Wien

Österreich: Bischöfe räumen Lernbedarf in der Krise ein

Unmittelbar vor dem Pfingstfest modifiziert die Österreichische Bischofskonferenz die strengen Vorgaben für Gottesdienste.

Wiener Stephansdom
Die österreichischen Bischöfe räumen in ihrem Hirtenwort ein, dass die Corona-Krise „uns auch als Kirche überrascht und überfordert“ habe. Foto: Roland Schlager (APA)

Zu Pfingsten fielen die Masken: Sobald die Gläubigen ihren Sitzplatz in der Kirche erreicht hatten, durften sie den seit der Wiederzulassung öffentlicher Gottesdienste obligatorischen Mund-Nasen-Schutz abnehmen. Sogar beim Kommuniongang durften die Gesichter unverhüllt bleiben. Unmittelbar vor dem Pfingstfest modifizierte die Österreichische Bischofskonferenz am Freitag – einer Verordnung des Gesundheitsministeriums folgend – die strengen Vorgaben für Gottesdienste.

Mindestabstand auf einen Meter reduziert

So wurde der Mindestabstand für Personen, die nicht im gemeinsamen Haushalt leben, von zwei auf einen Meter reduziert. Die Vorschrift, dass eine Person pro 10 Quadratmeter Kircheninnenraum anwesend sein darf, wurde aufgehoben. Hochzeiten, Taufen und Begräbnisse dürfen nun mit bis zu hundert Teilnehmern stattfinden. Es ist weiter nur Handkommunion erlaubt.

Die Weihwasserbecken bleiben leer. Stattdessen sind Desinfektionsmittelspender an den Kircheneingängen aufzustellen. Der Friedensgruß wird mit „gegenseitigem Anblicken und Zuneigen“ vollzogen. „Gläubige, die aus gesundheitlichen Gründen Bedenken haben oder verunsichert sind, bleiben bis auf weiteres von der Sonntagspflicht entbunden“, heißt es in der überarbeiteten Rahmenordnung der Bischofskonferenz. Wer krank ist oder sich krank fühlt, muss sogar auf die Teilnahme an Gottesdiensten verzichten und darf keine liturgischen Dienste ausüben.

In ihrem Hirtenwort zum Pfingstfest gingen Österreichs Bischöfe auf die Kritik vieler Gläubiger am Agieren der Kirche in der Corona-Krise ein: „Manche hatten den Eindruck, dass wir vorrangig mit unseren eigenen Angelegenheiten beschäftigt gewesen wären. Wir bitten um Entschuldigung, wo dies der Fall war und dadurch die Sorge für die konkreten Anliegen der Menschen zu kurz gekommen ist.“ Die Regulierungen der liturgischen Praxis seien aber notwendig gewesen, „um ein Mittragen der behördlichen Maßnahmen zu signalisieren“.

Die kritischen Stimmen mehren sich jetzt

Die Bischöfe räumen in ihrem Hirtenwort ein, dass die Corona-Krise „uns auch als Kirche überrascht und überfordert“ habe. Wie alle Institutionen musste auch die Kirche „im Krisenbewältigungsbetrieb schrittweise lernen, was zu tun ist“. Lob gibt es seitens der Bischöfe für die Telefonseelsorge, die Caritas, viele Pfarreien und jene Priester, die intensiv die digitalen Medien nutzten. Wörtlich heißt es in dem Hirtenwort: „Wir arbeiten weiterhin an einer lern- und erneuerungsbereiten Kirche, die ebenso gefordert ist, sich geistvoll auf eine 'erneuerte Normalität' einzustellen.“

Die Stimmung in der Öffentlichkeit stellt sich Österreichs Bischöfen so dar: „Die rigorosen Einschränkungen der Grundrechte wurden von der Bevölkerung mitgetragen. Jetzt jedoch mehren sich die kritischen Stimmen, die nachträglich die Verhältnismäßigkeit der verordneten Maßnahmen in Frage stellen.“ Die erste Phase des Krisenmanagements in Österreich sei „gut gelungen“, doch gebe es „in letzter Zeit ein hohes Maß an Aggression und eine verbissene Suche nach Fehlern“. Die Bischöfe warnen vor einem „Ungeist der Gehässigkeit und des Hochmuts“, auch vor einem permanenten Empören, Verdächtigen und Anklagen.
Vielen Menschen falle es schwer, „eine Zeit der Ungewissheit und der vielen offenen Fragen auszuhalten“. So würden sich einige in „teils krude Verschwörungstheorien“ flüchten. Die Bischöfe empfehlen, sich „weder vom Virus des Misstrauens noch von jenem der Verzweiflung“ wirr machen – wörtlich: „verviren“ (sic!) – zu lassen. Stattdessen laden sie zu einer „Spiritualität der Dankbarkeit“ ein, denn: „Dankbarkeit ist der Königsweg zu Gott, die Not höchstens der Fluchtweg.“

Die Kollateralschäden der Pandemie im Blick

Das Hirtenwort nimmt gleichzeitig die Kollateralschäden der Pandemie in den Blick: emotionale Isolation, Abhängigkeitserkrankungen, Depressionen, häusliche Spannungen, geschlossene Grenzen, gestiegene Arbeitslosigkeit. Auch habe die Pandemie „den „Ungeist des Anschwärzens, Vernaderns und Denunzierens“ gefördert und globale Bedrohungen verschärft. Wörtlich schreiben die Bischöfe: „Christlicher Glaube wischt keine Probleme weg, verleiht aber eine unerwartete Trotzdem-Kraft in aller Not und gibt den langen Atem sowie Ausdauer für den vor uns liegenden Weg.“

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