Freiburg

Regierungstreue Bischöfe im Ausnahmezustand 

Die allzu große Staatsnähe der katholischen Bischöfe hat sich in der Coronakrise als schädlich erwiesen.

Zu große Abhängigkeit vom Staat schadet der Kirche.
Zu große Abhängigkeit vom Staat schadet der Kirche. Im Bild: Der Vollzugsdienst der Stadt Speyer fährt vor dem Dom Streife. Foto: Andreas Arnold (dpa)

Nach den ersten Lockerungen des nun fast sieben Wochen andauernden gesellschaftlichen Shutdowns, sind ab dieser Woche wieder öffentliche Eucharistiefeiern möglich, allerdings unter strengen Auflagen. Von den Privilegien, die das Schutzkonzept der Deutschen Fußball Liga für die hochdotierten Fußballprofis vorsieht (ständige Corona-Tests, Körperkontakt beim Kampf um den Ball sowie beim Torjubel etc.), können Gläubige nur träumen. Denn anders als die auf heiligem Rasen wie ein Kultgeschehen inszenierten Spiele ist die Feier der Eucharistie in den Kathedralen und anderen Gotteshäusern ökonomisch nicht von Belang. 

Erzbischof Koch distanzierte sich von Propst Goesche

Während im Covid-19 bedingten Ausnahmezustand Bischöfe und Priester bislang ungehindert die heilige Messe feiern konnten (mit einer Handvoll Personen, die als Lektor, Kantor, Organist und Messdiener fungierten), musste sich die Mehrheit der Gläubigen mit virtuellen Gottesdiensten zufriedengeben. Die Bischöfe haben den staatlichen Verboten öffentlicher Gottesdienste von Beginn zugestimmt oder „schicksalsergeben“ (Heribert Prantl) hingenommen. Die Klagen einzelner Gläubiger bei Gerichten begleiteten die kirchlichen Autoritäten mit auffälligem Schweigen, teilweise wurden sie sogar missbilligt. So distanzierte sich der Berliner Erzbischof Heiner Koch von den Klagen, die Propst Gerald Goesche vom Institut St. Philipp Neri bei verschiedenen Gerichten eingereicht hatte, mit der Folge, dass das Bundesverfassungsgericht am Ende das Verbot öffentlicher Gottesdienste zwar als schwerwiegenden Eingriff in die Religionsfreiheit, nicht aber als verfassungswidrig einstufte. Erfolgreich war beim obersten deutschen Gericht dagegen die Klage eines muslimischen Vereins in Niedersachen: Mit Blick auf die Freitagsgebete im Fastenmonat Ramadan erklärten die Karlsruher Richter in ihrem Urteil vom 29. April ein ausnahmsloses Verbot öffentlicher Gottesdienste für verfassungswidrig. Diese Entscheidung gilt nicht nur für Moscheen, sondern auch für Kirchen und Synagogen. Erst als Bund und Länder Lockerungen beim Gottesdienstverbot in Aussicht stellten, wurde von einzelnen Bischöfen vorsichtig die Frage der Verhältnismäßigkeit des Verbots aufgeworfen.

Die Klagen einzelner Gläubiger bei Gerichten
begleiteten die kirchlichen Autoritäten
mit auffälligem Schweigen, teilweise wurden sie sogar missbilligt. 

 

Gesundheit ist kein absolutes Gut

Wie beim Grundrecht auf Religions- und Kultusfreiheit zeigten sich die deutschen Bischöfe auch bei Fragen des Glaubens in Zeiten von Corona merkwürdig sprachlos. Zwar wurde die dunkle Vorstellung eines strafenden Gottes zurückgewiesen. Über den zulassenden Willen Gottes sowie Prüfungen und Anfechtungen im Glauben hörte man kaum etwas. Orientierung hätte das Wort des Psalmisten geben können: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Ps 90,12). Kein Bischof, auch kein Regierungspolitiker wagte zu sagen, was doch auf der Hand liegt, dass nämlich Gesundheit und ein Leben um jeden Preis kein absolutes Gut darstellen, dem alles andere untergeordnet werden dürfte. Es war Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, der dazu den Mut fand: „Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist es die Würde des Menschen. Aber das schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“ 

Viele Gläubige haben Anstoß daran genommen, wie sich die Bischöfe zu den Verboten öffentlicher Gottesdienste in den zurückliegenden Wochen verhalten haben. Die Marginalisierung kirchlicher Praxis und der Druck, unter den die Bischöfe durch den Missbrauchsskandal geraten sind, könnten eine Erklärung für ihre demonstrative Solidarität mit den Gottesdienstverboten sein. Bedenkt man die hinkende Trennung zwischen Kirche und Staat, zu der neben dem Kirchensteuersystem auch die jährlichen Staatsleistungen in dreistelliger Millionenhöhe gehören und aus denen die Bischöfe und weitere kirchliche Würdenträger finanziert werden (Bistumsdotationen), dürfte der episkopale Spielraum für Proteste gegenüber Eingriffen in die Religions- und Kultusfreiheit wohl auch nicht sehr groß sein. Die dramatische Wirtschaftskrise, die als Folge des wochenlangen Shutdowns droht, wahrscheinlich die größte Rezession der Nachkriegszeit, wird mit einer deutlich anwachsenden Arbeitslosigkeit und den weiterhin hohen Kirchenaustrittszahlen dazu führen, dass den Diözesen ein großer Teil des bislang üppigen Kirchensteueraufkommens wegbrechen wird.

 

Verzicht auf staatliche Privilegien bringt  größere Freiheit

Bei der Kirchenfinanzierung sind religionspolitisch vor allem die Staatsleistungen umstritten, ist doch aus den vormals berechtigten Entschädigungen für die Säkularisation kirchlichen Eigentums längst ein fragwürdiges Privileg geworden. Schon vor mehr als einem halben Jahrhundert hatte das Zweite Vatikanische Konzil erklärt, dass die katholische Kirche „ihre Hoffnung nicht auf Privilegien“ setzt, „die ihr von der staatlichen Autorität angeboten werden. Sie wird sogar auf die Ausübung von legitim erworbenen Rechten verzichten, wenn feststeht, dass durch deren Inanspruchnahme die Lauterkeit ihres Zeugnisses in Frage gestellt ist“ (Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“, Nr. 76). 

Bei der schon beschlossenen und angekündigten Schuldenaufnahme durch Bund und Länder von inzwischen mehr als 400 Milliarden Euro ist eine Ablösung der Staatsleistungen, wie sie seit 1919 vorgesehen ist, auf Jahrzehnte hinaus völlig unrealistisch. Bei einem freiwilligen Verzicht auf die Staatsleistungen könnten die deutschen Bischöfe nicht nur einen Beitrag zur Behebung der immensen, nicht nur ökonomischen, sondern auch sozialen Kollateralschäden des Shutdowns leisten, sie würden dadurch auch mehr Freiheit gegenüber dem Staat gewinnen.   

 

 

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