Paris

Sacré Coeur ist ein wahres Refugium geistlichen Lebens

Bis zum 8. Dezember feiert die Basilika auf dem Montmartre in Paris ein Jubiläumsjahr anlässlich ihrer Weihe im Oktober 1919. Ein Gespräch mit dem Pariser Diözesanpriester Dominic Schubert über das Zentrum der Herz-Jesu-Verehrung und Eucharistischen Anbetung der französischen Hauptstadt. Dom Schubert lebt als deutscher Staatsbürger seit dreißig Jahren in Frankreich und ist im sechsten Jahr als Seelsorger und Zeremoniar an der Wallfahrtskirche Sacré-Coeur tätig.

Sacré Coeur
Pilger aus vielen Nationen und Gruppen vereint die Herz-Jesu-Verehrung auf dem Montmartre. Foto: Imago

Pere Schubert, was bestimmt die Seelsorge auf dem Montmartre?

Liturgie und Beichte. Eigentlich müsste ich sagen Liturgie schlechthin, da auch Beichte natürlich Beichtliturgie ist. Jeden Tag werden vier heilige Messen gefeiert, die späteste um 22 Uhr. Vor allem junge Leute besuchen diese Abendmesse – auch werktags. Zudem werden täglich acht Stunden Beichte gehört. Des weiteren finden regelmäßig Einkehrtage statt, Pilgergruppen werden empfangen und begleitet, eine Gruppe junger Erwachsener, „Les laveurs des pieds“ (Die Fußwascher, A.d.R.) ist rund um die Basilika missionarisch tätig, das Katechumenat und Neophytat nehmen einen wichtigen Platz ein, jährlich empfangen um die 15 Erwachsene in der Osternacht die Taufe.

Doch all dies ist verankert in der Liturgie.

Ist das eine Ausnahmeerscheinung in der Stadt?

Nein, Paris ist in dieser Beziehung ohnehin hochlebendig. Sowohl in der Rue du Bac, wo Maria der heiligen Katharina Labouré erschien, in der Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau vom Siege (Notre-Dame des Victoires) und in Saint-Sulpice werden zahlreiche Beichten gehört. Etwas Besonderes ist die Pfarrkirche Saint-Louis d'Antin, die sich in unmittelbarer Nähe zur Gare Saint Lazare und den ganz großen Kaufhäusern wie Printemps und Galeries Lafayette befindet. Zur Pfarrei gehören zwar nur hundert Seelen, doch die Kirche ist ständig voll, weil die Menschen von überall her, auch aus der näheren Provinz kommen, um dort zu beichten und an einer heiligen Messe teilzunehmen. Alle zwei Stunden findet eine Eucharistiefeier statt.

Konnte das im Oktober 2019 eröffnete Jubiläumsjahr auf dem Montmartre in einem so lebendigen Ambiente noch Glanzlichter setzen? Welchen Eindruck haben Sie bisher gewonnen?

Ja, es begann begeisternd und mit einem riesigen Elan. Jeden Tag kamen Gruppen aus verschiedenen Berufssparten: Juristen, Ärzte, Angestellte aus Krankenhäusern, Pfadfinder, aber auch Diözesanpilgerfahrten finden statt, Schülergruppen kommen auf den „Berg der Märtyrer“. Es gab und gibt trotz aller Einschränkungen immer noch drei unterschiedlich lange Jubiläumswege, auf denen gebetet wird. Viele Pilger haben gebeichtet. Das größte Highlight gab es kurz vor der Pandemie: der große Tag mit den Behinderten. Das war ein ganz besonderes Erlebnis.

Inwiefern?

Die Basilika war brechend voll und es war ein Leben zu spüren, gerade bei den behinderten Pilgern, eine unsagbare Freude strahlte auf ihren Gesichtern, viele sichtlich leidgeprüfte Eltern mit ihren behinderten Kindern waren dabei – das war ein Erlebnis. Es muss hinzugefügt werden, dass die Wallfahrt auf dem Montmartre ein großes Potpourri ist. Es kommen Pilger unterschiedlicher Bildungsgrade, Ethnien und Nationen, aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, viele von den Antillen. Letztere leben als christliche Minderheit in den Vororten von Paris, besonders in Saint-Denis, einem als besonders problematisch geltenden Departement. Für viele von ihnen ist der Montmartre ein wahres Refugium.

Da muss der Lockdown ja ein Schock gewesen sein...

Ja, es war ein Schlag, mit dem plötzlich alles unterbrochen wurde. Erstaunlicherweise hatte aber auch das seinen Sinn. In den Wochen des Lockdowns wurde alles konzentrierter und ruhiger. Dabei war auch diese Zeit auf eigentümliche Weise hochlebendig. Selbst bei teilweise geschlossener Basilika hat man gemerkt, dass die eucharistische Anbetung trotzdem ununterbrochen weiterging – zuerst ganz reduziert mit den Schwestern, dann mit den Wallfahrtspriestern und dann kamen sehr schnell wieder Wallfahrer hinzu. Da plötzlich Räume frei wurden, kamen unsere Freunde von „Aux captifs la libération“, einem Wohltätigkeitswerk in Paris, auf die Idee, ob wir nicht Frauen, die im Milieu der Prostitution ihr Leben fristen, Unterschlupf bieten könnten. So gab es für viele dieser Frauen die Gelegenheit zu einer erholsamen Auszeit, zu Führungen auf die Dächer der Basilika mit herrlicher Sicht auf die ganze Stadt, zu kleineren Unterredungen mit den Ordensschwestern die sich um die Basilika kümmern, zur Anbetung in aller Stille. Die Gläubigen haben uns gedrängt, die Kirche wieder zu öffnen. Diese Zeit war tiefer als jene, weit lautere zuvor.

Seit 1885 findet auf dem Montmartre ununterbrochen eucharistische Anbetung statt. Welche Beter kommen heute?

Ganz unterschiedliche Menschen. Es kommen sowohl Professoren, wie auch gänzlich ungebildete Menschen, einfältige und auch gerissenere, erstaunlich viele junge Menschen, viele Studenten, auch viele alte und sehr alte, ja sehr gebrechliche Leute. Manchmal kommen auch Clochards, die für die Nacht ein Dach über dem Kopf brauchen. Es kommen auch einfach fromme, manchmal tieffromme Menschen, jedweden Alters und Geschlechts. Viele von ihnen sind sich der Schwierigkeiten unserer Zeit sehr bewusst, auch der Fragestellungen in Kirche und Gesellschaft. Was sie sichtlich verbindet, ist eine innere, tiefe Bejahung der Kirche inmitten dieser Welt. In diesem Zusammenhang ist es recht bemerkenswert eine verwunderte Distanz festzustellen bezüglich den Fragestellungen des Synodalen Wegs in Deutschland. Manche Wallfahrer fragen mich entgeistert, was das Ganze eigentlich soll, was denn los sei in der Kirche in Deutschland?

Auch in Deutschland gibt es seit dem Kölner Weltjugendtag 2005 eine neue Offenheit für die eucharistische Anbetung. Auch bei jungen Menschen ist Bewegung in die Sache gekommen. Sehen Sie in Frankreich eine ähnliche Entwicklung?

Selbstverständlich. In der nachkonziliaren Zeit war die eucharistische Anbetung immer schlechter angesehen. Die Anbetung hat aber schon vor den Weltjugendtagen wieder an Bedeutung gewonnen. Nicht nur in Paris, sondern auch in Lyon und anderen größeren Städten war eine Erneuerung festzustellen. Das hat gewiss auch mit Johannes Paul II. zu tun und mit seiner tiefen Verbundenheit zum ehemaligen Erzbischof von Paris, Kardinal Jean-Marie Lustiger. Die Rezeption seines Pontifikats in Frankreich war enorm. In gewisser Weise haben die jungen Leute die älteren Lügen gestraft. Lustiger sagte einmal in den Abendnachrichten, sinngemäß, „man sagt, junge Leute beteten nicht mehr an, das ist falsch, man hat ihnen nur nicht von der Gegenwart des Herrn gesprochen; man sagt, junge Leute würden nicht mehr die Sakramente empfangen, sie würden nicht mehr die Beichte empfangen, dies ist falsch, man hat ihnen nur nichts von Verstrickung in Schuld und von Befreiung in Barmherzigkeit gesagt...“ Man darf nicht verschweigen, dass es auch Fehlentwicklungen gab, zuweilen recht ungesunde Übertreibungen. Das hat sich aber größtenteils wieder gelegt.

Was zeichnet die Anbetung auf dem Montmartre aus?

Da auf dem Montmartre 24 Stunden lang Anbetung ist, hat sie den Charakter einer ständigen Einbindung in die Liturgie und vermittelt nie den Eindruck: Jetzt holen wir mal den Heiland heraus. Es ist wie ein ständiger Fluss mit eigener Tonalität. Ich kenne Wallfahrer, die der eucharistischen Anbetung aus, sagen wir, einer vielleicht progressistischen Grundhaltung heraus eher etwas ablehnend gegenüberstehen, auf dem Montmartre aber gut mit ihr zurechtkommen. Zum anderen kommen auch immer wieder orthodoxe Priester und Theologiestudenten, deren grundsätzliche Ablehnung des „ausgesetzten Allerheiligsten“ gewiss keine progressistischen Ansätze hat, und sie nehmen an der Anbetung keinen Anstoß, weil deutlich wird: Es ist eine Fortsetzung der Liturgie. Auch ich erlebe es so, als Liturgie.

Auch die Herz-Jesu-Verehrung, die auf dem Montmartre eine zentrale Rolle spielt, galt eine Weile als alter Zopf. Wie kann man heute Menschen den Sinn dieser Frömmigkeitsform vermitteln?

Im liturgischen Geschehen, das sich fortsetzt in der Anbetung, kann man nicht über das Herz Jesu sprechen indem man behauptet: Ich erkläre euch, wie das funktioniert. Denn mit Erklärungen ist es nicht möglich, sich dieser Frömmigkeitsform zu nähern, sie wächst aus dem Erleben heraus. Sie erwächst aus der eucharistischen Sehnsucht und offenbart sich als eucharistische Begegnung.

Das Nationalgelübde aus dem 19. Jahrhundert, das französische Katholiken mit dem Montmartre verbinden, weckt bei manchen Missverständnisse – es klingt für sie so, als wolle man in der Not einen Pakt mit Gott schließen. Worum geht es in Wirklichkeit?

Die Kritik ist durchaus nachvollziehbar. Wäre es so, wie die Skeptiker es darstellen, erlägen wir der heidnischen Versuchung, einen Pakt mit dem Herrn zu schließen. Dann wäre das Ziel, einen strafenden Gott irgendwie zu beruhigen, ihn auszuzahlen. Die andere Lesart ist, dass viele Franzosen nach dem radikalen Umbruch der Großen Revolution eine Bestandsaufnahme machten und fragten. Wie geht es uns nun? Jede Revolution frisst natürlich ihre Kinder und so war das revolutionäre und postrevolutionäre Leid unsagbar. In der Folge hat Frankreich viele Niederlagen erlebt, bis hin zum verlorenen Krieg gegen Preußen und der Besetzung von Paris 1870, was ein wirklicher Schock für das ganze Land und für jeden Franzosen war.

Was hat die Menschen bewegt?

Die Menschen haben sich gefragt: Müssen wir nicht auch einfach die Zeichen der Zeit erkennen? Wenn man die Sprache der damaligen Zeit filtert, vielleicht etwas entstaubt, erkennt man: Es ging nicht um den strafenden Gott, sondern um einen Aufruf zur Bekehrung. Die Katholiken haben auch nicht die Verantwortung für die Revolution und den folgenden Irrungen und Verwirrungen einfach den anderen zugeschoben, sondern sie haben sich der Geschichte aller Franzosen gestellt, sie haben innegehalten und sie kamen erneut zur Erkenntnis: Ohne den Herrn hat nichts einen Sinn, Geschichte verkommt zu Makulatur.

Wo liegt der Ursprung des Nationalgelübdes?

In der Hinwendung zum Herrn, in der Bekehrung hingegen wird auch Geschichte, auch im Erlittenen, offenbar als Heilsgeschichte. Das ist der Ursprung des „Voeux national“, des Nationalgelübdes, das schließlich dazu führte, dass der Bau der Basilika 1873 im Parlament „abgesegnet“ wurde. Auch heute beobachte ich bei vielen jungen Leuten, die politisch keineswegs in irgendeiner reaktionären Ecke stehen, dass sie das Nationalgelübde unbefangen als Aufruf zur persönlichen Bekehrung annehmen, im Bewusstsein ihrer Einbindung in das Wohl eines ganzen Landes.

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