Vatikanstadt

Ökumene: Ein Konsens, der de facto nicht besteht

Kardinal Kurt Koch vertieft die Kritik am Mahl-Papier des Ökumenischen Arbeitskreises

Kardinal Kurt Koch
Kardinal Kurt Koch widerlegt die Argumente des Ökumenischen Arbeitskreises mit konkreten Beispielen. Foto: Imago Images

Mit einem Offenen Brief hat der Präsident des päpstlichen Einheitsrats, Kardinal Kurt Koch, auf Vorwürfe aus dem Ökumenischen Arbeitskreis (ÖAK) geantwortet, der Vatikan verweigere das Gespräch und der Einheitsrat beantworte die Haltung des deutschen Arbeitskreises zur ökumenischen Mahlgemeinschaft statt mit einer „inhaltlichen Reaktion“ mit „schroffer Abweisung“. Das hatte der Tübinger Kirchenhistoriker Volker Leppin in einem Interview mit „katholisch.de“ behauptet, nachdem der Kardinal in einer ersten Stellungnahme sein Erstaunen über eine Antwort des ÖAK auf die Zurückweisung des Votums „Gemeinsam zum Tisch des Herrn“ durch die vatikanische Glaubenskongregation zum Ausdruck gebracht hatte (siehe „Tagespost“ vom 28. Januar). Als evangelischer Vorsitzender leitet Leppin den ÖAK zusammen mit der katholischen Dogmatikerin Dorothea Sattler.

Koch: Habe nicht schweigen können

In seinem Offenen Brief an Leppin, der jetzt ebenfalls bei „katholisch.de“ erschienen ist, schreibt Koch, dass diese seine Stellungnahme eine „erste Reaktion“ mit einem dreifachen „mich erstaunt“ gewesen sei. Er, Koch, habe nicht einfach schweigen können. Aber das habe nichts mit „Gesprächsverweigerung“ oder „schroffer Abweisung“ zu tun. Er sei gerne bereit, seinen ersten Einwurf weiter zu entfalten, und nennt in seinem jüngsten Offenen Brief drei konkrete Beispiele dafür, dass das Votum „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ wie auch die Antwort des ÖAK auf die Stellungnahme der Glaubenskongregation von einer „gravierenden Diskrepanz zwischen dem vom ÖAK behaupteten ökumenischen Konsens und der konkreten Realität in der Evangelischen Kirche“ gekennzeichnet sei.

So lese man etwa auf der offiziellen Homepage der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau: „In den Gemeinden der EKHN sind alle, die am Gottesdienst teilnehmen, zur Teilnahme am Abendmahl eingeladen. Auch wer nicht getauft ist oder zu einer anderen christlichen Konfession gehört und das Abendmahl empfangen will, ist willkommen.“ Da könne man nur fragen, so Koch, wie es dann aber um den vom ÖAK behaupteten engen Zusammenhang von Taufe und Abendmahl stehe, „wenn sogar Nicht-Getaufte zum Abendmahl eingeladen sind“.

"Völlige Neuordnung des kirchlichen Wesens"

Ebenso behaupte das Votum „Gemeinsam am Tisch des Herrn“, so Koch weiter, dass auch in der Amtsfrage ein ökumenischer Konsens erreicht worden sei, und zwar dahingehend, dass das „an die Ordination gebundene, geordnete Amt“ zum „Sein der Kirche“ gehöre und sich „nicht einer Delegation des Gemeindewillens, sondern göttlicher Sendung und Einsetzung“ verdanke. Stattdessen aber, so zitiert der Kardinal wiederum aus der Kirchenordnung der EKHN, könne jedes Kirchenmitglied die Einsetzungsworte sprechen und das Abendmahl reichen, „wenn Christinnen und Christen, die sich in Notsituationen befinden, das Abendmahl zu empfangen wünschen und keine Pfarrerin oder kein Pfarrer zu erreichen ist“. Auch hätten einzelne Landeskirchen in Deutschland in der ersten Phase der Corona-Krise „Hausabendmahlsfeiern ohne ordinierte Amtsträger erlaubt“, fügt Koch an. Hier handele es sich nicht um Ausnahmen, so der Kardinal, denn die Grundsatzerklärung des Rats der EKD zum Reformationsgedenken 2017 spreche von einer „völligen Neuordnung des kirchlichen Wesens“ durch die Reformation, auch dahingehend, dass jeder Christ „im Prinzip die Sakramente verwalten, das heißt Taufe spenden und Abendmahl austeilen“ könne.

Als drittes Beispiel für das Auseinanderklaffen von behauptetem ökumenischen Konsens und der Wirklichkeit in den protestantischen Gemeinden nennt Koch die Behauptung des ÖAK in dem Votum „Gemeinsam am Tisch des Herrn“, dass Dank, Erinnerung und Bitte „konstitutive Merkmale des Mahlgeschehens“ seien. Das Votum wörtlich: „Heute sind sich die reformatorischen und die römisch-katholischen Lehrtraditionen darin einig, dass der lobpreisende Dank für Gottes Handeln in Jesus Christus ein wichtiges Element der Feier von Abendmahl/Eucharistie ist.“ Stattdessen aber, so der Kardinal, stoße man etwa in dem Materialheft für den Ökumenischen Kirchentagssonntag vom 7. Februar 2021 auf einen „Entwurf aus evangelischer Tradition“. Hier begegne man „einer theologisch schwach entwickelten Anamnese, von einer Epiklese findet sich keine Spur und der Heilige Geist wird mit Schweigen bedacht“. Insgesamt, schreibt Koch, könne er sein Erstaunen nicht verschweigen, „dass solche Diskrepanzen zwischen behaupteten ökumenischen Konsensen und der faktischen Realität in den Evangelischen Kirchen von den Mitgliedern des ÖAK nicht zur Kenntnis genommen oder, wenn dies der Fall sein sollte, nicht, jedenfalls nur in äußerst minimaler Weise, ausgesprochen werden“.

Bätzing machte sich ÖAK-Votum zu eigen

Im Übrigen habe sich Bischof Bätzing als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz das Votum des ÖAK „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ zu eigen gemacht und es damit auf die Ebene des Lehramts der Bischöfe gehoben. Deshalb habe sich die Glaubenskongregation mit ihrer negativen Stellungnahme auch an die Deutsche Bischofskonferenz gewandt und erwarte sich von dieser eine Antwort.

Indes verteidigte die katholische Theologin Dorothea Sattler das Votum deutscher Theologen gegen die Kritik. Der Text des ÖAK sei die Frucht jahrelanger theologischer Studien, sagte sie am Mittwochabend bei einer Online-Diskussion der Katholischen Akademie in Berlin. In der theologischen Wahrnehmung der jeweils anderen Konfession habe es „Fortschritte" gegeben. Sattler nannte es „abgründig traurig“, dass die vatikanische Glaubenskongregation dies nicht wertschätzend aufnehme. Die verbleibenden Unterschiede im Amtsverständnis der Kirchen dürften nicht länger als entscheidendes Kriterium in der Frage der Kommuniongemeinschaft gelten. Vielmehr sei heute begründungspflichtig, so die Münsteraner Theologin, „warum wir nicht gemeinsam Mahl feiern".

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