Köln

Reform, Macht und Strukturen

Christiane Florin und Benjamin Leven debattieren über den Sinn des Katholischbleibens.

Reformprozess deutscher Katholiken
Die Frage nach der Wahrheit beflügelt die Reformlust innerhalb der Kirche kaum. Foto: Patrick Seeger (dpa)

Kirchenaustrittsstatistiken lasten seit Jahren wie ein unausweichliches Übel auf der katholischen Kirche in Deutschland. Die Zahl der Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen ist zwar rückläufig, der Exodus der Schafe aus der Institution hingegen nimmt ungebremst zu. Das wirft aus Sicht vieler Kirchenkritiker einen Schatten auf den Inhalt der Botschaft und die Strukturen der Institution als solcher. Im Rahmen der Diskussionsreihe „frank & frei“ der Kölner Karl-Rahner-Akademie diskutierten die Politologin Christiane Florin (Deutschlandfunk) und der Theologe Benjamin Leven (Herder-Korrespondenz) über den Sinn des Katholischbleibens.

Florin: Unbehagen an der Kirche professionell verwurzelt

Florin stellte gleich zu Beginn klar, dass ihr Unbehagen an der Kirche professionell verwurzelt, ihr Dasein als „Hobbykatholikin“ hingegen vergleichsweise weniger angefochten gewesen sei. Pars pro toto verwies die Journalistin auf ihre Interviewerfahrungen mit dem vormaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch im Zug der Missbrauchskrise. Ihr Vorwurf der Vertuschung in der Causa Zollitsch ist zweifellos begründet, auch Erzbischof Stephan Burger von Freiburg hatte ihn erhoben.

Doch muss die nachvollziehbare Empörung über Missbrauchsfälle zwangsläufig zum Bruch mit der Kirche führen? Beide Diskussionsteilnehmer benannten Bindungskräfte: Benjamin Leven verortete die Systemrelevanz der Kirche in der Messfeier. Die Eucharistie habe zentrale Bedeutung für das Selbstverständnis der katholischen Kirche – vom Konzil definiert als „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“. Die Einschätzung der Konzilsväter sei indirekt auch durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts mit Blick auf angemessene Schutzmaßnahmen in Corona-Krise bestätigt worden. Leven verwies auf den Heilswillen Gottes, der in der kirchlichen Spendung der Sakramente zum Ausdruck komme.

Glaube ist mehr als Gottesdienstbesuch

Florin argumentierte mit biografischen Prägungen: Die Erfahrung einer aus der Kirche Ausgetretenen besage: „Du kriegst zwar das Mädchen aus der Kirche, aber nicht die Kirche aus dem Mädchen.“ Glaube sei mehr als Gottesdienstbesuch, erklärte sie unter dem Applaus der Zuschauer, die Statistik zeige, dass nur ein kleiner Teil der Katholiken sonntags regelmäßig zur Messe gehe. Sowohl Florin als auch Leven schlugen kritische Töne zu den Messübertragungen in Corona-Zeiten an: „Es ist überhaupt nicht schön und erhebend, aber eben das, was man unter den gegebenen Bedingungen für möglich hält“, stellte Leven fest.
Legitime Spielräume auszuloten, um der Botschaft Christi mehr Akzeptanz zu verschaffen, ist aus Sicht Florins jedoch weniger eine Frage der liturgischen Gestaltung, sondern der Strukturen. Macht- und Strukturfragen sind aus ihrer Sicht untrennbar miteinander verbunden und auch nicht durch das Beispiel glaubwürdiger Christen relativierbar. Leven gab zu bedenken, Macht sei neutral, entscheidend sei, wie man sich zu ihr verhalte. Auch den in der binnenkirchlichen Debatte umstrittenen Strukturen maß er weniger Eigengewicht bei und rückte die Bedeutung des Einzelnen und die Aufforderung an jeden, gut zu sein, in den Fokus. Seit dem Donatistenstreit sei die Frage, was in der Kirche gut und schlecht sei, diskutiert worden. „Man kann nur von der Vorstellung einer Kirche der Reinen warnen.“

Damit war – frei nach Mutter Teresas Diktum, die Reform der Kirche fange bei jedem Einzelnen an – das Stichwort für eine von mehr Eigenverantwortung bestimmte Diskussion um die Reform der Kirche gefallen. Doch blieb die Frage nach der Reformierbarkeit der Institution mit skeptischem Unterton für den Rest des Abends vorwiegend ad extra angesiedelt. So bescheinigte die von den Sympathien des Publikums getragene Florin Papst Franziskus Resignation. Vom Synodalen Weg „erwarte ich keine Reformen“. Sie glaube jedoch, dass „es mit einer Institution etwas macht, wenn sich Leute diesem Machtanspruch entziehen oder wenn offen widersprochen wird oder wenn man versucht, eigene Wege zu gehen“. Die Kirche verändere sich nicht durch Zehn-Punkte-Reformprogramme, die man nacheinander abarbeite. Das eigentliche Problem der Kirche schreibt sie Machtverhältnissen zu, „die nicht eingestanden werden“.

Leven widerspricht Florin

Leven widersprach dem von Florin gezeichneten Bild der vermeintlich rechtlosen Gläubigen in der Kirche und verwies tagesaktuell auf die Entscheidung der römischen Kleruskongregation zugunsten einer Gruppe von Gläubigen, die in Rom juristisch erfolgreich gegen das Gesetz zur Reform der Pfarreien vorgegangen waren. Florin konterte mit der „fehlenden Rechtssicherheit“ der Gläubigen, die sich in der voneinander abweichenden seelsorglichen Praxis unterschiedlich ausgerichteter Pfarreien zeige und Willkür darstelle. „Das würde im politischen Bereich niemand akzeptieren.“

Scharf wurde die Debatte, als die Rede auf den von Florin kritisierten Ausschluss der Frauen vom Weiheamt kam. Leven sprach nicht mehr mit, sondern über seine in gebührendem Abstand stehende Dialogpartnerin: „Frau Florin lässt die Argumente des anderen nicht als Argumente gelten, sondern als Machtmittel. Das macht es so schwer, mit ihr zu diskutieren. Sie tauscht die Wahrheitsfrage durch die Machtfrage aus.“ Die These einer Geistesverwandtschaft Florins mit dem französischen Philosophen Michel Foucault ließ sich an dem Abend allerdings nicht erhärten. Ob Gott Priesterinnen wollte, sei für sie gar nicht die Frage, sondern: „Wollte Gott die gleiche Würde von Mann und Frau?“

Wissbegierde und kritische Nachfrage im Publikum

Die Debatte umschiffte eine Machtfrage, die durch die Pandemie neues Gewicht bekommen hat: Das Recht der einfachen Gläubigen auf die Sakramente. Von der in der Debatte durchaus dominierenden weiblichen Warte aus gesehen wäre einen Satz wert gewesen. Immerhin betrafen die Folgen des liturgischen Lockdowns überdurchschnittlich häufig Frauen – sie stellen in fast allen Pfarreien das Gros der Messbesucher. Dass Florin ihr Engagement glaubwürdig begründete mit Empathie für Menschen, denen in der Kirche Unrecht zugefügt worden sei, hüllte die noch praktizierenden Katholikinnen gewissermaßen in den Ruch der quantité négligeable.

Im Publikum überwog Redebedarf vor einer vom Geist kritischer Nachfrage getriebenen Wissbegierde. Der Moderator hatte Mühe, den Strom der Mitteilsamkeit aus dem Publikum auf Fragen hinzulenken. Ganz ausgespart blieb das urchristliche Thema der Vergebung. Am Ende des Abends festigte sich der Eindruck, dass Debatten, die sich dieser Kernfrage der Botschaft Jesu nicht stellen, mit Blick auf die Reform der Kirche nicht zielführend sind.