Moskau

Russische Orthodoxie gibt sich als Schutzmacht für den vergessenen Kontinent

Interkonfessionelle Allianz für die Verteidigung der verfolgten Christen in Afrika: Das russisch-orthodoxe Moskauer Patriarchat will die "leidenden Brüder und Schwestern" des vergessenen Kontinents unterstützen. Diese Profilierung liegt durchaus auf der Linie der Politik Putins.

Patriarch Kirill und Patriarch Theodoros
Ob es Patriarch Kyrill von Moskau (l.) und Patriarch Theodoros II. von Alexandrien und ganz Afrika (r.) gelingt, die Orthodoxie nach innen zu stabilisieren? Foto: Imago images

Die Angehörigen aller Religionen im Nahen Osten oder in Afrika leiden unter dem politischen Missbrauch von Glaubensfragen und der Religionszugehörigkeit für ideologische, ethnische, geostrategische und wirtschaftliche Machtinteressen. Polarisierung, Hass, Ausgrenzung, Diskriminierung, Terror, Verfolgung und Flucht sind die spürbaren Folgen im Alltag der Menschen. Sie treffen auch Christen mit aller Härte.

Experten vor Ort

Die verschiedenen Kirchen und Konfessionen setzen sich gegen diesen vielfältigen Missbrauch der Religion ein und lindern das daraus erwachsende Leid. Laien, Priester, Ordensleute und Bischöfe der ortsansässigen Kirchen in diesen Regionen leisten dabei großartige Arbeit. Sie sind zu Experten geworden im interreligiösen Dialog, in der Gewaltprävention, bei Versöhnungsinitiativen, der Flüchtlingsarbeit oder der Hilfe in humanitären Notlagen. Diese Aufgaben gehören zu ihrer alltäglichen Seelsorge. Kirchliche Hilfswerke wie das Internationale Katholische Missionswerk missio Aachen unterstützen sie dabei.

Ökumenische Solidarität

Die Kirchen im Nahen Osten und Afrika empfinden diese ökumenische Solidarität von Christen aus aller Welt gerade in Situationen von Bedrängnis und Verfolgung als große Stärkung. Weltkirchliche Netzwerke über alle Konfessionsgrenzen hinweg helfen konkret. Insofern ist es für die Kirchen in Afrika eine wichtige Nachricht, wenn das Moskauer Patriarchat der Russischen Orthodoxen Kirche die Gründung einer interkonfessionellen „Allianz für die Verteidigung der verfolgten Christen in Afrika“ vorschlägt, wie jetzt der Informationsdienst Pro Oriente und andere Medien melden. Die Unterstützung der „leidenden Brüder und Schwestern“ sei eine „historische Aufgabe“ der russisch-orthodoxen Kirche, wird Metropolit Hilarion zitiert, Leiter des Außenamtes des Patriarchates. Denn nach seinen Worten entwickelt sich Afrika zu einem Epizentrum der Unterdrückung von Christen, für die er stärkere humanitäre Initiativen fordert und ankündigt.

Politisch motiviert

Um die Bedeutung und Belastbarkeit dieser Ankündigung einschätzen zu können, werden sich die Verantwortlichen der Kirchen in Afrika genau deren Kontext vergegenwärtigen. So platziert die russisch-orthodoxe Kirche diese Initiative zum Zeitpunkt eines fundamentalen innerorthodoxen Streites um Einflusssphären, dessen Ursache die Errichtung einer eigenständigen Orthodoxen Kirche in der Ukraine 2018 ist. Diese Gründung während der militärischen ukrainisch-russischen Auseinandersetzungen wird von der russischen Orthodoxie abgelehnt und hat zu einem seitdem schwelenden Konflikt mit der griechisch-orthodoxen Kirche geführt.

Die russische Orthodoxie kündigt die Kommuniongemeinschaft mit allen orthodoxen Kirchen auf, die die autokephale Orthodoxe Kirche in der Ukraine anerkannt haben. Und dazu zählt eben auch die griechisch-orthodoxe Kirche von Alexandrien und ganz Afrika unter Patriarch Theodoros II., die – neben anderen wie etwa der Äthiopischen orthodoxen Kirche – die Interessen der orthodoxen Christen in eigenen Diözesen in knapp 20 Ländern Afrikas vertritt. Von dieser Kirche wird die russisch-orthodoxe Ankündigung einer interkonfessionellen „Allianz für die Verteidigung der verfolgten Christen in Afrika“ sehr kritisch betrachtet werden. Für Unmut sorgten schon unter anderem sogenannte Tadelbriefe der russischen-orthodoxen Kirche etwa an den alexandrinischen Metropoliten von Mosambik.

Gutes Verhältnis zu Putin

Der russisch-orthodoxe Vorschlag einer interkonfessionellen „Allianz für die Verteidigung der verfolgten Christen in Afrika“ kann zudem auf der Folie des neuen strategischen politischen Interesses Russlands an Afrika gelesen werden. Schließlich pflegen Patriarch Kyrill II. und Russlands Präsident Putin ein gutes Verhältnis. So fand im Oktober 2019 im russischen Sotschi ein Russland-Afrika-Gipfel statt, zu dem Vertreter von 54 afrikanischen Staaten eingeladen waren. Dort wurden neben Sicherheits- und politischen Fragen auch Geschäftsverhandlungen im Energiesektor, zur Ausbeutung von Rohstoffen, zum Export von Getreide und im Rüstungsbereich geführt. In Libyen und der Zentralafrikanischen Republik etwa sind aktuell russische Sicherheitsdienste und Berater aktiv.

"Diese russisch-orthodoxe globale kirchliche Diplomatie
unterfüttert nicht zuletzt Russlands Anspruch,
eine neue Art Schutzmacht der verfolgten
Christen im Nahen Osten und Afrika zu sein."

Im Anschluss an den russischen Afrika-Gipfel haben dann im November 2019 verschiedene Organisationen unter maßgeblicher Leitung der russisch-orthodoxen Kirche zum sogenannten Zweiten Gipfeltreffen der Führer der Weltreligionen in die aserbeidschanische Hauptstadt Baku eingeladen. An dieser interreligiösen Konferenz nahmen rund 300 Vertreter verschiedener Religionen und Konfessionen aus 32 Ländern teil – darunter zwölf afrikanischen Ländern.

Viel Emphase

Hier sprach der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill II. mit großer Emphase von einem „Genozid“ an den Christen in Nigeria und wies auf eine entsprechend aus seiner Sicht neu zu beobachtende Christenfeindlichkeit („Christianophobie“) in Afrika hin. Parallel war der russisch orthodoxe Metropolit Hilarion im November 2019 in Budapest Gast der II. Internationalen Konferenz zur Lage der verfolgten Christen gewesen.

Diese russisch-orthodoxe globale kirchliche Diplomatie unterfüttert nicht zuletzt Russlands Anspruch, eine neue Art Schutzmacht der verfolgten Christen im Nahen Osten und Afrika zu sein. In diesem Zusammenhang ist auch das langjährige Bemühen von Patriarch Kyrill II. zu lesen, den identitätspolitisch aufgeladenen Begriff „Genozid an den Christen“ in der Öffentlichkeit stärker zu etablieren, von dessen fundamentaler Notwendigkeit er nach eigenen Angaben übrigens Papst Franziskus 2016 bei einem Gespräch in Havanna überzeugt haben will.

Verhaltene Reaktionen

Bisher scheinen die Reaktionen aus Afrika und dem Nahen Osten auf die neue Initiative der russisch-orthodoxen Kirche zurückhaltend auszufallen. Die Verantwortlichen der Kirchen in Afrika und dem Nahen Osten wissen um die Komplexität ihrer Lage und wägen anscheinend genau die möglichen politischen Instrumentalisierungspotenziale solcher Allianzen und deren Auswirkungen auf ihren eigenen kirchlichen Alltag ab.

Allianzen sind da

Zumal es interkonfessionelle und interreligiöse Allianzen, mit deren Hilfe die ortsansässigen Kirchen selbst die wohlverstandenen Interessen der Christinnen und Christen vertreten, schon gibt. Im Middle East Council of Churches (MECC) etwa, das auch von missio Aachen unterstützt wird, arbeiten katholische, evangelische, orthodoxe Kirchen des Ostens und griechisch-orthodoxe Kirchen aus der Region eng zusammen.

Daneben gibt es in Afrika zahlreiche weitere selbst organisierte interkonfessionelle und interreligiöse Allianzen der lokalen Kirchen, die gemeinsam gegen den politischen Missbrauch der Religion als Ursache für Bedrängnis und Verfolgung kämpfen. Sie sind sicherlich für einen Dialog auf Augenhöhe mit der russisch-orthodoxen Kirche offen.


Der Autor ist Pressesprecher des Internationalen Katholischen Missionswerkes missio Aachen.

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