen aus ihrem Glauben an Gott heraus leisten können. Und unterschätzen Sie nicht den Respekt, den Christen auch heute noch im Irak genießen. Ich konnte in Bagdad mit einem Minister sprechen, der mir das versicherte. Es seien die Extremisten, die das Klima in den letzten Jahren vergiftet hätten. Er lobte besonders den christlichen Beitrag zur Bildung, die Schulen etwa. Kirche in Not unterstützt deshalb Bildungsprojekte als Investition in die Zukunft. Zuletzt haben wir Stipendien für die Katholische Universität von Erbil bewilligt. Das kommt nicht nur Christen zugute, sondern auch anderen bedürftigen und benachteiligten Gruppen. So werden im Miteinander Vorurteile abgebaut. Und gut ausgebildete Christen können wieder ihren Beitrag als Ärzte und Ingenieure leisten, für den sie immer so geschätzt wurden.

Der IS ist besiegt. Der Wiederaufbau christlicher Häuser und Kirchen ist in vollem Gange. Ist die Zukunft der irakischen Christen damit gesichert?

Wichtige Schritte sind gemacht. Aber der Weg ist noch lang. Viele Christen fürchten, dass der IS zurückkommt. Die irakische Regierung muss endlich effektiv für Sicherheit sorgen. Sie muss eine schlagkräftige Polizei anstelle der Milizen setzen. Außerdem brauchen die Christen, die nach der Flucht vor dem IS in ihre Heimatorte zurückgekehrt sind, wirtschaftliche Perspektiven. Sollen die Christen in ihren angestammten Orten bleiben können, brauchen sie Jobs. Das ist auch eine Anfrage an die internationale Gemeinschaft.

Glauben Sie, dass der Papstbesuch die dafür nötige Aufmerksamkeit verschafft hat?

Hoffentlich. Das weltweite Interesse an dem Besuch war jedenfalls riesig. Es gab eine große internationale Medienbegleitung. Ich hoffe, das motiviert die internationale Gemeinschaft, im Irak zu helfen. Denn die Herausforderungen bleiben groß. Man muss ehrlicherweise sagen, dass manche Regierungen viel investiert haben. Andere waren da eher zurückhaltend. Der Job von Hilfswerken wie Kirche in Not und anderen ist jetzt jedenfalls, diese Aufmerksamkeit zu nutzen und unsere Spender, aber auch Regierungen zu Hilfe für die religiösen Minderheiten im Irak zu motivieren.

Was wären die nächsten Schritte?

Wir von Kirche in Not arbeiten derzeit vor allem am Wiederaufbau vom IS zerstörter Kirchen und kirchlicher Einrichtungen. Es war für uns, aber besonders auch für unsere Wohltäter deshalb eine große Freude, als das Oberhaupt der syrisch-katholischen Kirche, Patriarch Ignatius Joseph III. Younan, in einem Grußwort an den Papst Kirche in Not neben anderen Hilfswerken ausdrücklich dankte für die Hilfe beim Wiederaufbau. Entscheidend ist aus unserer Sicht aber vor allem die Unterstützung der pastoralen Arbeit der Kirche. Die jungen Menschen und Familien brauchen Stärkung und Unterweisung im Glauben. Wir haben jetzt gesehen, wie jung diese Kirche ist.

Glauben Sie, dass der Papstbesuch Christen bewegen wird, im Irak zu bleiben oder zurückzukehren?

Das kommt darauf an. In Bagdad konnte ich mit einem irakischen Christen sprechen, der sich in Jordanien ein neues Leben aufgebaut hat. Er hat mir gesagt, dass er nicht zurückkehren wird. Das gilt sicher auch für viele andere. Andererseits gibt es auch hoffnungsvolle Zeichen. Der neue syrisch-katholische Erzbischof von Mossul, Nizar Semaan, hat mir gesagt, dass er zuversichtlich ist, dass seine Gläubigen wenigstens in der kurdischen Autonomieregion bleiben werden. Dort ist die Sicherheitslage besser als im Rest des Landes. Es gibt auch bessere Jobmöglichkeiten. Vielleicht ist das Schlimmste vorbei, was die Abwanderung angeht.

 

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