Würzburg

Pro und Contra: Sind Änderungen im Kirchenrecht angebracht?

Die jüngste Instruktion der vatikanischen Kleruskongregation setzt Visionen über die zukünftige Gestalt von Pfarrgemeinden Grenzen. Das Schreiben ist bei zahlreichen deutschen Bischöfen auf Widerstand gestoßen. Nach Ansicht des Berliner Theologen Georg Essen braucht es eine Weiterentwicklung des Kirchenrechts. Ihm widerspricht der emeritierte Münchner Kanonist Winfried Aymans, der überraschende Perspektiven aufzeigt.

Codex Iuris Canonici
Die jüngste Instruktion der vatikanischen Kleruskongregation setzt Visionen über die zukünftige Gestalt von Pfarrgemeinden Grenzen. Das Schreiben ist bei zahlreichen deutschen Bischöfen auf Widerstand gestoßen. Foto: KNA

Die jüngste Instruktion der vatikanischen Kleruskongregation mit dem Titel „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“ setzt Visionen über die zukünftige Gestalt von Pfarrgemeinden Grenzen. Gemäß dem am Montag veröffentlichten Schreiben bleiben Laien von der Gemeindeleitung ausgeschlossen. Für die in mehreren deutschen Bistümern geplante Aufhebung oder Zusammenlegung von Pfarreien sind demnach jeweils begründete Einzelfallentscheidungen der Bischöfe erforderlich. Der Aufgabe von Kirchengebäuden wegen Finanzknappheit oder Bevölkerungsrückgang erteilt der Vatikan eine Absage.

Nach Ansicht des Berliner Theologen Georg Essen braucht es eine Weiterentwicklung des Kirchenrechts. Die geltende Rechtsordnung scheine nicht mehr in der Lage, „produktiv und konstruktiv Wirklichkeit zu gestalten“, sagte Essen, der Systematische Theologie am neu gegründeten Institut für Katholische Theologie der Humboldt-Universität Berlin lehrt, kürzlich im Deutschlandfunk. Für Strukturreformen sei das bestehende Kirchenrecht daher nicht das geeignete Instrument. Ihm widerspricht der emeritierte Münchner Kanonist Winfried Aymans. Er lehrte von 1978–2003 Kirchenrecht an der Ludwig-Maximilians-Universität München und stellt die Notwendigkeit, die Ursachen des Priestermangels zu analysieren, in den Vordergrund. 

Pro: Reform, kein Etikettenschwindel
von Georg Essen

 Womöglich beruht die Kontroverse, die die Instruktion der Kleruskongregation ausgelöst hat, ja auf einem Missverständnis. Die Rollenprosa einer „Instruktion“ verlangt, dass in ihr Ausführungsbestimmungen zum geltenden Kirchenrecht vorgelegt werden. Also hätte eigentlich doch keiner überrascht sein dürfen, dass die Instruktion, die sich zur Zukunft der Pfarrgemeinden äußert, in Erinnerung ruft, dass – so lehrt das Zweite Vatikanische Konzil – alle Leitungsvollmacht sakramental begründet und deshalb allein Priestern vorbehalten ist. Der semantische Reichtum, der Begriffen wie „Führung“ und „Leitung“ eigen ist, darf folglich nicht darüber hinwegtäuschen, dass er dogmatisch und kirchenrechtlich auf das „Hirtenamt“ enggeführt ist, das als formale Position, die mit Verantwortung und Befugnissen verbunden ist, allein von Männern ausgeübt werden kann, die zuvor zu Priestern geweiht wurden. Dass deshalb die Instruktion davor warnen möchte, den Kredit von Sprachspielen nicht zu überziehen, wenn „Leitungsmodelle“ ersonnen werden, um Laien an der Verantwortung in beratender und unterstützender Funktion zu beteiligen, kann eigentlich niemanden ernsthaft verwundern. Dass Laien Aufgaben übertragen werden, die de facto einer Leitung gleichkommen und auch so wahrgenommen werden, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie de jure keineswegs an der kirchlichen Leitungsvollmacht teilhaben.

"Der semantische Reichtum, der Begriffen wie „Führung“
und „Leitung“ eigen ist,  darf folglich nicht darüber
hinwegtäuschen, dass er dogmatisch und
kirchenrechtlich auf das „Hirtenamt“ enggeführt ist."

Meines Erachtens sollte sich die Kritik an der Instruktion darauf konzentrieren, dass die Kleruskongregation meinte, ihre Überlegungen überhaupt im Format einer Instruktion vorlegen zu müssen. Sie ist nun einmal kein Instrument, um rechtssoziologisch darauf zu reflektieren, ob dem geltenden Kirchenrecht überhaupt noch ein genügender Realitätssinn zugebilligt werden kann, wenn es darum geht, über die Zukunftsträchtigkeit pastoraler Räume nachzudenken. Gilt es nicht wahrzunehmen, dass in weiten Teilen der Kirche der Priestermangel so groß ist, dass die Rechtsnorm, von der eingangs die Rede war, schlicht und ergreifend nicht mehr in der Lage ist, die soziale Wirklichkeit in Pfarreien und Gemeinden zu gestalten und führungskompetente Leitung sicherzustellen? Eine Exekutive, die ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen kann, durchsetzungseffizient das geltende Recht anzuwenden, setzt seine Autorität aufs Spiel. Dieses Schicksal droht auch einem Gesetzgeber, der auf einer Rechtsordnung beharrt, die von der Realität längst überholt ist. Es kann und darf ihm doch nicht gleichgültig sein, dass in nicht wenigen Fällen die Missachtung des geltenden Rechts allein noch die Chance eröffnet, Seelsorge in Pfarreien zu ermöglichen.

Lehre von sakramentaler Hirtengewalt jungen Alters

Denn in der Tat ist in nicht wenigen Teilkirchen die Gestaltungnot so groß, dass Lösungen sich einschleichen können, die vom geltenden Kirchenrecht nicht gedeckt sind. Oder aber, was desgleichen kaum wünschenswert sein kann, dass aus Ausnahmeregelungen, die das Kirchenrecht jetzt schon kennt, um die Seelsorge in bestimmten Situation wahrnehmen und sicherstellen zu können, ein Normalzustand wird.

Eine Instruktion ist, wie gesagt, das falsche Medium, um über dergleichen Fragen in aller Offenheit nachzudenken. Wäre es deshalb nicht an der Zeit, den kirchlichen Gesetzgeber zu bitten, den pastoralen Erfahrungsschatz einer Kirche, die „in und aus Teilkirchen“ besteht, angemessen zu berücksichtigen und deshalb eine Weiterentwicklung des geltenden Kirchenrechts auf den Weg zu bringen, die freilich unausweichlich die kirchliche Verfassungsordnung berühren wird? So ist die Lehre vom sakramentalen Ursprung auch der Hirtengewalt relativ jungen Alters, die in dieser expliziten Weise erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil als Doktrin vertreten wird. Sie ist gewiss kein Dogma, und man kann im Blick auf eine jahrhundertealte Kirchenrechtsgeschichte mit Fug und Recht bezweifeln, dass sie göttlichen Rechts ist. Es sollte, mit anderen Worten, ernsthaft in Erwägung gezogen werden, sich auf frühere Rechtstraditionen zu besinnen, die lehrten, dass die kirchliche Leitungsgewalt auch an Laien delegiert werden kann.

 

 

Contra: Analyse statt Sonderregelung
Von Winfried Aymans

 Man muss nicht immer gleich nach der Änderung des geltenden Rechts rufen, wenn man mit seinen Vorstellungen für die Bewältigung von Problemen an Grenzen stößt. Gewiss kann es Gründe eben, ein weltweit geltendes Recht von Zeit zu Zeit insgesamt auf seine Reformbedürftigkeit zu überprüfen oder auch einzelne Korrekturen vorzunehmen. Damit ist aber noch nicht jedes Änderungsbegehren gerechtfertigt, das hier oder dort lautstark erhoben wird. In Deutschland hat es einige Aufregung gegeben, als die römische Kleruskongregation das geltende Kirchenrecht insoweit in Erinnerung gerufen hat, als die Leitung einer Pfarrei dem Priester vorbehalten ist. Nicht wenige sind der Meinung, dass angesichts des unleugbaren Priestermangels in unserem Land diese Bestimmung des Kirchenrechts nicht mehr eingehalten werden kann. Und überhaupt sei dieser Priestervorbehalt Ausdruck eines ungerechtfertigten Klerikalismus, der überwunden werden müsse. Darum plädieren die einen dafür, dass wenigstens für die Kirche in Deutschland eine Ausnahmeregelung gefunden werden müsse, andere dafür, dass der Vorbehalt aus dem Kirchenrecht ersatzlos gestrichen werden sollte, und wiederum andere rufen gar nach einem Dritten Vatikanischen Konzil. Letztere haben wenigstens die unglaubliche Tragweite des Problems erkannt.

"Ganz ungeniert wird einer Entsakralisierung
des kirchlichen Amtsverständnisses das Wort geredet"

Was ist zu tun? Zunächst müssen die wahren Ursachen des Priestermangels aufgedeckt und analysiert werden. Dazu gehören gesellschaftliche ebenso wie innerkirchliche Entwicklungen: die Zunahme einer allgemeinen Säkularisierung, die ungenierte Sexualisierung der öffentlichen Atmosphäre und schließlich die radikale Abnahme der Kinderzahl. Innerkirchlich ist schon von daher ein Rückgang der Gläubigenzahl die Folge. Die Aufdeckung der schändlichen Vorgänge um Missbrauch durch Kirchenleute war gewiss keine Werbung für geistliche Berufungen. Schließlich hat das in den letzten Jahren schlagwortartig in die Debatte geworfene Verlangen, den Klerikalismus zu überwinden, gewiss abschreckend auf junge Männer gewirkt. Dabei ist dieser Kampfbegriff völlig ungeklärt. In seiner schlimmsten Form richtet er sich so – zu Ende gedacht – gegen jegliches Weiheamt. Was das bedeutet, muss nicht weiter erklärt werden. So wird ganz ungeniert einer Entsakralisierung des kirchlichen Amtsverständnisses das Wort geredet. Das bedeutet die reine Funktionalisierung aller kirchlichen Ämter, die Ignorierung auch des Ursprungs des Bischofsamtes und sogar die Bedeutungslosigkeit der Erwählung der Zwölf durch Jesus Christus.

Diakone und Laien können in Pfarreien moderieren

Wem das alles nicht wichtig und allzeit bindend erscheint, sei das sorgfältige Studium des ganzen dritten Kapitels der Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ des II. Vatikanischen Konzils „über die hierarchische Verfassung der Kirche, insbesondere das Bischofsamt“ dringend ans Herz gelegt. Auch die Ämter der Priester und der Diakone verdanken sich nicht vereinsrechtlichen Vorstellungen; sie sind vielmehr im Zuge der Erfordernisse, die sich aus der Ausbreitung der Kirche ergaben, Ausgliederungen aus dem Bischofsamt zur Bewältigung der apostolischen Sendung.

Die Laien sind nicht die passiv von den Klerikern geistlich Versorgten. Vielmehr sind sie aufgerufen, zusammen mit den geweihten Amtsträgern die Sendung der Kirche mitzutragen. Wie kann dies geschehen namentlich dort, wo Priestermangel herrscht? Das geltende Kirchenrecht weist hierfür den Weg. Wenn mehrere Pfarreien zusammengefasst werden müssen, hat dies so zu geschehen, dass jedenfalls ein bestimmter Priester dem Bischof gegenüber verantwortlich ist (vgl. can. 517 CIC). Mit Rücksicht auf die gewachsenen Strukturen der traditionellen Pfarreien scheint es mir sinnvoll, in jeder von ihnen einen Diakon oder einen Laien (Mann oder Frau) einzusetzen, der das kirchlich-gesellschaftliche Leben dort nach Weisung des Pfarrers organisiert und in Verantwortung gegenüber diesem moderiert.

Einer Änderung des geltenden Rechts oder einer – für Deutschland viel zu häufig reklamierten – partikularen Sonderregelung bedarf es insoweit zunächst einmal nicht.

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