IM BLICKPUNKT

Schisma mit Ansage

Das Nein der römischen Glaubenskongregation zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare sorgt hierzulande für Widerstände: Seelsorger haben für den 10. Mai zu "bundesweiten Segnungsgottesdiensten für Liebende" aufgerufen. Eine Spaltung kann nun nur noch durch das Eingreifen des Papstes verhindert werden.

Homosexuelles Paar Kirche
Obwohl die römische Glaubenskongregation der Segnung gleichgeschlechticher Paare eine Absage erteilt hat, rufen Seelsorger hierzulande für den 10. Mai zu "bundesweiten Segnungsgottesdiensten für Liebende" auf. Foto: P.Razzo (CIRIC)

Man kann das österliche Schweigen in vielen Bischofskirchen über die Situation der Krise in Deutschland als Ausdruck der Freude über das Fest werten. Die Gläubigen durften in diesem Jahr wieder Präsenzgottesdienste feiern und sehnten sich in schwierigen Zeiten nach einer unbelasteten Stunde. Man kann auch eine gewisse Ratlosigkeit der Amtsträger über das de-facto-Schisma der Ortskirche darin erkennen, dass an einen einstimmigen Aufruf der deutschen Bischöfe zur Einheit nicht zu denken ist. Bischof Georg Bätzings Predigtwort, er leide an der Kirche, wenn sie durch Skandale gläubige Menschen ins Wanken bringt oder durch erstarrte Strukturen und mangelnde Veränderungsbereitschaft vielen den Zugang zum Glauben blockiere, ist durchaus als Seitenhieb auf Rom zu verstehen. Denn der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz hadert mit dem Nein der römischen Glaubenskongregation zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Radikaler gab sich Essens Bischof Franz-Josef Overbeck in der Karwoche: Jeder Bischof „muss vor Ort sehen, wie er das lebt und umsetzt, was möglich ist“, erläuterte er den Gläubigen seine Haltung.

Soll das Kirchenvolk die Untreue der Bischöfe akzeptieren?

Was nun? Soll das Kirchenvolk dazu erzogen werden, bischöfliche Untreue gegenüber dem Weiheversprechen und simplen Ungehorsam gegenüber der Pflicht zur Wahrung der Einheit quasi als pastoralen Imperativ zu akzeptieren? Zweifellos hat sich in etlichen Gemeinden seit Jahren die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare so wie alle Sonderwege etabliert. Was Pfarrer A aufgrund seines gläubigen Gewissens ablehnt, erlaubt Pfarrer B in der Nachbargemeinde ohne Bedenken. Das war nichts Neues: So wurde erst die Moraltheologie, dann die Sakramentenpastoral untergraben. Doch das Beispiel gespaltener Anglikaner könnte als warnendes Beispiel dienen: Die Einheit der Kirche ist nicht grenzenlos belastbar. Wenn Pfarreien die Regenbogenflagge an der Kirche hissen und Seelsorger für den 10. Mai zu „bundesweiten Segnungsgottesdiensten für Liebende“ aufrufen, klingt das nach einem Schisma mit Ansage.

Der Vatikan wird es nicht bei mahnenden Worten belassen

Ein ausländischer Beobachter vergleicht die Haltung der Katholiken in Deutschland treffend mit einer Faust, die in die offen ausgestreckte Hand von Papst Franziskus geschlagen wurde. Dessen Brief an die Katholiken in Deutschland war ein redlicher Versuch, die Spannungen rund um den Synodalen Weg gütlich zu lösen. Doch nichts deutet derzeit auf ein Einlenken der Mehrheit der deutschen Bischöfe hin. Auch wenn sich einzelne Hirten der Spaltung widersetzen, dürfte sich nur eine Minderheit der Gläubigen hinter sie stellen. Und in beiden Lagern wird die Frage auftauchen, ab wann der Punkt erreicht ist, an dem Kircheneinheit nur noch Selbstzweck ist. Allein aus ökumenischen Gründen erscheint die Erwartung unrealistisch, dass der Vatikan es nach dem 10. Mai bei mahnenden oder begütigenden Worten belässt.

Der Dialog mit der Orthodoxie hat sich gut entwickelt, ein Schisma kann sich der Vatikan eigentlich nicht leisten. Im Unterschied zur katholischen Kirche steht die orthodoxe Kirche zumindest nach außen geschlossen zum Nein zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Nun ist der Papst an der Reihe, eine Lösung für die rebellischen Söhne und Töchter der katholischen Kirche nördlich der Alpen zu finden.

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