Tübingen

Rassismus-Debatte: Sprechen als Selbstzweck?

Die von der Theologin Rahner ausgelöste Rassismus-Debatte verschärft die Frage, was Katholiken eigentlich noch zusammenhält. Ein Plädoyer für eine neue Gesprächskultur.

Dom Osnabrück
Die Auseinandersetzung zwischen Johanna Rahner und dem Passauer Bischof Stefan Oster hat mit neuer Dringlichkeit die Frage gestellt, wie Katholiken streiten sollen. Blick auf einen Turm vom Osnabrücker Dom St. Petrus. Foto: Friso Gentsch (dpa)

Eine ungewöhnliche Woche liegt hinter der katholischen Kirche in Deutschland. Seit dem Wort Johanna Rahners – wer Diskriminierung in der Kirche sieht und nicht bekämpft, ist ein Rassist – gingen die Wogen hoch. Dass nach Bischof Osters Kritik selbst ein für Frau Rahners Anliegen aufgeschlossener Bischof wie der DBK-Vorsitzende Bätzing einschritt und das R-Wort öffentlich zurückwies, ist ein präzedenzloser Vorgang. Bemerkenswert ist auch, dass eine rauschende Welle der Milieu-Solidarität mit Frau Rahner als einer klugen, prononcierten Stimme des progressiven Flügels ausgeblieben ist. Es überwog eher taktisches Schweigen denn breitbeiniger Support. Zu ungeeignet erschien Frau Rahners R-Wortwahl offenbar.

Was verbindet Katholiken eigentlich noch?

Die Auseinandersetzung zwischen Johanna Rahner und Bischof Oster hat derweil mit neuer Dringlichkeit die Frage gestellt, wie Katholiken streiten sollen – und was sie eigentlich noch verbindet. Insofern wirkte sie klärend. Neben der unterschiedlichen Wahrnehmung der Realität Kirche – Sancta Mater für die einen, diskriminierendes, die Frohbotschaft verzerrendes System für die anderen – wird ein gewaltiger Graben der Sprachlosigkeit zwischen den kirchlichen Lagern offenbar. Die Versuchung bei lehramtstreuen Katholiken ist derweil groß, keine weitere Mühe mehr ins innerkirchliche Gespräch zu investieren. Und tatsächlich darf es Einheit nicht um den Preis der Wahrheit geben. Im Gespräch-Sein ist auf die Dauer kein Wert an sich. Dienst an der Einheit indes ist eine Pflicht und geschieht nicht nur im formelhaften Bekennen des rechten Glaubens, sondern auch im gewinnenden Werben für ihn.

Soll der Einheit dienender Dialog zwischen den unterschiedlichen innerkirchlichen Lagern möglich sein, braucht es aber wenigstens drei Dinge. Das erste wäre ein neuer Ton. Natürlich, Zivilität allein hält eine Kirche nicht zusammen. Das tut nach katholischem Verständnis nur das Bekenntnis des rechten Glaubens unter der Leitung der Bischöfe und des Papstes. Aber es wäre eine notwendige Voraussetzung. Zudem müsste es einen echten Dialog der Positionen geben.

Wer lehrmäßige Veränderungen fordert, ist in der Bringschuld

Protagonisten auf dem Synodalen Weg behaupten schlankweg, das Lehramt habe keine Argumente etwa dafür, dass die Kirche keine Vollmacht habe, Frauen zu weihen. Dabei ist das auf lehrmäßige Veränderungen drängende Lager in der Bringschuld. Es muss erklären, wie die Quadratur des Kreises etwa bei der Frauenweihe gelingen soll. Lehramtstreue Katholiken wiederum sollten genauer hinhören. Gewiss, die Frage der Frauenweihe ist nicht ergebnisoffen zu diskutieren. Nicht jeder indes, der Viri probati sagt, hat damit bereits den Kreis der Rechtgläubigkeit verlassen. Und nein, dieser Hinweis ist kein verstecktes Plädoyer für die Weihe verheirateter Männer. Zudem: Sollte es unterhalb der Ebene der heißen Eisen keinen Raum für Austausch und Gemeinsamkeit geben?

Entscheidend vor allen Einzelfragen aber ist die von Oster aufgeworfene Frage, wer letztlich bestimmt, was katholisch ist – und was nicht. Es geht um Befugnisse und gerne auch Grenzen des Lehramts. „Woher weiß die Kirche, was Gott will – und wer stellt das fest?“ Wenn es keine gemeinsame Antwort auf diese Frage gibt, dann wird es ganz sicher keine Verständigungsbasis im Einzelnen geben. Die Frage nach der Einheit der Kirche in Deutschland beantwortet sich dann von selber.

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