Berlin

Scharfe Töne von Maas: Der Außenminister kritisiert Kirche

Außenminister Maas fordert Transparenz im Umgang der Kirche mit Missbrauchsfällen. Kardinalstaatssekretär Parolin hebt in Berlin den Einsatz der Kirche für den Frieden hervor.

Pietro Parolin , Heiko Maas und Nikola Eterovic (v. l. n. r.)
Pietro Parolin (links) besuchte Berlin, um das 100-jährige Bestehen der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Vatikan zu würdigen. Der Kardinalstaatssekretär traf in der deutschen Hauptstadt Bundesminister Heiko Maas (mitte) und den Apostolische Nuntius Nikola E... Foto: Gordon Welters (KNA)

Unter dem Titel „Rom in Berlin – 100 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Deutschland“ hat das Zentralinstitut für Katholische Theologie der Humboldt-Universität zu Berlin das Jubiläum beider Staaten kürzlich gewürdigt. Das wissenschaftliche Symposion war ursprünglich schon im Vorjahr geplant und musste wegen der Corona-Pandemie verschoben werden.

Maas: Kirche hat einen "steinigen Weg der Aufarbeitung und der Reformen“ vor sich

Der Bundesminister des Auswärtigen Heiko Maas zitierte Papst Paul VI.: „Wenn Du Frieden willst, arbeite für die Gerechtigkeit.“ „Als Christ und auch als Katholik“ war der Außenminister davon überzeugt, auch ein persönliches Zeugnis ablegen zu müssen und forderte im Blick auf die aktuellen Missbrauchsfälle in der Kirche „Gerechtigkeit und Transparenz“. Wörtlich sprach Maas vom „steinigen Weg der Aufarbeitung und der Reformen“, den die Kirche zu gehen hätte. Von Reinhard Kardinal Marx, hatte ihn das Rücktrittsschreiben „wirklich tief beeindruckt“. Gleichzeitig zeigte er sich „dankbar, dass er (Marx) der katholischen Kirche in Deutschland und auf der Welt erhalten bleibt“.

Humboldt war tief beeindruckt von Rom

Sabine Kunst, Präsidentin der Humboldt Universität zu Berlin, hatte bereits in ihrem Grußwort auf die Verbindung von Rom und Preußen hingewiesen, die Günther Wassilowsky vom Zentralinstitut für Katholische Theologie an der Humboldt Universität näher erläuterte.
In seinem Vortrag „Wilhelm von Humboldt in Rom. Diplomatie zwischen Preußen und dem Heiligen Stuhl ein Jahrhundert vor der Gründung der Berliner Nuntiatur“ hatte Wassilowsky Humboldt als preußischen Gesandten in Rom vorgestellt. Er konstatierte bei Humboldt eine geradezu distanzlose Begeisterung des jungen preußischen Gesandten für die Stadt Rom. In der Instruktion von 1802 wird noch der Berliner Blick auf ein antiaufklärerisches und gar rückständiges Rom mit seiner „göttlichen Anarchie“ spürbar. Humboldts Romerfahrungen waren hingegen aber die glücklichsten und intellektuell anregendsten Jahre in seinem Leben, stellte Wassilowsky fest. Für Humboldt ist Rom ein ästhetisches und historisches Symbol für „das Menschliche und Humanität schlechthin“.

Stefan Samerski von der Ludwig-Maximilians-Universität in München brachte unter der Frage „Wie weit ist es nach Canossa?“ die näheren Umstände der Aufnahme diplomatischer Beziehungen im politischen Kontext nach dem Ersten Weltkrieg in den Blick. Er schildert, wie geradezu überstürzt und trotz fehlender Ernennungsschreiben Eugenio Pacelli 1920 Nuntius in Berlin wurde. Nur so gelang es, dass noch vor den Briten oder Franzosen, Pacelli zum dienstältesten Diplomaten in Berlin wurde und das ehrenvolle Amt des Doyens des diplomatischen Korps übernahm. Dass der Stellvertreter des Papstes dieses Amt erhielt, störte nicht einmal mehr die Sozialdemokraten, die Hauptsache, es wurde nicht der Vertreter eines ehemaligen Kriegsgegners.

Katholizismus der Weimarer Republik sei von Klerikalismus geprägt

In ihrem Vortrag „In der Republik der Außenseiter. Katholiken in der Weimarer Republik“ fasste die Historikerin Birgit Aschmann von der Humboldt Universität einige Beobachtungen thesenartig und provokant zusammen. Die Laien hätten im Verbandskatholizismus schon sehr früh Klerikern Führungspositionen überlassen. Die Mitwirkung von katholischen Frauen sei begrenzt gewesen. Insgesamt sei es zu einer Klerikalisierung und Maskulinisierung der religiösen Identitäten gekommen; und auch die liturgische Bewegung sei eine Frömmigkeitsreform für Männer gewesen. Der Katholizismus als eine „Religion der Unterwerfung“ habe schließlich den bedingungslosen Gehorsam in der Zeit des Nationalsozialismus begünstigt.

Der Jurist Christian Waldhoff von der Humboldt-Universität erläuterte unter der Überschrift „Universalität und Partikularität“ seine völkerrechtlichen Beobachtungen zu den diplomatischen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Deutschland. Dabei stellte er die deutschen Verfassungen von 1871, 1919 und 1949 in den Mittelpunkt und hob hervor, dass die Weimarer Verfassung auch den föderalen Ländern eigenständige diplomatische Beziehungen ermöglichte.

Georg Essen vom Zentralinstitut für Katholische Theologie der Humboldt Universität wies auf das Verhältnis von Staat und Kirche in Theologischer Perspektive hin. Er zog eine Linie von Lehrschreiben Papst Leos XIII. bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, dessen Texte sich mit der Demokratie ausgesöhnt hatten, auch ohne dass die demokratischen Verfassungen innewohnende „Volkssouveränität“ je kirchlich-theologisch sanktioniert worden sei.

Parolin betont die Rolle der Kirche für den weltweiten Frieden 

Zum Schluss zog Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin sein Resümee der Tagung. Jubiläen „laden dazu ein, über die Vergangenheit nachzudenken, um in Fülle die Gegenwart zu leben und sich mit Mut und Vertrauen auf den Weg in die Zukunft zu machen.“
Dankbar wies Parolin darauf hin, dass die diplomatischen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Deutschland „nicht immer einfach waren, aber Gott sei Dank nie unterbrochen wurden“. Das „Reichskonkordat“, so Parolin, sei ein „wichtiges Instrument zum Schutz der katholischen Kirche“ vor der nationalsozialistischen Diktatur geworden. Inzwischen seien gut 50 Abkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und den einzelnen Bundesländern geschlossen worden.

Papst Franziskus spreche angesichts vieler weltweiter Konflikte wiederholt von einem „stückweisen Weltkrieg“. So fragte der Papst schon im Februar 2017: „Warum gelingt es der internationalen Gemeinschaft mit ihren Organisationen nicht, all das zu verhindern oder zu stoppen? Haben wirtschaftliche und strategische Interessen mehr Gewicht als das allgemeine Interesse am Frieden? (…) Und das ist in einer Welt, die immer noch gegen Hunger und Krankheiten kämpft, ein skandalöser Widerspruch.“
Den Einsatz der Kirche für den Frieden erläuterte Parolin anhand der jüngsten Reise von Papst Franziskus in den Irak. Von hier und ebenso von dem Treffen mit dem Großimam von Al-Azhar in Abu Dhabi gehe eine neue Phase des Dialogs zwischen Christen und Muslimen aus. An dieser Stelle galt Parolins Dank der Bundesregierung für ihre Migrationspolitik im Jahre 2015.

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