Die missionarische Pfarrei

Pfarrei Herz Jesu in Berlin: Kulturelle Vielfalt - Einheit im Glauben

Im Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg gibt es genauso viele unterschiedliche Kulturen und Herkünfte wie es religiöse Überzeugungen gibt. Die Pfarrei Herz Jesu geht auf alle Menschen zu - und hat damit Erfolg. Ein Beitrag der Serie „die missionarische Pfarrei“.

Herz Jesu Berlin
Mit der eucharistischen Anbetung pflegt Pater Serge eine unentbehrliche Quelle des Pfarreilebens. Foto: Oliver Gierens

In der riesigen, mit prächtigen Wand- und Deckenmalereien verzierten Kirche laufen Jugendliche kreuz und quer durch den Kirchenraum. Der Firmkurs ist gerade zu Ende, die Firmlinge sind im Aufbruch. In der Herz-Jesu-Kirche im Berliner Szene-Bezirk Prenzlauer Berg sind Angebote für Jugendliche ein fester Bestandteil der Gemeindearbeit. Eine Teenie-Gruppe, Firm- und Religionsunterricht, die Kinderschola, Lobpreis-Abende mit moderner Musik – das Programm ist so vielfältig wie der Stadtteil selbst.

Charismatisch geprägt

„Viele junge Familien leben hier, das war vor gut zehn Jahren noch anders“, erzählt Pater Serge Armand Kouamé. Der Priester der charismatischen Gemeinschaft „Chemin Neuf“ (dt.: „Neuer Weg“) betreut die Gemeinde Herz Jesu seit 2016. „Von der Stammgemeinde, also denjenigen, die hier getauft und gefirmt wurden, sind nicht mehr so viele in den Gremien. Die Gemeinde ist sehr vielfältig geworden, viele Menschen aus anderen Ländern kommen zum Arbeiten nach Berlin, manche nur für einige Jahre“, berichtet Pater Serge. Auch er kam erst vor einigen Jahren von der Elfenbeinküste nach Deutschland. Trotz dieses Hintergrunds ist es für den Gemeindepfarrer immer wieder eine Herausforderung, aus diesen verschiedenen Gruppen eine Einheit zu formen, auch in der Spiritualität.

Doch die Gemeinschaft, der Pater Serge angehört, lebt genau dieses Charisma. Chemin Neuf übernahm 1994 die Leitung der Gemeinde, eine Niederlassung lebt seitdem im Pfarrhaus an der Fehrbelliner Straße. Die Einheit der Kirche ist für die charismatisch geprägte Gemeinschaft von herausragender Bedeutung, sie fördert aktiv die Zusammenarbeit unter den Konfessionen. Und das kommt an hier im Prenzlauer Berg, wo bis in die Familien hinein unterschiedliche Glaubensrichtungen zur Realität gehören.

Konfessionslose sind willkommen

Und diese Präsenz hat auch bereits Berufungen geweckt, wie Pater Serge berichtet. Einige Ehepaare sind über die „Kana-Mission“, ein Angebot für Paare und Familien, der Gemeinschaft beigetreten.
Eine Schwester von Chemin Neuf, die momentan in Spanien lebt, ist ein ehemaliges Mitglied der Jugend von Herz Jesu und in der Gemeinde aufgewachsen. Ein weiteres ehemaliges Gemeindemitglied wird in diesem Jahr zum Priester im Erzbistum Köln geweiht. Dieser Seminarist, meint Pater Serge, habe immer den positiven Einfluss der Nähe und Spiritualität der Gemeinschaft auf seine Berufung erkannt.

Zudem ist die Gemeinde offen für Menschen, die keiner Religion angehören und auf der Sinnsuche sind. Auch für sie gibt es in Herz Jesu ein offenes Ohr – und passende geistliche Angebote. Die Gemeinde setzt auf den Alphakurs, der speziell für Menschen entwickelt wurde, die vom Glauben entfernt sind oder bisher keine Berührung mit ihm hatten. „Immer wieder kommen Leute, die nichts mit dem christlichen Glaben zu tun haben“, erzählt Pater Serge. „Es ist gut, dass sie hier einen Ort haben, wo sie ihre Meinung und ihre Zweifel äußern können.“

Offene Diskussionen, aber keine Verkürzung der Glaubensinhalte

Denn so funktioniert der Alphakurs: Kein Frontalunterricht, keine reine Katechese, sondern ein lockeres Beisammensein in kleinen Tischrunden. Man isst miteinander und kommt dabei ins Gespräch über Glaubensfragen. Dabei darf es auch mal kontrovers zugehen, die Gemeinde ist offen für Diskussionen, ohne die Inhalte des Glaubens dabei zu verkürzen.

Der Alphakurs war auch für Tina Heller das Eingangstor in die Pfarrei. Bis vor kurzem war sie Vorsitzende des Pfarrgemeinderates von Herz Jesu. 2000 zog sie nach Berlin und suchte Anschluss an die Gemeinde. „Der Alphakurs war damals eine gute Möglichkeit, in der Gemeinde Fuß zu fassen“, erzählt sie im Gespräch. „Dadurch habe ich viele Leute kennengelernt und dann angefangen, mich in verschiedenen Bereichen zu engagieren.“ Schon damals habe sie gemerkt, dass die Gemeinde ihre Neumitglieder mit offenen Armen empfängt.

„Wir geben uns da viel Mühe, auch Leute anzusprechen, die man zum ersten Mal sieht.“ Dafür gibt es sogar einen eigenen Empfangsdienst. Die Gemeinde erlebe sie als sehr offen und lebendig, berichtet Tina Heller. „Wir haben mal um 2010 herum ausgerechnet, dass sich knapp die Hälfte der Gemeindemitglieder alle zwei Jahre austauscht.“

Viele Neuzugezogene

Mittlerweile habe sich die Situation aber etwas stabilisiert, dennoch sei Herz Jesu immer noch eine Zuzugsgemeinde. Und oft gelingt es, zu den Neuzugezogenen – ob katholisch oder nicht – einen Kontakt herzustellen. Manche Gemeindemitglieder hätten beispielsweise ihre Arbeitskollegen oder Nachbarn zum Alphakurs eingeladen, und einige seien dann auch gekommen, erzählt Tina Heller. Auch zahlreiche Haus- und Familienkreise sorgen für feste Beziehungen, manchmal auch für Freundschaften. Durch die Anwesenheit von Chemin Neuf habe die Gemeinde noch mehr gelernt, immer offen zu sein für Fremde oder neue Mitglieder. „Das muss man üben“, meint Tina Heller.

Auf diese Weise klappt es auch im Umgang mit Jugendlichen. Vor gut drei Jahren hat die Gemeinde ihr Konzept für die Firmvorbereitung weiterentwickelt. Seitdem werden bereits gefirmte Jugendliche „mit ins Boot geholt“, wie Pater Serge es nennt. Wenn Gleichaltrige dabei sind, öffnen sich Jugendliche stärker. Denn auch unter den Firmlingen sind die Gruppen meist bunt zusammengesetzt. Einige stammen aus gläubigen Familien, andere sind überhaupt nicht christlich sozialisiert und kommen einfach vorbei, um den Glauben zu entdecken.

Glaubenserfahrungen sind entscheidend

Die Gemeinde setzt auf Gruppendynamik: „Die Erfahrung der Gemeinschaft ist in dem Alter sehr wichtig“, betont Pater Serge. Die Kirche soll wie eine Familie sein, die Jugendlichen sitzen wie im Alphakurs in kleinen Gruppen zusammen, können dort ihre Meinung sagen. Häufig schauen sie sich ein Video an, dann gibt es eine Pause, in der sie ihre Fragen loswerden können. Auch kreatives Arbeiten gehört dazu, wenn beispielsweise Bibeltexte gemalt werden. „Die Jugendlichen sind sehr authentisch – wir haben zum Beispiel eine Box, wo sie ihre Fragen hineinwerfen können“, berichtet der Pater. „Es soll ihnen auch Spaß machen. Wir geben ihnen ein paar Basics, aber sie sollen auch Erfahrungen im Glauben machen.“

Erfahrungen – die sind für den Pfarrer an Herz Jesu überhaupt der Schlüssel zu Mission und Evangelisierung. „Wer ist Jesus für mich? Habe ich schon etwas von ihm erfahren? Das ist das Wichtigste für mich“, meint Pater Serge. Ein Zeugnis, das authentisch ist, habe eine viel größere Wirkung als eine Rede, ist der Priester überzeugt. Im Gespräch mit den Menschen im Bezirk treffe er immer wieder auf viel Offenheit. „Die Menschen haben irgendwie Durst“, ist seine Erfahrung. Er komme mit vielen Leuten ins Gespräch, oft gehe es um ihre Nöte und Hoffnungen.

Erfolgsrezept: Auf die Leute zugehen

Auch wer keinen persönlichen Bezug zur Kirche hat, findet hier einen Ort, wo er seine Sorgen erzählen und Fragen loswerden kann. Zweimal bereits hat Pater Serge bei einer Evangelisationsaktion mitgemacht. Auf dem Berliner Alexanderplatz gab es einen „Flashmob“ mit Musik, Gesprächen und Zeugnissen. Anschließend haben sie einige Menschen in die Kirche eingeladen. „Es war erfolgreich, viele sind gekommen“, meint Pater Serge. „Wenn die Glocken läuten, ist das nicht nur eine Einladung, in die Kirche zu kommen, sondern auch, auf die Leute zuzugehen.“ Das gehört wohl zum Erfolgsrezept einer missionarischen Pfarrei.

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