Erfurt

Protagonisten des Synodalen Weges bleiben im Bann des Zeitgeistes gefangen

Die Avantgarde des Synodalen Weges zeigt alte Küng'sche Muster der Kirchenkritik. An den theologischen Fakultäten in Deutschland bestehen diese Muster fort.

Hans Küng
Hans Küng (92) ist immer noch stilbildendend für Art der Kirchenkritik an deutschen theologischen Fakultäten. Foto: imago stock and people

Die aktuelle Debatte um den Synodalen Weg beschert den Gläubigen in Deutschland ein Déja-vu-Erlebnis an die Zeiten, in denen lehramtliche Positionen von Hans Küng für Diskussionsstoff sorgten. Die kirchenpolitische Methode des Schweizer Kirchenkritikers könnte so beschrieben werden: Mache Bischöfe, die für die Lehre der Kirche eintreten, dadurch als Personen unmöglich, dass du ihnen wissenschaftliche Inkompetenz bescheinigst. Dieser Methode scheinen die Theologen Thomas Söding, Julia Knop und Bernhard Emunds zu folgen. Bereitwillig hat der Kölner Stadt-Anzeiger in seiner Ausgabe vom 20. September ihren Angriff auf den Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki und den Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, abgedruckt. Da auch die überregionalen Medien Kirchenthemen nur noch politisch auf die Frage konservativ oder fortschrittlich reduzieren, ist eine solche Abrechnung willkommen.

Abgestraft für Kritik

Bereitwillig wurde den fortschrittlichen Theologen die Anklagevertretung vor dem Tribunal des Zeitgeistes gegen die ewig Gestrigen eingeräumt. Abgestraft werden die Bischöfe wegen ihrer Kritik am Synodalen Weg. Kardinal Woelki hat die gesamte Veranstaltung in Frage gestellt, und Bischof Voderholzer hat einem Text, der dem Frauen-Forum vorgelegt wurde, ein „selten schlechtes theologisches Niveau“ bescheinigt. Dies war wohl zu viel. Bereits die von den Verfassern beschriebene Ausgangslage und Absicht des Synodenprojektes gibt zu denken: Es sollen „Entscheidungen“ getroffen werden hinsichtlich der Fragen: „Wie ist die Macht in der Kirche verteilt? Welche Rolle werden Priester spielen? Welche Zugänge haben Frauen zu Diensten und Ämtern der Kirche? Wie wird in gelingenden Beziehungen Sexualität gelebt?“

Uralte Forderungen

Dahinter verbirgt sich der Katalog alter Forderungen von Küng, zuletzt noch einmal in seinem Band von 2011 „Ist die Kirche noch zu retten?“ zusammengefasst. Neuartig ist nur die behauptete Dringlichkeit, mit der die Fixierung darauf begründet wird: Eine Studie zum sexuellen Missbrauch in der Kirche „habe die Augen dafür geöffnet, wo Anspruch und Wirklichkeit der katholischen Kirche brutal auseinanderklaffen. Ohne klare Antwort erwiese sich die Kirche als reaktions- und kommunikationsunfähig.“ Besagte Studie wurde inzwischen zwar wegen ihrer unhaltbaren Folgerungen wissenschaftlich widerlegt, aber sie leistet nach wie vor ihren Dienst zur Grundlegung der moralischen Überlegenheit der sogenannten Reformkräfte.

Theologie sollte mehr können

Katholische Theologen sollten zu mehr in der Lage sein. Wir leben in einer Zeit, „die ,Entlarvung‘ zur professionellen Liebhaberei einer breit angelegten Intelligenzschicht gemacht hat, so dass kaum jemand sich den Vermutungen über seine Hintergründe und Untergründe entziehen kann, wenn er nur sich rührt, …“. Auch der Synodale Weg wird von diesem Verdachts- und Misstrauensrigorismus angetrieben, den der Philosoph Hans Blumenberg als das Kennzeichen der Moderne ausgemacht hat. Man bedient sich des Empörungspotenzials über die Fälle sexuellen Missbrauchs in der Kirche: Jeder Widerstand gegen den „Reformstau“ wird strukturell für die Verbrechen verantwortlich gemacht, und jedes Festhalten an der bestehenden Kirchenverfassung wird als bloßer Kampf um den Machterhalt angstbesetzter Kleriker enttarnt.

Nietzsche Axiom

Damit lassen sich alle dogmatischen Vorbehalte als Ausdruck des Willens zur Macht durchschauen und abschmettern. Wohin dies letztlich führt, hat Blumenberg das „Nietzsche Axiom“ genannt: „Dass wir verachten, was wir durchschauen.“ Denn Nietzsche als Begründer der moralischen und psychologischen Entlarvungsstrategie sah sehr wohl deren Gefährlichkeit voraus: „So macht man der Reihe nach den Menschen für seine Handlungen, dann für seine Motive und endlich für sein Wesen verantwortlich.“ Wie dies geschieht, kann man an diesem Pamphlet und an der Behandlung der (wenigen) Bischöfe und Laien auf der Synode studieren, die an der sachgerechten Unterscheidung von Bekämpfung von Missbrauch einerseits und sakramentaler Kirchenstruktur andererseits festhalten. Die pauschale Rede der Verfasser vom „Systemversagen“ entspricht der Synodenstrategie, die letztlich den Interessen der Moderne dient, für die es keine Wahrheit, keinen Gott, keine Menschwerdung Gottes und auch keine sakramentale Kirche gibt.

Schmerz-Apriori

Ebenso zeitgeistverhaftet ist der Synodale Weg durch das „Schmerz-Apriori“. So nennt der Philosoph Peter Sloterdijk die aus der kritischen Theorie kommende Ansicht, dass es keine Wahrheit gibt und „allein der Schmerz sagt uns, was ,wahr und falsch‘ ist“. Diese Theorie gründet in einer Mischung „aus Leid, Verachtung und Wut gegen alles, was Macht hat. Sie stilisiert sich zum Spiegel des Weltbösen, der bürgerlichen Kälte, des Prinzips Herrschaft, des schmutzigen Geschäfts und seines Profitmotivs. Die Welt des Männlichen ist es, der sie sich kategorisch verweigert. Sie inspiriert sich aus einem archaischen Nein zur Welt der Väter, der Gesetzgeber und Geschäftemacher. Ihr Vorurteil lautet, dass aus dieser Welt nur böse Macht gegen das Lebendige kommen könne.“

Wenn die drei Theologen „saubere Argumentation, kritische Differenzierungen und eine klare Sprache“ verlangen sowie „kritische Vernunft”, dann würde dazu auch eine Selbstkritik an den unausgesprochenen falschen hermeneutischen Grundvoraussetzungen gehören: „Nietzsches Axiom“ und das „Schmerz-Apriori“ machen es auf dem Synodalen Weg unmöglich, dem Paradox und Ärgernis des Katholischen und des fehlbaren Gebildes der empirischen Kirche und ihres besonderen Verhältnisses zum Gottmenschen Jesus Christus gerecht zu werden.

Gesellschaftliche Relevanz

Von denjenigen, die bereits die philosophischen Grundfehler der Moderne teilen, werden die Bischöfe sodann belehrt, was „gute theologische Argumentation“ ist. An erster Stelle steht, dass die Theologie „mitten aus dem Leben heraus die Frage nach Gott stellen muss“.

Was sagt dem gegenüber die klassische Lehre der Kirche von den Erkenntnisorten der Theologie? Wovon hängt für sie das Katholische der Theologie ab? Was macht katholische Theologie zur Theologie und Theologie zur katholischen Theologie? Es ist die Einheit von Altem und Neuem Testament in den kanonischen Bücher der Heiligen Schrift. Dort werden die Inhalte des Glaubens unmittelbar zugänglich. Erstaunlich, dass der Neutestamentler Söding dies anders sieht und die Bibel an die sechste Stelle verbannt, dort eingeschränkt auf die Wunschvorstellungen: „Sinn für Botschaft der Bibel, um zu entdecken, wo der Geist des Aufbruchs bis heute lebendig ist …“. Für die drei Theologen ist die zweite Stelle, wo der Glaube unmittelbar zugänglich ist, die Suche danach, „gesellschaftlich relevant“ zu sein. In der Prinzipienlehre der Kirche steht an zweiter Stelle die Tradition.

Der Zeitgeist

Benedikt XVI. hat sie definiert als „die Bindung des Menschen an die in der Schrift (als Organ der Tradition) bezeugte einmalige Christusgeschichte, die jedoch durch den Geist in der Kirche ihre Gegenwart hat, von ihr glaubend und betend als Gegenwart erfahren und in der Verkündigung als solche ausgelegt wird“.

Drittes Kriterium für das, was katholische Theologie ausmacht, ist für die Drei, dass sie den „Finger am Puls der Zeit“ hat, ohne sich dabei „den Plausibilitäten der herrschenden Kultur zu unterwerfen“. Damit ist, wie gezeigt, nur die Entlarvung des Machtwillens gemeint, keine Kritik der Moderne an sich. Für die Erkenntnislehre der Kirche folgen hier die Universalkirche, die Konzilien, die Kirchenväter, die Theologie, dann die abgeleiteten Erkenntnisorte: Natürliche Vernunft, die Philosophie, die Kunst, die Wissenschaften, die Politik, die anderen Religionen, die Geschichte. An die Stelle des Glaubensbekenntnisses, der Dogmen und Konzilsbeschlüsse tritt bei den drei Theologen die Relativierung aller Glaubensaussagen: Es gelte zu erkennen, „wie oft das Lehramt seine Meinung geändert hat – stets mit der Beteuerung verbunden, nie etwas Anderes gesagt zu haben“. Bibelwissenschaft und Dogmatik werden an zehnter Stelle rein instrumentell genannt, um „Strukturfragen“, womit die Kirchenverfassung gemeint ist, zu verändern. Dadurch „verschieben sich die Machtstrukturen – und die Rollen werden klarer“.

Ein exklusiver Zirkel

Söding ist Mitautor und Mitverfasser des von der Glaubenskongregation negativ bewerteten ökumenischen Konsenspapiers „Gemeinsam am Tisch des Herrn“. In seinem Gutachten für die Glaubenskommission der Bischofskonferenz über das von ihm selbst mitverfasste Papier hat er bereits kaum verhüllt gedroht: „Auf das Votum von katholischer Seite aus mit Verboten zu reagieren, wäre nicht nur unklug, weil sich die allermeisten Betroffenen, von der Richtigkeit einer wechselseitigen Teilnahme überzeugt, nicht daran hielten; es wäre auch nicht unbegründet, weil das Gewissen bindet, selbst wenn die Argumentation nicht stichhaltig sein sollte.“

Man hat es mit einem exklusiven Zirkel von Akademikern zu tun. Ihr Selbstverständnis ist mit dem des katholischen Theologen unvereinbar. Wie aus ihrem Zeitungsartikel ersichtlich, können sie die Berufung auf lehramtliche Aussagen nur noch verhöhnen. Ihr Maßstab ist nicht mehr die Offenbarung, sondern das, was dem modernen Bewusstsein als plausibel erscheint, oder dem aktuellen Konsens der Wissenschaft entspricht, für den aber niemand leben, leiden oder gar sterben kann.

Glaube als ein Übereignetwerden in das Wir der Kirche als die einzig mögliche Weise des Gleichzeitigwerdens mit Christus, gibt es hier nicht. Nach dem Entzug der Lehrbefugnis sagte Erzbischof Ratzinger im Blick auf Hans Küng: Er betreibe „Theologie im Alleingang, allein mit sich und der modernen Vernunft, ohne den gemeinschaftlichen Grund der verbindlichen Aussagen des Glaubens im formulierten Credo der Kirche“.

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